UMTS-Lizenzen Milliarden-Roulette um eine ungewisse Zukunft

Wenn Montag das Roulette um die Lizenzen für die neue Mobilfunk-Generation startet, geht es um Sein oder Nicht-Sein auf dem deutschen Markt. Aber auch vor den erfolgreichen Bietern liegen lange Durststrecken.

Berlin - Schneller Internet-Zugang, Videkonferenzen, Börsengeschäfte oder Online-Reisebuchung - dem Mobilfunkstandard der dritten Generation gelten alle Hoffnungen der Telekom-Branche. Gerade die am Montag in Mainz startenden Versteigerungen haben eine große Bedeutung, denn Deutschland ist der größte europäische Mobilfunkmarkt.

Nur vier bis sechs Anbieter werden zum Zuge kommen. Sie müssen sich auf jahrelange Durststrecken gefasst machen, bevor sich die Milliardeninvestitionen lohnen - selbst wenn die Lizenzkosten nun deutlich geringer ausfallen dürften als von vielen Firmen zunächst befürchtet worden war.

Wie eine Schockwelle ging Ende April die Nachricht von den Erlösen der Londoner UMTS-Versteigerung durch Europa, die dem britischen Staat mit umgerechnet 75 Milliarden Mark das Zehnfache des ursprünglich erwarteten Betrages einbrachte.

Unternehmenschefs in der Telekom-Branche warfen ihre Kalkulationen für kommende Auktionen um, die staatlichen Kassenwarte diesseits und jenseits des Rheins rieben sich die Hände. Der Begriff "UMTS" wurde von Finanzminister Hans Eichel (SPD) verschmitzt mit "Unerwartete Mehreinnahmen zur Tilgung von Schulden" aufgelöst.

Ifo-Institut rechnet mit Einnahmen in Höhe 45 Milliarden Mark

Mittlerweile sind die Prognosen vorsichtiger. In den Niederlanden nahm die Den Haager Regierung bei der am Montag beendeten Auktion nur ein Drittel des erhofften Betrages ein. In Paris machte die Regierung, die ihre vier Lizenzen zunächst auf 15 Jahre für umgerechnet knapp je zehn Milliarden Mark verpachten wollte, einen Rückzieher und will nun zunächst die deutsche Versteigerung abwarten. Das Münchner ifo-Institut rechnete am Donnerstag mit Gesamteinnahmen von 45 Milliarden Mark.

Hohe Kostenschätzungen von bis zu 120 Milliarden Mark für sechs Lizenzen hatten bei einigen Unternehmen für deutliche Ernüchterung gesorgt; das Feld der ursprünglich elf zugelassenen UMTS-Bieter lichtete sich; um die Zuschläge sollen nun zumeist Firmenallianzen buhlen.

Talkline zog Mitte Juni die Notbremse: "Wir kalkulieren solide und setzen weder das Kapital unserer Gesellschafter noch die Zukunft unserer Mitarbeiter fahrlässig aufs Spiel", begründete Firmenchef Kim Frimer den Rückzieher. Der Elmshorner Anbieter setzt nun auf eine Allianz mit einem UMTS-Halter, dem Frimer im Gegenzug seine Festnetzinfrastruktur anbieten will.

Zu solchen Ausweich-Strategien rät auch Rudolf Fischer von der Unternehmensberatung Arthur D. Little. Bei der UMTS-Euphorie gelte es vor allem für Kleinanbieter, "kühlen Kopf" zu bewahren. Da die Einführung der Technik Jahre auf sich warten lassen werde, könnten die leer ausgegangenen Firmen eingesparte Auktionsmilliarden zunächst in Tarifsenkungen und Werbung stecken, um ihren Marktanteil zu vergrößern.

Auch die Konzentration auf den neuen GPRS-Standard, der ab Jahresende schnellere Übertragungen auf Basis der bestehenden GSM-Netze erlaubt, könne eine sinnvolle Alternative sein.

Experten bezweifeln, dass UMTS zum Massenprodukt wird

Einige Experten bezweifeln ohnehin, dass UMTS schnell zum Massenprodukt wird. Nach einer Studie von Forrester Research werden die - zumindest anfangs teuren - Anwendungen der Breitband-Mobiltelefonie zunächst nur von einem kleinen Bevölkerungsteil genutzt werden. "M-Commerce" sei nur in sehr begrenztem Rahmen möglich, erklären die Experten. So sei kaum vorstellbar, dass Nutzer in ihren mobilen Mini-Displays Dutzende CD- oder Buch-Titel durchforsten, um schließlich ein Exemplar zu bestellen. Dazu sei der heimische Computerbildschirm oder TV-Monitor weit besser geeignet.

Interessant würden mobile Anwendungen aber bei wenig zeitaufwendigen Aktionen wie bei Kontoüberweisungen oder dem Last-Minute-Kauf von Flugtickets. Dies sei allerdings auch mit GPRS zu haben.

Auch Reinmar Götz von der MSM Management Consulting rechnet damit, dass UMTS langsam anlaufen wird. Selbst große Anbieter könnten frühestens 2009 mit schwarzen Zahlen rechnen. Notwendig seien dafür ein Marktanteil von 25 Prozent und Einnahmen von gut 86 Mark pro UMTS-Kunde und Monat.

Diese Vorgaben würden derzeit nur die Branchenführer Mannesmann Mobilfunk (D2) und T-Mobil (D1) erfüllen. Für alle übrigen Bewerber sei mit einem Plus erst im nächsten Jahrzehnt zu rechnen - wenn überhaupt.