Aktienindizes Schwergewichte werden neu sortiert

Die Zusammenstellung der deutschen Aktienindizes wird möglicherweise geändert. Zur Gewichtung könnte bald die Kapitalisierung der Aktien im Streubesitz herangezogen werden. Anleger sollten ihre Investment-Strategie entsprechend ändern.

Frankfurt am Main - Die deutsche Börsenlandschaft steht möglicherweise vor einer tief greifenden Flurbereinigung. Experten rechnen damit, dass zur Berechnung des Börsenwerts einer Gesellschaft künftig nicht mehr das ganze Kapital, sondern nur noch der im Streubesitz befindliche Aktienanteil heran gezogen wird.

Dies hätte zur Folge, dass Firmen mit einem hohen Festbesitzanteil deutlich an Börsenwert einbüßen. Konzerne, deren Aktien zur überwiegenden Mehrheit im Umlauf sind, könnten dagegen in einem Index auf einen Schlag mehr Gewicht erhalten.

Entscheidung wird am Dienstag erwartet

Am Dienstag berät die Deutsche Börse über Änderungen in ihren Aktienindizes. Beobachter gehen davon aus, dass auf dieser Sitzung auch die Weichen für die neue Berechnungsmethode gestellt werden.

Bisher wird die für die Index-Zusammenstellung entscheidende Marktkapitalisierung - also der Börsenwert einer Firma – meist auf Basis aller Aktien einer Gesellschaft berechnet. Der Aktienkurs des Unternehmens multipliziert mit der Zahl der Papiere ergibt dabei den Börsenwert.

Kritiker dieser Methode bemängeln, dass auch die fest im Besitz einer anderen Firma, eines Investors oder des Staates liegenden und damit nicht handelbaren Aktien bei der Berechnung der Kapitalisierung berücksichtigt werden.

Stoxx hat bereits auf Streubesitz umgestellt

Der Index-Anbieter Stoxx stellte jüngst die Berechnung für seine internationalen Indizes auf Freefloat um. Dies führt dazu, dass sich die Gewichtungen der Firmen in Indizes wie dem Euro-Stoxx-50 kräftig verschieben.

Die Deutsche Börse hat zwar erklärt, sie plane zurzeit keine Umstellung der Berechnung für ihre Kursbarometer wie Dax oder Nemax-50. Kenner erwarten aber, dass die Frankfurter Börse über kurz oder lang um eine Neuerung der Regel nicht herumkommen wird.

"Ich rechne ganz fest damit, dass die Deutsche Börse demnächst den Freefloat bei der Marktkapitalisierung zu Grunde legen wird", prophezeit Carsten Hilck, Fonds-Manager und Index-Spezialist bei der Frankfurter Union-Investment.

"Das ist das, was der Markt fordert - man will Aktien handeln, wie sie zu haben sind." Hilck geht davon aus, dass die Frankfurter Börse ihre Berechnungsmethode spätestens zum Verkettungstermin im Dezember umstellt. Durch die Regelung, wie sie Stoxx anwende, würden die Firmen und ihre Aktien "fairer bewertet".

Telekom und Allianz würden deutlich verlieren

Die Gewinner und Verlierer einer solchen Berechnungsänderung sind leicht zu ermitteln. Die Deutsche Telekom und die Allianz liegen je rund zur Hälfte in festen Händen. Damit würde sich ihre Kapitalisierung nach der Streubesitz-Regel halbieren.

Noch härter wären Infineon und Degussa-Hüls betroffen, die je zu mehr als zwei Drittel ihren Muttergesellschaften gehören. Kräftig aufgewertet würden dagegen Siemens, DaimlerChrysler, Bayer und Adidas-Salomon, deren Aktien zu mehr als 80 Prozent im Umlauf sind.

Die Telekom, die derzeit mit mehr als 142 Milliarden Euro Börsenwert das höchstmögliche Gewicht von 15 Prozent und damit den ersten Rang im Dax einnimmt, käme nach der Streubesitz-Regel nur noch auf rund 70 Milliarden Euro und wäre damit nicht mehr der größte Dax-Titel.

Siemens wäre neuer Spitzenreiter im Dax

Neuer Spitzenreiter wäre Siemens mit einer Kapitalisierung von knapp 100 Milliarden Euro und einem Streubesitz von fast 94 Prozent. In einem von der Deutschen Bank berechneten "Freefloat-Dax" belegt Siemens den ersten Rang.

Vom siebten auf den dritten Platz aufsteigen würde die Deutsche Bank. Einige Stufen hinauf klettern würden auch Adidas, MAN und Epcos. Vom vierten auf den zehnten Platz zurückfallen würde dagegen die Münchener Rück. An Gewicht verlieren würden zudem Degussa-Hüls, BMW und Metro.

Private Anleger profitieren von einer Umstellung

Eine Konzentration auf den Freefloat würde nach Einschätzung des Vertriebsleiters Private Banking der Deutschen Bank in Berlin, Harald Norbisrath, auch Vorteile für Kleinaktionäre bringen.

"Privatanleger wollen keinen Staatsbesitz, keine starken Muttergesellschaften oder voluminöse Überkreuzbeteiligungen. Privatanleger wollen freie Handelbarkeit einer möglichst großen Aktienzahl und kein verknapptes Angebot", urteilt Norbisrath, der gegen Jahresende mit der Neuordnung rechnet. Für den Kleinanleger eröffneten sich damit zahlreiche Chancen und Risiken, betont er.

Anleger sollten die Neugewichtung schon mit einplanen

Auch Giuseppe-Guido Amato vom Handelshaus Lang & Schwarz rechnet damit, dass die Börse am Dienstag das Thema Freefloat diskutieren und den Märkten das Signal senden wird, dass eine Umstellung der Berechnungsgrundlagen auf Streubesitz ansteht.

"Aus marktpsychologischen Gründen wird man kommende Woche eine Verlautbarung machen und im Dezember umstellen", sagt Amato. Die Börse werde wahrscheinlich noch den für Herbst geplanten Börsengang der Deutschen Post abwarten, die als klarer Dax-Kandidat gelte.

Amato rät Anlegern, die auf eine Umstellung spekulieren, bereits jetzt die aussichtsreichen Titel zu kaufen, da die Kurse noch ermäßigt seien. Verkäufe der "leidtragenden Titel" sollten von der Marktsituation abhängig gemacht werden.

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