Donnerstag, 22. August 2019

Finanzvertrieb "Provisionen konsequent verbieten"

Provisionen: Im Finanzvertrieb seien sie Ursache für Falschberatung, sagen Kritiker. Eine mögliche Pflicht, die Prämien an den Kunden weiterzureichen, werde das Problem nicht lösen

Die EU will Provisionen im Finanzvertrieb begrenzen und der Honorarberatung den Weg ebnen. Der Vorstoß hat einen großen Haken, kritisiert Dorothea Mohn. Die Expertin fordert ein striktes Provisionsverbot und erklärt, warum Beratung gegen Honorar für private Sparer das günstigere Modell ist.

mm: Frau Mohn, morgen berät der Wirtschaftsausschuss des EU-Parlaments die überarbeitete Finanzmarktrichtlinie. Sie soll auch die Vermittlung von Finanzprodukten neu regeln. Von dem Ziel, Provisionen für den Verkauf etwa eines Fonds ganz zu verbieten, ist man abgerückt. Was halten Sie davon?

Mohn: Solange Provisionen fließen, bleiben Finanzvermittler abhängig. Im Zweifelsfall werden sie den Kunden immer wieder Neuabschlüsse und dort das teurere Produkt empfehlen und nicht das, was sie wirklich brauchen. Um die Ursachen für Fehl- und Falschberatung zu beseitigen, benötigen wir im Finanzvertrieb ein konsequentes Provisionsverbot. Das ist politisch leider nicht so leicht durchsetzbar, aber zumindest weist der Kompromissvorschlag grundsätzlich in die richtige Richtung.

mm: Sie meinen den Vorschlag, dass Bankberater alle Provisionen an den Kunden weitergeben sollen. Wenn er sich durchsetzt, welche Folgen hätte das?

Mohn: Die Tage der interessegeleiteten, provisionsabhängigen Finanzberatung in Europa wären damit gezählt. So eine Regelung würde das Tor zur unabhängigen Finanzberatung auf Honorarbasis, in der wieder der Kunde und seine tatsächlichen Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, weit aufstoßen. Allerdings scheint es noch einen Haken zu geben. Gestern wurde bekannt, dass "notwendige Provisionen" nicht ausgekehrt werden müssen. Damit bleibt eine Hintertür offen, die nationale Regierungen bei der Umsetzung der Richtlinie nutzen könnten. Diese Formulierung entbehrt aber jeder Logik: Provisionen sind Vertriebsanreize und die sind in keinem Fall mehr notwendig, wenn der Kunde direkt für die Beratung bezahlt.

mm: Es ist ja mitnichten so, dass jeder Banker schlecht oder falsch berät, weil er bei Geschäftsabschluss eine Provision kassiert. Zudem müssen auch heute schon Provisionen offengelegt werden.

Mohn: Das habe ich auch nicht gesagt. Aber verdeckte, unabhängige Tests dokumentieren immer wieder ein erschreckendes Ausmaß an Fehlberatungen. Unsere Erfahrungen aus der Verbraucherberatung decken sich mit diesen Befunden. Und ja, auch jetzt schon gibt es Transparenzvorschriften. Diese werden faktisch aber so gelebt, dass der Verbraucher keine klaren Angaben zur Höhe der Provisionen erhält.

mm: Was meinen sie damit?

Mohn: Beim Verkauf von Investmentfonds etwa geben Banken die Höhe der Provision in Prozent oder sogar nur in Prozentspannen an. Die für den Kunden viel greifbarere Angabe in Euro und Cent ist die absolute Ausnahme. Zugleich versuchen die Institute sich dieser Offenlegungspflicht zu entziehen, indem sie Geschäfte, die früher gängig als Kommissionsgeschäft liefen, jetzt als sogenannte Festpreisgeschäfte laufen lassen. Bei ersteren sind sie Vermittler und kassieren eine offenlegungspflichtige Provision, bei Festpreisgeschäften kaufen Banken die Wertpapiere auf eigene Rechnung und verdienen am höheren Verkaufspreis. Bei Festpreisgeschäften müssen sie über die Höhe der Gewinnmarge nicht informieren. Diese stellt aber selbstverständlich auch einen Vertriebsanreiz dar, und auch hier gibt es ein Eigeninteresse, über das der Kunde informiert sein sollte.

mm: Der Kunde soll doch vor allem wissen, wie hoch genau die Kosten für Beratung und Vertrieb seines Produkts sind. Ließe sich das nicht auch über schärfere Transparenzregeln erreichen?

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