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Notenbanken im Währungskrieg: Wer am Geldhahn dreht

Foto: ALEX WONG/ AFP

Währungen "Yuan auf dem Weg zur Weltwährung"

Während andere Notenbanken im Wettlauf um Exportmärkte ihre Währungen drücken, geht Chinas Zentralbank den umgekehrten Weg. Öffnung und Aufwertung bestimmen die Entwicklung, sagt Stefan Scheurer. Alles diene einem Ziel, und Investoren könnten davon profitieren.

mm: Herr Scheurer, keine Woche vergeht, in der nicht eine prominente Stimme vor einem Wechselkurs-Dumping warnt. Für Pimco-Gründer Bill Gross tobt bereits ein "Währungskrieg". Das klingt martialisch, ist es wirklich so ernst?

Scheurer: Wir sollten das vielleicht ein wenig gelassener sehen. So hat die Gruppe der sieben führenden Industrieländer sich in dieser Woche ja auch eindeutig zu Wechselkursen bekannt, die der Markt und nicht die Politik bestimmt. Die wieder aufgeflammte Diskussion sehe ich vor allem als Reflex auf die Ankündigung Japans, die Geldpolitik weiter zu lockern, um die japanische Wirtschaft aus der Deflation zu führen und den Yen niedrig zu halten.

mm: Kann das Bekenntnis der G7 wirklich überzeugen? Hat doch die US-Notenbank noch im Januar ihre lockere Geldpolitik bestätigt. Anerkannt ist auch, dass die Geldpolitik der Notenbanken den Außenwert der Währungen drückt und im Ergebnis Vorteile im Welthandel verschafft. Welche Notenbank geht hier am aggressivsten vor?

Scheurer: Ich sehe hier nicht eine spezielle Notenbank als Frontrunner, das ist ein globales Phänomen. Schon seit ein paar Jahren beobachten wir, dass Notenbanken die Zinsen drücken, um eine finanzielle Repression, also eine lautlose Entschuldung herbeizuführen.

mm: Der vermeintliche Nebeneffekt dieser Politik, die Anlagen in den jeweiligen Währungen unattraktiver macht und damit Wechselkurse drückt, ist aber nicht von der Hand zu weisen.

Scheurer: Das ist richtig. Diese Geldpolitik ermöglicht nicht nur eine günstige Entschuldung der Staaten, sondern verschafft den eigenen Unternehmen der jeweiligen Währungsregion auch Exportvorteile.

mm: Sind die Notenbanken Akteure oder Getriebene der Politik?

Scheurer: Gerade mit Blick auf Japan darf man wohl formulieren, dass die politische Unabhängigkeit der Notenbank in Frage gestellt wird. Zugleich zeigt zum Beispiel die Statistik seit August 2010, dass kein Investor mehr US-Staatsanleihen gekauft hat als die US-Notenbank selbst. Insofern sind die Zentralbanken auch ein aktiver Player im Markt. Dieses Phänomen ist global und war in der Vergangenheit in dieser Form nicht zu sehen.

mm: Wo steht Chinas Notenbank in diesem Wechselkursspiel?

Chinas Devisenreserven wachsen um 10.000 Dollar pro Sekunde

Scheurer: Wenn wir auf den Wechselkurs abstellen, empfinde ich die die Politik der chinesischen Notenbank noch als zurückhaltend. So hat sie zum Beispiel die Leitzinsen seit Juli 2012 nicht mehr gesenkt. Zwar beginnt sie, die Handelsspannen, in der der Renminbi gehandelt wird, kontinuierlich auszuweiten und lässt mehr Auslandsinvestitionen zu. Im globalen Wechselkursspiel nimmt die chinesische Notenbank aber eine eher passive Rolle ein.

mm: Ganz gleich kann ihr das nicht sein - China ist Exportweltmeister, hortet riesige US-Devisenreserven, hat Interessen zu verteidigen.

Scheurer: Richtig ist, Chinas Wirtschaft ist nach wie vor stark exportabhängig, was die Devisenreserven rasant anschwellen lässt - um etwa 10.000 US-Dollar pro Sekunde auf zuletzt mehr als drei Billionen Dollar. Richtig ist aber auch, dass Regierung und Zentralbank in China schon seit geraumer Zeit gegensteuern, um das Wachstum auf eine breitere Basis zu stellen und die Abhängigkeit vom US-Dollar zu verringern. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, sondern folgt der Politik der kleinen Schritte.

mm: Das Exportplus von 25 Prozent und der Handelsüberschuss von 29 Milliarden Dollar im Januar zeichnen aktuell ein anderes Bild. Woran machen Sie Ihre These fest?

Scheurer: Wir sollten diese Momentaufnahme nicht überbewerten. Mit dem aktuellen Fünfjahresplan jedenfalls strebt die Regierung in Peking an, die Löhne auf breiter Basis zu erhöhen, den Binnenkonsum zu stärken und so die Abhängigkeit des vom Export getriebenen Wachstums zu verringern. Gelingt diese Neuausrichtung, sollte Chinas Wirtschaft nachhaltig wachsen und der chinesische Renminbi gegenüber Dollar und Euro weiter aufwerten. Das ist auch das erklärte Ziel: Am Ende soll der Renminbi frei konvertierbar sein.

mm: Noch sind die Einkommensunterschiede enorm. Wie lange braucht es, eine breite konsumstarke Mittelschicht zu etablieren, die die Exportindustrie als Wachstumsmotor in China ablösen könnte?

Scheurer: Auf einen Zeithorizont möchte ich mich nicht festlegen. Mit 36 Prozent ist der Anteil des Binnenkonsums am Bruttoinlandsprodukt für das ausgegebene Ziel in der Tat viel zu gering, und da muss noch viel passieren. Aber die chinesische Regierung packt das jetzt auf verschiedene Weise an. Setzt sie die Pläne wirklich um, sollte es ihr gelingen, den privaten Konsum zu einer tragenden Säule des Wachstums zu formen, mit den dann entsprechenden Effekten auch für die eigene Währung.

mm: Stichwort Währung. Obwohl zweitgrößte Volkswirtschaft, hat China den Renminbi für den Handel noch nicht frei gegeben, eben weil man die Kontrolle über die Ausfuhrpreise nicht verlieren will. Sehen Sie trotzdem Fortschritte?

Scheurer: Wir sehen durchaus Fortschritte. 2009 gab die Parteiführung den auch Yuan genannten Renminbi als regionale Handelswährung frei. Das grenzüberschreitende Handelsvolumen in der Region wächst seitdem rasant. In Asien hat sich der Yuan als Handelswährung etabliert.

mm: International könnte Peking sich das nicht leisten. Der Yuan würde rasant aufwerten, der Vorteil für die heimische Industrie wäre dahin.

Scheurer: Nein, verständlicherweise versuchen sie die eigene Wirtschaft vor einer schlagartigen Aufwertung des Yuan zu schützen. China öffnet seine Währung schrittweise, experimentiert vorsichtig mit den Marktkräften.

mm: Wie zum Beispiel?

Für China gibt es kein Zurück mehr

Scheurer: Neben der breiteren Handelsspanne, in der der Yuan gehandelt werden darf, öffnet sich zugleich China ausländischen Investoren über Offshore-Zentren in Hongkong und Macau, wo die Einlagen rasant anschwellen. Die Regierung ermöglicht ausländischen Investoren einen kontrollierten Zugang zur chinesischen Währung auch dadurch, dass sie in diesen Zentren Anleihen in Renminbi auflegen dürfen, um leichter Geschäfte ohne Währungsrisiken abwickeln zu können. Das Volumen dieser Offshore-Anleihen wächst ebenfalls rasant. Als weiteres Zeichen der Internationalisierung beobachten wir, dass einzelne Zentralbanken in Asien einen direkten Handel ihrer Währungen und dem Renminbi eingehen, ohne Umweg über den Dollar. China tut also einiges, um seinen Kapitalmarkt zu öffnen.

mm: Sehen Sie das Risiko, dass Peking diesen Kurs abrupt stoppt, die Bedingungen für ausländische Investoren wieder deutlich verschärft?

Scheurer: Das glaube ich nicht. China ist mittlerweile an einem Punkt angekommen, wo es quasi kein Zurück mehr gibt. Das Land krempelt seit Jahren nicht nur seine Wirtschaft komplett um, sondern in kleineren Schritten eben auch seinen Kapitalmarkt. China wäre schlecht beraten, wenn es auf diesem Weg einfach umkehrte. Das Land würde nicht nur an Glaubwürdigkeit verlieren, sondern auch seine exponierte Stellung in der globalen Wirtschaft. Ich sehe nur einen Weg, und der führt ganz klar in Richtung Öffnung.

mm: China öffnet seine Währung also primär noch über kontrollierte Offshore-Märkte. Zeigt das Wirkung, wertet der Yuan nachhaltig auf?

Scheurer: Das darf man wohl sagen. Seit 2005 hat die chinesische Währung zum Dollar um rund 25 Prozent und zum Euro um rund 20 Prozent aufgewertet. Auf lange Sicht erwarten wir eine weitere Aufwertung zwischen 2 und 3 Prozent im Jahresschnitt - trotz aller Schwankungen, die es selbstverständlich geben wird. Von dieser Entwicklung können auch Investoren profitieren, in dem sie Renminbi-Anleihen mit ins Portfolio nehmen, deren Kupon in der Regel mehr abwirft als entsprechende Papiere von Industriestaaten. Zum anderen profitieren sie direkt von der Währungskomponente.

mm: Manche Ökonomen glauben, China könnte seinen Kapitalmarkt schon Ende 2015 für ausländische Investoren komplett öffnen. Halten Sie das für realistisch?

Scheurer: Ich würde das nicht auf ein konkretes Jahr fixieren. Wir sehen aber, dass die Entwicklung zur kompletten Öffnung viel schneller voranschreitet als gedacht.

mm: Immer wieder steht im Raum, die schrittweise Öffnung und Internationalisierung des Yuan soll den Dollar als Weltwährung ablösen. Ist das wirklich das erklärte Ziel Pekings? Rechnen Sie damit?

Scheurer: Primäres Ziel von China ist es, für den Renminbi einen international zugänglichen Kapitalmarkt zu schaffen, dabei könnte Schanghai der wichtigste Finanzplatz des Landes werden. Das zweite Ziel ist, die Funktion des Renminbi von einer lokalen zu einer globalen Handelswährung auszuweiten. Dass der Renminbi also eine echte Investmentwährung und irgendwann auch einmal Weltwährung werden kann.

mm: Der Renminbi als Weltwährung, glauben Sie wirklich daran?

Scheurer: Bis dahin ist es noch weit, aber Chinas Yuan ist auf dem besten Weg sich neben US-Dollar und Euro zur Weltreservewährung zu entwickeln. Klar ist, China will an die Spitze der Industrienationen vorrücken. Ob sie es wirklich schaffen, wird die Zeit dann zeigen.

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