Montag, 19. August 2019

Massenpensionierungen Amerika fürchtet den Baby-Boomer-Crash

Generation Baby Boom: Die Schauspieler George Clooney und Brad Pitt gehören dazu, allerdings zählen sie zur Gruppe der wirtschaftlich Abgesicherten
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Generation Baby Boom: Die Schauspieler George Clooney und Brad Pitt gehören dazu, allerdings zählen sie zur Gruppe der wirtschaftlich Abgesicherten

10.000 Baby Boomer verabschieden sich in den kommenden zwei Jahrzehnten täglich aus Amerikas Arbeitsmarkt. Und dann kommt der Schock: Minimale Ersparnisse lassen vielen Pensionären kaum Spielraum zum geliebten Konsum - und Amerika fürchtet schon jetzt einen harten Wachstumsknick.

Hamburg - Brad Pitt gehört zu ihnen, George Clooney auch. Ebenso Madonna und Bruce Springsteen. Sie alle sind Baby Boomer. Geboren in den Jahren von 1946 bis 1964. Jetzt sind sie 47 bis 66 Jahre alt. Und sie setzen eine der größten Migrationswellen aller Zeiten in Gang. Seit dem vergangenen Jahr verabschieden sich allein in den USA täglich 10.000 Mitglieder der Baby-Boom-Generation in den Ruhestand. Für die US-Konjunktur, die dank der Nachwehen der Finanzkrise von Miniwachstum geplagt wird, bedeutet der massenhafte Abschied dieser Generation aus dem Arbeitsleben fundamentale Veränderungen: Weniger Konsum, explodierende Gesundheitskosten und schlechte Aussichten für die Börse.

In einem Research-Papier unter dem Titel "Gegenwind für die Aktienmärkte" untersuchte die Fed-Zweigstelle in San Francisco Ende 2011 besorgt den Zusammenhang zwischen der Alterspyramide und den Kursen an der Wall Street. Der Befund der Studie war für Notenbanker schonungslos offen - und negativ: "Die Baby Boomer werden Aktien verkaufen, anstatt zu kaufen", heißt es in dem Papier, "statistische Modelle legen es nahe, dass dieser Wandel in den nächsten zwei Jahrzehnten die Aktienkurse ausbremsen wird."

Für die Fed ist das besorgniserregend, weil "die massenhafte Pensionierung der Baby Boomer ausgerechnet zu einer Zeit anfängt, in der sich die Börse von der Finanzkrise zu erholen beginnt." Dass sich die geburtenstarken Jahrgänge als Bremsklotz für die Börsen erweisen, wird sie selbst wenig stören, sie verhalten sich am Rande der Pensionierung wie jede Generation vor ihnen im gleichen Alter. Mehr noch: Die Baby-Boom-Generation wurde zuvor selbst stark ausgebremst: von der verheerenden Finanzkrise. Sie vernichtete 30 Prozent des vorherigen Wertes ihrer Wohnhäuser, dezimierte ihre stark in Aktien investierten Pensionsersparnisse - und führte dazu, dass sich in den USA immer mehr Firmen aus der Betriebsrente verabschieden.

General Motors Börsen-Chart zeigen ist nur einer von vielen US-Konzernen, die unter kaum noch zu verkraftenden Pensionslasten stöhnen. Das Unternehmen meldete im Juli bei der Präsentation seiner Quartalszahlen ein Loch in der Pensionskasse von 25,4 Milliarden Dollar. GM begann vor zwei Monaten, sich mit Abstandszahlungen bei vielen seiner Pensionäre freizukaufen und reicht viele Verpflichtungen an den Versicherer Prudential Börsen-Chart zeigen weiter, zu Lasten der Pensionäre.

Baby Boomer könnten zum Boomerang für US-Staatsfinanzen werden

Die Finanzkrise hat unter den Baby Boomern verheerende finanzielle Verwüstungen angerichtet. "Während die große Rezession alle Altersgruppen betraf, erleiden die älteren Jahrgänge kurz vor der Pensionierung einen größeren Schaden, weil sie weniger Chancen haben, die Verluste wieder aufzuholen", stellte kürzlich ein Bericht des Government Accountability Office (GAO) fest. Die Arbeitslosenrate für Erwerbsfähige im Alter von 55 bis 64 Jahre hat sich dem Bericht zufolge von 2006 bis 2010 mehr als verdoppelt, auf 7,1 Prozent.

Das ist zwar deutlich weniger als die Arbeitslosigkeit junger Amerikaner bis 24 Jahre. Doch ältere Menschen haben es schwerer, wieder eine Beschäftigung zu finden. Bei den 55 bis 64jährigen verdreifachte sich in der Krise bis 2010 die Dauer der Arbeitslosigkeit im Schnitt auf 31 Wochen. Seit 2007 fiel der Haushaltseinkommen der Baby Boomer um 6 Prozent und fast die Hälfte von ihnen hat nicht genügend für das Alter gespart, heißt es im GAO-Bericht. "Wenn diese Haushalte jedes Jahr 4 Prozent von ihren Pensionsersparnisse entnehmen, wird das nur 5 Prozent ihres früheren Einkommens ersetzen", heißt es dort.

Im Klartext: Der private Konsum, der in den USA lange Zeit 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angefeuert hat, dürfte einen spürbaren Rückschlag erleiden. Für die Hersteller von Konsumgütern - ebenso wie für die Anbieter von Dienstleistungen - ist das ein zusätzliches Problem in der aktuellen Dümpelkonjunktur. Denn die Boomer kontrollieren 70 Prozent des verfügbaren Einkommens. Sie kaufen 63 Prozent aller neuen Autos. Sie geben jeden Monat mehr für Elektronikartikel aus, als die beiden nachfolgenden Generationen X und Y. Den rasant wachsenden Online-Umsatz feuern sie mit Ausgaben von sieben Milliarden Dollar pro Monat kräftig an. Und sie kommen wertmäßig für 80 Prozent aller Luxusreisen auf.

Den finanziellen Rückschlag der Boomer-Generation werden auch die Staatsfinanzen der USA, die ohnehin ein kritisches Niveau erreichen - das schon 2011 zum Verlust des Topratings AAA führte - deutlich spüren. Sie werden mit zusätzlichen Milliardenlasten strapaziert. Satte 46 Prozent aller Amerikaner sterben ohne jegliche Ersparnisse, haben in diesem Jahr Professoren der Harvard University und des Massachusetts Institute of Technology ausgerechnet. Sie können nur mit Hilfe des Staates überleben. Für Familien, in denen mindestens ein Mitglied 65 Jahre oder älter ist, sind soziale Leistungen die wichtigste Einkommensquelle, heißt es beim GAO. Der Anteil der Baby Boomer, die früher als geplant schon mit 62 Jahren in Pension gehen müssen, nahm seit der Finanzkrise auf 34 Prozent zu. Sie bekommen 25 Prozent weniger ausbezahlt, als wenn sie bis 65 gewartet hätten.

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