Wegen Finanzkrise USA verklagen Ratingagentur Standard & Poor's

Die führende Ratingagentur Standard & Poor's muss sich für ihre Rolle in der Finanzkrise verantworten. Fünf Jahre nach dem Beinahe-Kollaps des Finanzsystems hat das US-Justizministerium eine Betrugsklage gegen S&P und deren Mutterfirma McGraw-Hill eingereicht. Die Aktie bricht ein.
Hauptquartier von Standard & Poor's in New York: Ratingagentur unter Druck

Hauptquartier von Standard & Poor's in New York: Ratingagentur unter Druck

Foto: Corbis

Washington - Die US-Regierung hat Klage gegen die Ratingagentur Standard & Poor's und deren Muttergesellschaft McGraw-Hill eingereicht. Die Regierung beanstande die Bewertung bestimmter Hypothekenpapiere aus dem Jahr 2007, teilte S&P in New York mit und bestätigte damit einen Bericht des "Wall Street Journal". Die Aktie von McGraw-Hill brach an der Wall Street im frühen Handel um knapp 10 Prozent ein.

Die großen Ratingagenturen hatten vor dem Ausbruch der Finanzkrise zahlreiche US-Hypothekenpapiere mit sehr guten Bonitätsnoten versehen. Investoren verließen sich auf diese Urteile und griffen zu. Als die Krise ausbrach, verloren aber selbst mit der Bestnote Triple-A ausgezeichnete Papiere schlagartig an Wert.

S&P erklärte, eine mögliche Klage sei komplett unbegründet. Auch niemand anderes habe das volle Ausmaß des Abschwungs am Immobilienmarkt vorausgesehen. Das gelte sowohl für Wettbewerber als auch für Regierungsvertreter. S&P habe sogar schneller als andere Ratingagenturen weitreichende Maßnahmen ergriffen.

Die Ratingagenturen stehen seit Jahren in der Kritik, entzogen sich Verfahren aber zumeist erfolgreich mit der Begründung, sie hätten lediglich eine Meinung vertreten und keine Kaufempfehlung abgegeben. Die Abwehrfront scheint aber zu bröckeln.

Anleger in die Irre geführt?

Mitte Januar hatte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe entschieden, dass Ratingagenturen in Deutschland grundsätzlich wegen ihrer Einschätzung verklagt werden können. Zuvor hatte ein australisches Gericht S&P zur Zahlung einer millionenschweren Entschädigung verurteilt, weil die Ratingagentur Anleger in die Irre geführt habe. In New York hatte ein Gericht eine ähnliche Klage von Investoren zugelassen.

Eine Klage des US-Justizministeriums gegen S&P wäre die bislang heftigste Attacke auf die Ratingagenturen. Der Aktienkurs des Mutterkonzerns McGraw-Hill brach bis Börsenschluss in New York um annähernd 14 Prozent ein.

Nach Informationen des "Wall Street Journal" waren Gespräche über einen Vergleich gescheitert. Die Klage könnte noch diese Woche eingereicht werden, berichtete die Zeitung. Es gehe dabei vor allem um das verwendete Bewertungsmodell, hieß es. Das Ministerium selbst äußerte sich nicht.

Milliardengrab Hypothekenpapiere

S&P ist die Nummer eins der Ratingagenturen, doch wird sie zumeist in einem Atemzug mit den Rivalen Moody's und Fitch genannt, wenn es um die Rolle in der Finanzkrise geht.

Ratingagenturen hatten im Auftrag von Banken bewertet, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Hypothekenpapiere ausfallen. Diesen Wertpapieren lagen US-Immobilienkredite zugrunde, vor allem für Eigenheime. Die Papiere wurden von den Banken weltweit verkauft.

Die Ratingagenturen waren vor der Finanzkrise in sehr vielen Fällen davon ausgegangen, dass die Schuldner ihre Raten zuverlässig zahlen können - die Papiere bekamen folglich gute Noten. Als der US-Immobilienmarkt jedoch einbrach, gab es massenhafte Ausfälle und die Papiere erwiesen sich für die Investoren als Milliardengräber. Die Finanzkrise geriet ins Rollen und gipfelte im Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008.

Die drei Ratingagenturen hätten die "finanzielle Kernschmelze" mit ermöglicht, hatte ein Ausschuss des US-Kongresses in seinem Abschlussbericht zur Finanzkrise festgestellt. Zuletzt waren die Ratingagenturen insbesondere wegen des Zeitpunkts der Bonitätsabstufungen europäischer Schuldenstaaten in die Schusslinie geraten. Politiker hatten ihnen vorgeworfen, die Schuldenkrise vor allem mit dem Timing ihrer Ratingentscheidungen zu verschlimmern.

kst/afp/dpa-afx/rtr
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