Samstag, 20. Juli 2019

Niedrigzinspolitik Wie Draghi Deutschlands Sparer peinigt

Der Herr der Niedrigzinsen: Mario Draghi ist Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) und verantwortet als solcher die niedrigen Leitzinsen der EU.
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Der Herr der Niedrigzinsen: Mario Draghi ist Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) und verantwortet als solcher die niedrigen Leitzinsen der EU.

Niedrige Zinsen sind gut für Menschen mit Schulden. Doch für Sparer sind sie eine Katastrophe. Denn nach Abzug der Inflation verdienen sie mit ihren Spargroschen nichts mehr. Und es wird noch schlimmer.

Hamburg - Mit Zahlen ist das so eine Sache. Sie können verschleiern. Griechenland hat zum Beispiel mit offenbar gefälschten Zahlen den Zutritt zur Euro-Zone erschlichen. Zahlen können aber auch enthüllen. Seit Beginn des Jahres zogen Anleger beispielsweise gut 1,7 Milliarden Euro aus Geldmarktfonds ab, jenen sicheren und niedrig verzinsten Geldanlagen, die für kurzfristiges Beiseitelegen von Geld konzipiert waren. Und das ist kein plötzlicher Trend: Im Jahr 2010 beispielsweise lag der Mittelabfluss bei über neun Milliarden Euro, 2009 waren es gar mehr als 19 Milliarden Euro - was für ein Wandel.

Noch vor zehn Jahren waren Geldmarktfonds so etwas wie der VW Käfer der Finanzindustrie; der Verkauf lief und lief und lief. Von Jahr zu Jahr wuchs ihr Volumen, 100 Milliarden Euro lagerten zu Zeiten ihrer Hochphase, im Jahr 2007, in Geldmarktfonds. Und mit Zinsen oberhalb der Leitzinsen waren es auch die Anleger zufrieden. Doch es kam die Krise, die Konkurrenz der Direktbanken - und es kam EZB-Chef Mario Draghi und seine Niedrigzinspolitik. Sie läuteten das Ende der Geldmarktfonds ein.

Heute stecken nur noch etwas über 14 Milliarden Euro in den Fonds, und es wird immer weniger. Kein Wunder, zuletzt erwirtschafteten Geldmarktfonds ein Jahresplus von 0,9 Prozent. Im historischen Schnitt waren es dagegen um die 2 Prozent, zeigen die Statistiken des Bundesverband Investment und Assetmanagement (BVI). Damals schützte so eine Wertentwicklung noch vor den Folgen der Inflation. Heute aber ist dieser Schutzwall geschliffen. Und das, obwohl einige Fondsanbieter die Gebühren für ihre Geldmarktfonds gesenkt haben.

Zuletzt war es das Traditionshaus Metzler, das sie gleich um 50 Prozent auf 0,05 Prozent pro Jahr reduzierte. Andere Gesellschaften weigern sich gar, neue Gelder anzunehmen. Die Folge: Den deutschen Anlegern fehlen plötzlich diese Fonds, ihnen drohen die Parkplätze fürs Geld auszugehen. Und der Trend beschleunigt sich.

Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen oder auch JPMorgan Chase Börsen-Chart zeigen beispielsweise haben den Zugang zu einigen ihrer Geldmarktfonds begrenzt. Denn so schützen sie sich davor, mit dem neuen Geld niedrig oder gar negativ verzinste Papiere kaufen zu müssen. Anders ausgedrückt - auch sie wissen einfach nicht, wo sie im aktuellen Zinsumfeld das Geld noch anlegen können. Ihnen fehlt der Spielraum der Manager herkömmlicher Fonds.

"Wenn Sie bestimmte Renditevorstellungen haben, zum Beispiel 4 Prozent im Jahr, doch die Leitzinsen dauerhaft niedrig sind, gibt es nur zwei Möglichkeiten - entweder Sie erhöhen Ihre Risikotoleranz oder Sie senken Ihre Renditevorstellungen", erklärt Stephan Kuhnke, Leiter des Portfoliomanagements bei Bantleon. Genau diese Freiheit haben die Verwalter der Geldmarktfonds nicht. Das Gesetz schreibt ihnen vor, dass sie allein in Bankguthaben und in kurzlaufende verzinsliche Wertpapiere investieren dürfen. Es bleiben also nur die skizzierten drastische Schritte.

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