Gesundheitsreport Trügerische Sicherheit

Patienten klagen über lange Wartezeiten und Zeitmangel der Ärzte, Mediziner klagen über zu hohe Arbeitsbelastung. In Krankenhäusern und strukturschwachen Regionen spitzt sich die Lage zu. Insgesamt aber steigt die Zufriedenheit mit dem System - genau das halten Experten für ein Problem.
Volles Wartezimmer: Daniel Karaa ist Landarzt im brandenburgischen Briesen. Viele seiner Kollegen zieht es in die Stadt, die Folge ist ein Ärztemangel in strukturschwachen Regionen

Volles Wartezimmer: Daniel Karaa ist Landarzt im brandenburgischen Briesen. Viele seiner Kollegen zieht es in die Stadt, die Folge ist ein Ärztemangel in strukturschwachen Regionen

Foto: DPA

Berlin - Das Bild hätte es vermutlich in die "Tagesschau" geschafft: Im brandenburgischen Rathenow harrten vergangene Woche 250 Menschen in einer Schlange stundenlang in der Kälte aus - nicht vor einer Suppenküche oder auf der Jagd nach Schnäppchenpreisen. Sie warteten auf einen Termin bei der neuen Augenärztin. Die zwei anderen Fachkollegen der 26.000 Einwohner zählenden Stadt hatten es bislang offenbar nicht geschafft, alle Patienten zu versorgen.

Der Ärztemangel vor allem in sozial schwachen Gebieten und auf dem Land ist nicht neu. Einzelne Kommunen versuchen gegenzusteuern, etwa über bundesweite Stellenanzeigen. Oder indem sie versuchen, kraft des neuen Versorgungsstrukturgesetzes stärker Einfluss auf die Bedarfsplanung und Niederlassung der Ärzte nehmen. Berlin zum Beispiel will so die höchst ungleiche Verteilung von Fachärzten in den Griff bekommen.

Ob sich der viel zitierte Mangel beseitigen lässt? Die Ärzte selbst haben Zweifel und ihre Sorge wächst, dass in einer alternden Gesellschaft Patienten in Deutschland zusehends nicht mehr wohnortnah und bedarfsgerecht versorgt werden können.

In einer repräsentativen Allensbach-Umfrage für den Vorsorgespezialisten MLP beklagen 56 Prozent der Mediziner (2010: 46) bereits einen deutschlandweiten Ärztemangel. Knapp drei Viertel der Ärzte befürchten, dass sich die Situation in den kommenden Jahren verschärfen wird.

Ärzte in Kleinstädten fürchten erhebliche Nachfolgeprobleme

"Der Ärztemangel spitzt sich insbesondere in den strukturschwachen Gebieten zu", unterstreicht Allensbach-Chefin Renate Köcher am Mittwoch bei der Vorstellung des "MLP-Gesundheitsreport". Demnach berichten 58 Prozent der niedergelassenen Ärzte aus Städten und Regionen unter 100.000 Einwohnern, dass es bei ihnen vor Ort bereits zu wenig Ärzte gibt. 2010 war es lediglich knapp jeder Dritte, der zunehmende Probleme mit der ambulanten Versorgung äußerte.

Niedergelassene Ärzte in den bevölkerungsarmen Regionen haben auch wenig Hoffnung, ihre Praxis einmal an einen Nachfolger übergeben zu können. Fast drei Viertel (72 Prozent) der Mediziner schätzen dieses Unterfangen als "schwierig" oder "sehr schwierig" ein.

In den Ballungsräumen und Großstädten ist die Sorge, keinen Praxisnachfolger zu finden, dagegen deutlich weniger verbreitet (24 Prozent).

Die "Lücken" der ärztlichen Versorgung dürften insbesondere auf dem Land und in Kleinstädten wachsen, sind Köcher und MLP-Chef Uwe Schroeder-Wildberg überzeugt. Der praktizierende Arzt auf dem Land wird zur aussterbenden Spezies, warnen auch kassenärztliche Vereinigungen. Nachwuchsärzte wollten lieber in Ballungszentren, angestellt, in Teilzeit und mit verlässlichen Vertretungsregeln statt selbstständig arbeiten. Zumindest wollten sie die Arbeit und das wirtschaftliche Risiko der Selbstständigkeit teilen, heißt es. Gemeinschaftspraxen auf dem Land werfen in der Regel aber zu wenig ab, um mehrere Parteien zu ernähren.

Was tun? Will die Regierung die teils drastische ärztliche Unterversorgung in strukturschwachen Regionen effektiv bekämpfen, wird sie stärkere Anreize setzen müssen - "auch monetäre", sagt Schroeder-Wildberg.

Krankenhäuser - Kostendruck und Arbeitsbelastung steigen

Ähnlich kritisch wie die Lage der ambulanten Versorgung in strukturschwachen Regionen wird die personelle Situation in den Krankenhäusern eingeschätzt. 56 Prozent der Krankenhausärzte in Deutschland berichten, dass es bei ihnen am Krankenhaus bereits jetzt zu wenige Ärzte gibt, weitere 20 Prozent rechnen für die kommenden Jahre mit einem Ärztemangel. Auch wenn sich die Problem, offene Stellen im stationären Bereich zu besetzen, etwas entschärft habe, äußern laut Umfrage immer noch 67 Prozent (2011: 76 Prozent) der Krankenhausärzte, dass sich nur "mit Schwierigkeiten" neue Ärzte für offene Positionen finden lassen.

Als Ursache für den Ärztemangel nennen die Mediziner in erster Linie die hohe Arbeitsbelastung (85 Prozent) und die starke Reglementierung ihrer Tätigkeit (77 Prozent).

Dabei scheinen besonders Krankenhausärzte unter steigender Arbeitslast zu leiden. Wer selbst das Gespräch mit ihnen sucht, stellt schnell fest, dass der 10-Stunden-Tag die Regel denn die Ausnahme ist. In den zahlreichen Überstunden spiegelt sich auch die finanziell angespannte Situation vieler Krankenhäuser wider: Jede dritte Klinik in Deutschland schreibt rote Zahlen.

Die Häuser müssen sparen, machen dafür milliardenschwere Kürzungen des Gesetzgebers verantwortlich und klagen über eine schlechte Zahlungsmoral der Krankenkassen. So seien in deutschen Kliniken Außenstände von zuletzt 1,1 Milliarden Euro aufgelaufen. Die Kassen sehen das anders, sprechen wie die AOK von einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Finanzierungssystem und einer fehlenden, bedarfsorientierten Krankenhausplanung.

Zu wenig Zeit für den Patienten

Schultern müssen die Misere letztlich die Krankenhausärzte und das Pflegepersonal, die mehr Patienten in kürzerer Zeit zu versorgen haben. Es überrascht daher nicht, dass 59 Prozent der Krankenhausärzte beklagen, zu wenig Zeit für ihre Patienten zu haben. Bei den niedergelassenen Ärzten sind es "nur" 37 Prozent. Stärker als die Kollegen im Spital sehen sie ihre Tätigkeit vor allem durch eine "zu starke Reglementierung" negativ beeinflusst (67 Prozent) und darin einen zentralen Grund für den Ärztemangel.

Nun gehört Klappern bekanntlich zum Handwerk. Nicht zuletzt die 150.000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten in Deutschland sind politisch gut verdrahtet. Sie wissen mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zudem einen durchsetzungsstarken Partner an ihrer Seite, wenn es um höhere Honorare geht.

Insofern sind die Patienten vielleicht der bessere Gradmesser, wenn es um eine ungeschminkte Einschätzung der Versorgung geht.

Patienten klagen über Zeitmangel und zu wenig Pflegepersonal

Laut "Gesundheitsreport" haben 42 Prozent der Deutschen von dem Krankenhaus, in dem sie zuletzt gelegen haben, einen grundsätzlich "guten Eindruck" und 11 Prozent "keinen guten Eindruck". Die zufriedenen Patienten verweisen zuvorderst auf die Hilfsbereitschaft des Pflegepersonals (74 Prozent) und die gute Ausstattung (57 Prozent) des Krankenhauses.

Die Personalprobleme in den Krankenhäusern bleiben den Patienten aber nicht verborgen. 57 Prozent der Befragten monieren, dass die Ärzte zu wenig Zeit für sie hätten. Nahezu jeder zweite Patient hat den Eindruck, dass das Pflegepersonal überfordert ist, dass es überhaupt zu wenig Krankenschwestern und Pfleger gibt. 2007 hatten die Patienten die Situation noch deutlich positiver bewertet.

Bemerkenswert ist, wie weit die Wahrnehmung der Versorgungsqualität zwischen Ärzten und Patienten auseinander liegt.

Knapp die Hälfte (46 Prozent) aller Ärzte ist überzeugt, dass der Kostendruck im Gesundheitswesen die Qualität der medizinischen Versorgung negativ beeinträchtigt (2010: 26 Prozent). In der Konsequenz verzichten sie dabei weniger auf die Behandlung, sondern verschieben sie auf einen späteren Zeitpunkt. So mussten aus Budgetgründen 56 Prozent der niedergelassenen und 60 Prozent der Krankenhausärzte zumindest in Einzelfällen Behandlungen verschieben.

Lange Wartezeiten trotz Termin

Die Patienten selbst nehmen das laut Umfrage anders wahr. Ihre Sorge, dass sie im Krankheitsfall aus Kostengründen eine Behandlung nicht verschrieben bekommen, ist unter gesetzlich Krankenversicherten mit 34 Prozent (2010: 46 Prozent) deutlich rückläufig und bei Privatversicherten mit 11 Prozent nahezu konstant.

Privatpatienten zahlten in der jüngsten Vergangenheit dagegen seltener (29 Prozent) Behandlungen aus eigener Tasche als gesetzliche Versicherte (39 Prozent), weil die Kasse die Behandlungskosten nicht deckte. Für diese Behandlungen mussten die Privatpatienten in den vergangenen zwölf Monaten mit 560 Euro im Schnitt aber deutlich mehr ausgeben als gesetzlich Versicherte (278 Euro).

Lange Wartezeiten bleiben für viele Patienten ein Problem. Jeder zweite Bundesbürger (52 Prozent) gibt an, dass er in den vergangenen zwei Jahren "sehr lange" auf einen Arzttermin warten musste, und das nicht nur einmal. Für fast zwei Drittel (64 Prozent) der Patienten waren die Arztbesuche trotz des Termins oft mit langen Wartezeiten verbunden. Die Menschen in Rathenow und anderswo tragen es offenbar mit Fassung.

Zufriedenheit insgesamt steigt - Reformdruck im Wahljahr sinkt

Überhaupt stellen 82 Prozent der Menschen aktuell dem Gesundheitssystem insgesamt ein gutes oder sehr gutes Zeugnis aus und damit deutlich mehr als noch ein Jahr zuvor (72 Prozent) oder im Jahr 2008 (59 Prozent). Auch unter den Ärzten wächst trotz aller Kritik das Vertrauen in das System als Ganzes auf einen historischen Spitzenwert (93 Prozent).

Nach Einschätzung von Allensbach-Chefin Köcher hat das viel mit dem nach wie vor robusten Arbeitsmarkt in Deutschland zu tun, der die finanzielle Lage der Krankenkassen entspannt. Letztere müssen derzeit mehr über die Verwendung ihrer milliardenschweren Überschüsse nachdenken als über die Deckung von Defiziten.

Angesichts der komfortablen Situation haben zahlreiche Kassen angekündigt, ihren Mitgliedern Beiträge zurückzuerstatten oder das Leistungsspektrum ausweiten. Zusatzbeiträge verlangt keine Kasse mehr, die Praxisgebühr gehört seit Jahresbeginn der Vergangenheit an. Auch das wird die Einstellung der Bürger zum Gesundheitssystem positiv beeinflusst haben.

In dieser Situation lässt der Reformdruck auf die Politik nach. Waren vor drei Jahren noch zwei Drittel der Bürger überzeugt, dass das Gesundheitssystem umfassend reformiert werden muss, glaubt das aktuell nur noch knapp jeder Zweite. Und weitaus weniger als noch vor einigen Jahren gehen die Bürger jetzt davon aus, dass Leistungseinschnitte notwendig sind, um die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems auch langfristig sicherzustellen.

Schroeder-Wildberg: "Kassenlage erzeugt falsche Sicherheit"

Dieser Trend könnte gerade im Wahljahr die Politik dazu verleiten, ihre Reformanstrengungen einzustellen, befürchtet MLP-Chef Schroeder-Wildberg. "Derzeit besteht die Gefahr, dass die konjunkturbedingt gute Kassenlage in den Sozialsystemen eine falsche Sicherheit erzeugt", sagt er. Spätestens in der neuen Legislaturperiode sollte die neue Bundesregierung die "kurzfristig" gute Situation dazu nutzen, um das Gesundheitssystem "zukunftsfest" zu machen.

Dass die von SPD und Grünen favorisierte "Bürgerversicherung" nicht dazu taugt, obwohl sich mittlerweile 56 Prozent der Bevölkerung und 51 Prozent der Ärzte dafür aussprechen, davon ist der Manager fest überzeugt. Sie sei ein "Irrweg", löse die finanziellen und strukturellen Probleme im Gesundheitssystem nicht nachhaltig.

Wie die Schlange stehenden Menschen in Rathenow darüber denken, ist nicht bekannt. Als vergleichsweise sicher darf dagegen gelten, dass nur die wenigsten von ihnen für die Vermittlung einer privaten Krankenversicherung durch MLP-Berater in Frage kommen.

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