Reichtumsforschung "Geld ist Macht - so einfach ist das"

Von Marcus Klöckner
Von Marcus Klöckner
Die Superreichen Deutschlands machen nur einen minimalen Anteil an der Bevölkerung aus, die überwältigende Mehrheit der Gesellschaft starrt auf sie. Reichen-Kritiker Hans-Jürgen Krysmanski über die neue Klassengesellschaft, geheime Zirkel - und seine Angst vor Konflikten.
Demonstrant vor der Europäischen Zentralbank: Ärger über die ungerechte Verteilung des Vermögens

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Foto: picture alliance / dpa

mm: Herr Krysmanski, Sie sprechen in ihrem Buch über die Geldelite, also von Reichen und Superreichen. Wann gehört jemand zu den Superreichen?

Krysmanski: Es gibt eine klassische Definition der Superreichen, die der US-amerikanische Journalist und Reichtumsforscher Ferdinand Lundberg einmal aufstellte: Zu den Superreichen gehören die, die absolut sicher sein können, ihr Vermögen nicht zu verlieren, auch wenn die Welt um sie zusammenbricht.

mm: Lässt sich das in Geldsummen fassen?

Krysmanski: Für das internationale Wealth Management beginnt der Superreichtum heute bei 300 bis 500 Millionen Dollar. Das ist auch die Geldbesitzregion, in welcher der luxuriöseste Konsumwunsch uninteressant wird und Geld erst seine wirkliche Macht ungehindert entfalten kann.

mm: Warum soll uns als Gesellschaft der Reichtum der Anderen überhaupt interessieren?

Krysmanski: Die Superreichen verkörpern in unserer Gesellschaft, in welcher laut Verfassung alle die gleichen Chancen haben sollen, das Glück, das letzte Aufstiegsziel. Wir wissen, dass das illusionär ist, dass die da oben nicht unbedingt glücklicher sind als wir. Und dennoch ist Reichtum ein Traumziel, um das sich fast alles dreht.

mm: Ist dann nicht Neid natürlicher Teil unserer Gesellschaft und sie ihr eigenes Risiko?

Krysmanski: Diese Fixierung auf Geld, auf viel Geld, trägt eigentlich zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Wenn aber das mit den gleichen Chancen, mit der Verteilung nicht mehr so stimmt; wenn die Reichen sich abschirmen, sich in ihre Privatheit zurückziehen, während der Hartz-IV-Empfänger sein letztes Sparbuch offenlegen muss - dann wird das Interesse am Reichtum der anderen erst recht geschürt, dann kommt es zu sozialen Konflikten.

mm: Sie betrachten die 0,1 Prozent der Superreichen kritisch. Sie sprechen von einer "ungeheuren" und "unkontrollierten" Macht. Was hat es mit der Macht der Superreichen auf sich?

Krysmanski: Geld ist Macht - so einfach ist das. Und Macht, die nicht kontrolliert wird, erzeugt Ohnmacht bei allen anderen. Und wir können alle sehen, dass Reichtum ab einer gewissen Höhe sich gar nicht mehr kontrollieren lässt. Er ist zu verzweigt, zu international, zu transnational angelegt. Insofern entsteht mit dem Superreichtum eine völlig losgelöste und zu allem fähige soziale Schicht im Zentrum der Gesellschaft, um die sich alles dreht. Hier lassen sich dann weitere Gruppen und Schichten benennen, welche der Geldmacht zuarbeiten oder von ihr abhängen. Der junge Marx schrieb einmal, wer reich ist, "kann sich die geistreichen Leute kaufen, und wer die Macht über die Geistreichen hat, ist der nicht geistreicher als der Geistreiche?"

mm: Andere Länder wie die USA scheinen doch entspannter mit dem Thema Reichtum umzugehen. Warum werden Reiche und Superreiche in Deutschland eher kritisch beäugt?

Krysmanski: Das stimmt so nicht. In den USA wird inzwischen viel kritischer mit dem Superreichtum umgegangen als bei uns. Das Wort von der Plutokratie macht die Runde, und zwar in seriösen Blättern wie der "New York Times". Mehr noch: Bill Moyers, Publizist und ehemaliger Regierungssprecher, produziert Sendungen unter Titeln wie 'Die schamlosen Plutokraten'. Robert Reich, ehemaliger Arbeitsminister unter Clinton zieht am gleichen Strang. Paul Krugman, Nobelpreisträger und Leitartikler der New York Times, spricht von der Herrschaft der 0,01 Prozent durch die 0,01 Prozent für die 0,01 Prozent.

mm: Sie meinen, wir gehen zu zahm mit den Superreichen hierzulande um?

Krysmanski: In Deutschland dagegen werden selbst diejenigen aber, die im Jahr pro Familie 600 Millionen Euro Dividende einstreichen, als ein harmloses, teils spießiges, teils irgendwelchen Luxushobbies wie Pferdesport oder Oldtimer-Sammeln frönendes Völkchen verkauft.

mm: Wer viel hat, zahlt in Deutschland auch viel Steuern. Was spricht für eine oftmals geforderte zusätzliche Vermögensabgabe?

Krysmanski: Nur eine Information zur allgemeinen Steuermoral dieser Schicht: Nach einer Untersuchung des seriösen Tax Justice Network haben die Reichen der Welt Finanzvermögen von 21 bis 32 Billionen Dollar in Steueroasen gebunkert. Das entspricht mehr als dem gesamten Bruttoinlandsprodukt der USA. Der Leiter dieser Studie, ein früherer Chefvolkswirt der Unternehmensberatung McKinsey, bezeichnet die dem Fiskus entzogenen Privatvermögen als 'großes schwarzes Loch in der Weltwirtschaft'. Und nur wer sich teure Berater und Rechtsanwälte leisten kann, findet auch alle legalen Steuerschlupflöcher.

mm: Gut, dann brauchen wir auch nicht weiter über solch eine Abgabe nachzudenken.

Krysmanski: Ich halte von einer Vermögensabgabe, wie sie jetzt angedacht wird, nicht viel. Da kämen nur Peanuts mit Placebo-Effekt zusammen. Viel interessanter wäre das eine öffentliche Diskussion über Deckelung von Reichtum: Wo ist die obere Grenze für Vermögen, bevor die Sache unsozial, zerstörerisch, gesellschaftlich sinnlos, gefährlich für alle Beteiligten wird - auch für die Superreichen selbst.

Ultimativer Reichtum will ultimative Privatheit

mm: Die Superreichen sind oft auch philantropisch unterwegs. Sie spenden und gründen Stiftungen. Das ist doch eine gute Sache?

Krysmanski: Philanthropie bleibt rein mengenmäßig - gegenüber etwa den öffentlichen Ausgaben für Bildung, Gesundheit, Wissenschaft, Kultur - ein verschwindend kleiner Prozentsatz, selbst in den USA. Hier will der Schwanz mit dem Hund wedeln - wenig privates Geld will viel öffentliches Geld bewegen. Das gilt auch für die meisten Stiftungen. Dazu wäre aber noch viel zu sagen.

mm: Eliten treffen sich gerne in abgeschotteten Clubs und Zirkeln. Können Sie Beispiele für Elitenetzwerke auf höchster Ebene nennen?

Krysmanski: Ultimativer Reichtum will ultimative Privatheit, man will unter sich bleiben - zugleich aber auch den privilegierten Kontakt zur Politik, Kultur, Wirtschaft haben. So entstehen Netzwerke, Zirkel, Clubs, manche sind sehr langlebig, manche flüchtige Erscheinungen. Ein weites Feld, erforschenswert, wenn man nicht immer nur die gleichen Namen wie etwa die Bilderberg-Gruppe, Davos oder Bohemian Grove hören will. All diese Zirkel offenbaren, dass es zum Teil richtige höfische Strukturen gibt.

mm: Abgesehen davon, dass ein Teil dieser genannten Netzwerke teils absurde Verschwörungstheorien über sie anstacheln: Worin besteht der Wert von Elitezirkeln für ihre Mitglieder?

Krysmanski: Der Wert besteht in dem, was wir Soziologen die 'querverbindliche Kommunikation' nennen, der Kontakt von 'Hofstaat' zu 'Hofstaat' sozusagen. Das ist auch ein Aspekt der Globalisierung dieser Schicht. Man glaubt es kaum, wie weit und mit wem auch unsere scheinbar so bodenständigen deutschen Superreichen in der Welt herumkommen.

mm: Innerhalb der sogenannten "Elite" gibt es riesige Unterschiede. Wie sehen die unterschiedlichen Ebenen der Elite-Hierarchie aus?

Krysmanski: Mit dem Begriff der Elite würde ich vorsichtig sein. Für meine Zwecke spreche ich lieber von den Superreichen und dem 'Rest' der 99,9 Prozent.

mm: Was stört Sie an dem Begriff "Elite"?

Krysmanski: Den Begriff einer Elite-Hierarchie würde ich für das Dienstpersonal aufsparen, also für die Rangskala der Verwertungs-, Verteilungs-, Wissens-, Kultur- und Wohlfühleliten. Auch da gibt es natürlich enorme Vermögensunterschiede. Aber der Sprung in die eigentliche Superklasse ist schwierig.

mm: Wenn bereits die Unterschiede zwischen den Eliten so groß sind, wie bewerten Sie dann erst die Unterschiede zwischen dem "Geldadel" und der normalen Mittelschicht?

Krysmanski: Schauen Sie doch nur nach Amerika: Die Kluft zwischen großem Kapital, Stichwort: Wall Street und kleinem Eigentum, Stichwort: Main Street, ist inzwischen unüberbrückbar; aber eben nicht nur in Amerika. Man braucht einander nicht mehr. Die Mittelschicht wird fallen gelassen.

mm: Der US-amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs schreibt in diesem Zusammenhang: "Amerika ist unzivilisiert geworden"

Krysmanski: Ja, und "es ist die große Scheidung", sagt der konservative David Brooks: Nicht einmal das Wort 'Klasse' fängt ein, was passiert. "Man kann sagen, dass das Land sich gabelförmig in verschiedene soziale Stämme geteilt hat und dass nur noch eine schwache gemeinsame Kultur sie verbindet." Auch bei uns beginnt ja gerade eine interessante Diskussion um das Schicksal der Mittelschicht.

mm: Realistisch betrachtet: Wie wird die angesprochene Entwicklung der Geldelite weitergehen?

Krysmanski: Unter der Geldelite dieses Planeten bilden sich Haupt- und Nebenstämme. Eine Entwicklung, die sich schon jetzt vollzieht. Sie müssen verstehen, dass die Schicht der Superreichen weltweit nur wenige tausend Personen und Familien umfasst und ein globales, eine kosmopolitisches Phänomen ist. Alles Geld wird zu diesen Milliardären hingezogen wie in ein schwarzes Loch.

mm: Eigentlich sind Sie neidisch, oder?

Krysmanski: Diese Geldelite verselbständigt sich, sie beginnt im wahrsten Sinne des Wortes, auf eigene Faust mit Söldner-Armeen, privaten Polizei- und Geheimdiensten zu operieren. Klimawandel, Ressourcenprobleme und wachsende, unumkehrbare Arbeitslosigkeit deuten auf ein kommendes globales Szenario nackter Überlebenskämpfe. Für eine solche Rette-sich-wer-kann-Welt glauben sich die Geldeliten gut gerüstet. Vor diesem Hintergrund werden sich neue und neuartige Klassenkonflikte entwickeln. Und wir alle werden letztlich nicht umhin kommen, an diesen Konflikten teilzunehmen.

Marcus Klöckner
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