Samstag, 18. Januar 2020

Gesundheitsreport Trügerische Sicherheit

Volles Wartezimmer: Daniel Karaa ist Landarzt im brandenburgischen Briesen. Viele seiner Kollegen zieht es in die Stadt, die Folge ist ein Ärztemangel in strukturschwachen Regionen

2. Teil: Krankenhäuser - Kostendruck und Arbeitsbelastung steigen

Ähnlich kritisch wie die Lage der ambulanten Versorgung in strukturschwachen Regionen wird die personelle Situation in den Krankenhäusern eingeschätzt. 56 Prozent der Krankenhausärzte in Deutschland berichten, dass es bei ihnen am Krankenhaus bereits jetzt zu wenige Ärzte gibt, weitere 20 Prozent rechnen für die kommenden Jahre mit einem Ärztemangel. Auch wenn sich die Problem, offene Stellen im stationären Bereich zu besetzen, etwas entschärft habe, äußern laut Umfrage immer noch 67 Prozent (2011: 76 Prozent) der Krankenhausärzte, dass sich nur "mit Schwierigkeiten" neue Ärzte für offene Positionen finden lassen.

Als Ursache für den Ärztemangel nennen die Mediziner in erster Linie die hohe Arbeitsbelastung (85 Prozent) und die starke Reglementierung ihrer Tätigkeit (77 Prozent).

Dabei scheinen besonders Krankenhausärzte unter steigender Arbeitslast zu leiden. Wer selbst das Gespräch mit ihnen sucht, stellt schnell fest, dass der 10-Stunden-Tag die Regel denn die Ausnahme ist. In den zahlreichen Überstunden spiegelt sich auch die finanziell angespannte Situation vieler Krankenhäuser wider: Jede dritte Klinik in Deutschland schreibt rote Zahlen.

Die Häuser müssen sparen, machen dafür milliardenschwere Kürzungen des Gesetzgebers verantwortlich und klagen über eine schlechte Zahlungsmoral der Krankenkassen. So seien in deutschen Kliniken Außenstände von zuletzt 1,1 Milliarden Euro aufgelaufen. Die Kassen sehen das anders, sprechen wie die AOK von einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Finanzierungssystem und einer fehlenden, bedarfsorientierten Krankenhausplanung.

Zu wenig Zeit für den Patienten

Schultern müssen die Misere letztlich die Krankenhausärzte und das Pflegepersonal, die mehr Patienten in kürzerer Zeit zu versorgen haben. Es überrascht daher nicht, dass 59 Prozent der Krankenhausärzte beklagen, zu wenig Zeit für ihre Patienten zu haben. Bei den niedergelassenen Ärzten sind es "nur" 37 Prozent. Stärker als die Kollegen im Spital sehen sie ihre Tätigkeit vor allem durch eine "zu starke Reglementierung" negativ beeinflusst (67 Prozent) und darin einen zentralen Grund für den Ärztemangel.

Nun gehört Klappern bekanntlich zum Handwerk. Nicht zuletzt die 150.000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten in Deutschland sind politisch gut verdrahtet. Sie wissen mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zudem einen durchsetzungsstarken Partner an ihrer Seite, wenn es um höhere Honorare geht.

Insofern sind die Patienten vielleicht der bessere Gradmesser, wenn es um eine ungeschminkte Einschätzung der Versorgung geht.

© manager magazin 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung