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Ganz unkonventionell: Wie heute Öl gewonnen wird

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Ölschwemme oder Ölklemme Die nächste Revolution kommt bestimmt

Stark schwankende und hohe Ölpreise setzen die Weltkonjunktur zunehmend unter Druck. Dabei sollten neue Lagerstätten eigentlich eine Schwemme des schwarzen Goldes auslösen und es verbilligen. Ist der viel beschworene neue Ölrausch eine Fata Morgana?

Hamburg - Harold Hamm ist sich seiner Sache sicher. Nahezu unerschöpflich seien die weltweiten Ölvorräte, sagt der Chef der Förderfirma Continental Resources. "Wer etwas anderes sagt, liegt einfach falsch."

Im Norden der USA bohrt Continental seit einigen Jahren horizontal nach dem schwarzen Gold - und erzielt dabei eindrucksvolle Erfolge. Vor allem dank Hamms Aktivitäten steigt die Ölproduktion seit drei Jahren in den USA wieder. Zuvor war sie fast auf die Hälfte des Niveaus von Anfang der 70er-Jahre gefallen. Die neue Ölschwemme wirkt sich auch auf den Preis aus: Der liegt angesichts der kaum abzutransportierenden Ölmengen in den USA deutlich unter dem Wert für Nordseeöl der Sorte Brent.

Angesichts der Euphorie wagt eine wachsende Zahl von Brancheninsidern die Prognose, dass sich das US-Beispiel praktisch überall auf der Welt wiederholen ließe. Ein neues Zeitalter erschwinglichen Öls könne beginnen, schlussfolgerte unlängst der Manager des italienischen Konzerns Eni, Leonardo Maugeri in einer Untersuchung. Treiber der "nächsten Revolution" seien aufwändige, aber inzwischen wirtschaftliche Fördertechniken. Diese machten "aus teurem Öl billiges Öl".

Verheißung für ganze Wirtschaftszweige

Es ist eine Verheißung, die ganze Wirtschaftszweige und nicht zuletzt den Zustand der Weltwirtschaft betrifft. Sind die Zukunftssorgen der Luftfahrtgesellschaften, der Reeder und Speditionen und nicht zuletzt der Verbraucher sowie Autofahrer unbegründet? Oder lenken die Versprechungen der Ölmanager und mancher Wissenschaftler die Wirtschaft bloß davon ab, sich auf harte Zeiten einzustellen und nach Alternativen zu suchen?

Von wo auch immer Entlastung käme, sie käme zur rechten Zeit. Denn zuletzt kannten die Ölpreise wieder fast nur eine Richtung: nach oben. Bis zu dem mysteriösen Verfall am Montag Abend kletterte Brent  auf 117 Dollar. In den vergangenen 200 Tagen kostete das Öl der Nordseesorte mit durchschnittlich knapp 113 Dollar mehr als im Rekordjahr 2011 (im Schnitt 111 Dollar).

"Die größte Unsicherheit für die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft und damit auch für uns geht kurzfristig von den sprunghaft gestiegenen Energiekosten aus", sagt der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Anton Börner, gegenüber manager magazin online. Immerhin profitierten Exporteure vom Trend zu energiesparenden Produkten.

Neuen Wundertechniken, neue Schätze

Abhilfe beim Ölpreis sollen aber vor allem zahlreiche neue oder neuerdings wirtschaftliche Techniken und Lagerstätten schaffen:

• Horizontales Bohren ermöglicht die Ölförderung in bisher schwer zugänglichen Gesteinsformationen. "Shale Oil" (Schieferöl) und "Tight Oil" genannte Vorkommen wie in Nordamerika eignen sich plötzlich zur Ausbeutung

• In Kanada hat die Verwertung von Ölsand angesichts hoher Preise Konjunktur. Weitere mögliche Abbaugebiete sind Venezuela und Saudi-Arabien

• In der Arktis stehen Investoren angesichts rapide schmelzender Eismassen Schlange. Staatskonzerne aus Russland und Norwegen, dazu die privaten Multis wie Exxon Mobil  und Shell  wollen ihren Teil am eisigen Bonanza sichern. Sogar China hat sich bereits als selbsternannter "Quasi-Anrainer" in Stellung gebracht

• Tiefseebohrungen dringen in immer abgelegenere Regionen und weiter aufs Meer vor. In Brasilien oder vor Afrika liegen beträchtliche Vorkommen, die auf ihre Erschließung warten

• Konventionelle Felder könnten dank der Injektion von Kohlendioxid besser ausgebeutet werden als bisher

• Zudem könnte sich die Umwandlung von Gas und Kohle in Diesel und Erdöl verstärkt lohnen.

Die auf den ersten Blick einfache Schlussfolgerung "neue Fördertechnik = mehr Ölproduktion = niedrigerer Ölpreis" bietet jedoch auch zahlreiche Angriffsflächen.

So dürfte zum Beispiel das Ölkartell Opec einem Preisverfall durch eine Drosselung der Produktion entgegenwirken. Darüber hinaus gilt: Was in den USA schon heute funktioniert, muss andernorts noch lange nicht klappen.

"Neuen Fördertechniken haben im Prinzip einen großen Einfluss auf den Markt", bestätigt Ölexperte Stephen Rogers von der Unternehmensberatung Arthur D. Little. "Die Frage ist nur, wann."

Der Funke mag nicht überspringen

Anders als in den USA sind Ölfirmen anderswo möglicherweise nicht an einer schnellen und teuren Förderung interessiert. In Amerika beschleunigten zahlreiche Regeln den Boom. So verfallen Förderrechte nach einigen Jahren, wenn nicht gebohrt wird. Zudem haben Landbesitzer ein starkes Interesse an der Förderung auf ihrem Gebiet, da sie unmittelbar davon profitieren - anders als beispielsweise in Deutschland, China oder Russland.

Auch staatliche oder private Ölkonzerne haben kein uneingeschränktes Interesse möglichst schnell möglichst viel Öl aus neuen Lagerstätten zu fördern. "Ölkonzerne sind risikoscheu und wollen selten Vorreiter sein", sagt Rogers. Von einer "Frühphase" unkonventioneller Förderung in Ländern wie Russland spricht auch der Vizechef der Beratungsfirma IHS und Öl-Guru, Daniel Yergin.

In Kanada geht es langsam voran

Zwar treiben fast alle Firmen neuartige Projekte voran, jedoch überwiegend mit längerfristigem Horizont. "Die Erschließung ist extrem teuer und langwierig", sagt der Chef des Hamburger Beratungs- und Infomationsdienstes Energycomment, Steffen Bukold mit Blick auf Schwerstölvorkommen wie in Venezuela. "Selbst in Kanada geht es nur in Trippelschritten voran, obwohl das Land über eine hervorragende Infrastruktur verfügt."

Noch lohne es für Firmen oft eher, Mittel für die Produktion aus konventionellen Feldern bereit zu stellen, sagt Bukold. "Außerhalb von Nordamerika wird es keine Shale-Oil-Revolution geben." Zudem wachsen weltweit Proteste gegen die oft besonders klimaschädliche Ausbeutung neuer Felder.

Von der Ausbeutung unkonventioneller Ölvorkommen hängt inzwischen aber zunehmend ab, zu welchem Preis der Öldurst der Welt gestillt werden kann. Die Förderung aus konventionellen Quellen stagniert seit Jahren. Die Zuwächse der vergangenen Jahre gehen weitgehend auf das Konto von Ölsand, Ölschiefer, Tiefseevorkommen und Co.

Unheilvolle Wechselwirkung mit der Weltkonjunktur

Unternehmen, für die der Ölpreis von großer Bedeutung ist, bleiben vorsichtig. "Es ist nicht davon auszugehen, dass die neuen Fördertechniken wie Fracking in der Zukunft zu einer Ölschwemme führen", sagt eine Sprecherin der Lufthansa gegenüber manager magazin online. "Insofern wird es weiterhin notwendig sein, Treibstoffkosten zu sparen."

Zumal die Restkapazität alter Ölfelder stetig sinkt. Umstritten ist indes, wie schnell dies passiert. Maugeri geht von weniger als 2 bis 3 Prozent im Jahr aus, Daten der Internationalen Energie-Agentur legen Werte von 4 bis 5 Prozent nahe. "Das bedeutet, dass jedes Jahr Produktion in Höhe von drei Millionen Fass am Tag ersetzt werden müssen, um die Produktion konstant zu halten", erwartet Steve Sorrell von der Universität Sussex. Weltweit liegt der tägliche Ölverbrauch derzeit bei etwa 90 Millionen Fass.

In der Debatte spiegelt sich die alte Auseinandersetzung um die Frage wider wann das Fördermaximum beim Öl erreicht sei. Immer wieder hatten Vertreter der These von "Peak Oil" dieses Ereignis vorher gesagt, und immer wieder mussten sie es in die Zukunft verschieben.

Boom oder Absturz?

"Die Extrempositionen der Optimisten und Pessimisten wurden bisher widerlegt", sagt Bukold. So nehme die Förderung beispielsweise in der Nordsee kontinuierlich ab, doch global befinde sich die konventionelle Produktion dank neuer Funde eben auf einem Plateau und nicht im Abschwung.

Die Sache steht offenbar auf Messers Schneide. Nicht zuletzt der rasante Preisverfall der vergangenen Tage hat gezeigt, wie nervös die Märkte sind. "Das Unerwartete ist der Normalfall", sagt Bukold.

Selten haben die Aussichten für die Weltwirtschaft und der Ölpreis in einem so brisanten Verhältnis wie derzeit zueinander gestanden. Schon ein leichtes Anziehen der Konjunktur könne derzeit die Ölpreise wieder nach oben katapultieren. Ein Absturz der Ökonomie - nicht zuletzt durch die hohen Ölpreise in Schwellenländern ausgelöst - könnte wiederum neue Fördervorhaben obsolet machen und die nächste Energiekrise im folgenden Aufschwung heraufbeschwören.

Prinzipiell hat es diese Konstellation häufig gegeben, doch halten viele Fachleute die Ölpreisexplosion von 2008 in Kombination mit der Hypothekenkrise und folgender Weltrezession durchaus als Beispiel, das sich in ähnlicher Form wiederholen könnte.

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