Viagra Trickreiche Geschäfte mit Potenzpillen

Das Potenzmittel ist in den USA ein Renner im Online-Handel. Da Viagra jedoch rechtlich umstritten ist, beschreiten virtuelle Apotheken ausgeklügelte Vertriebswege.

Clanton - Viele Web-Apotheken knüpfen internationale Netze, um die gesetzlichen Regelungen zum Online-Verkauf der Potenzpille zu umgehen. So hat die Firma NMC Norfolk Men’s Clinic Marketing aus dem ländlichen Clanton in Alabama ein cleveres, weltumspannendes System ersonnen: Die Viagra-Bestellung erfolgt gegen Angabe von Kreditkartennummern und Informationen zum Gesundheitszustand über einen Rechner in Australien.

Die Rechnungsdaten werden von "Down Under" direkt an NMC weitergeleitet. Die Angaben zum Gesundheitszustand des Viagra-Bestellers gehen an ein Ärzte-Netzwerk in Rumänien. Die Osteuropäer senden die jeweiligen Rezepte dann zur Partner-Apotheke Norfolk Pharmacy nach Weirton in West Virginia, von wo aus der Versand stattfindet. Der US-Bundesstaat West Virginia erlaubt die Einreichung ausländischer Rezepte. "Und damit ist der Verkauf des Präparats völlig legal", erklärt NMC-Gründerin Anita Yates.

Die weltweiten Umwege der Potenzpillen-Bestellung scheinen mehr als lukrativ zu sein: NMC setzt nach Angaben von Yates jährlich mehr als 13 Millionen US-Dollar um. Die erst im Oktober 1998 gestartete E-Company zählt damit zu den drei größten Viagra-Händlern im Internet. "Ich glaube, dass sich Viagra so gut online verkauft, weil Männer nicht zugeben wollen, dass sie an Potenzstörungen leiden", mutmaßt Yates. Werden die Tabletten in ihrer Internet-Apotheke bestellt, erfolgt die Auslieferung via Kurierdienst in anonymen Verpackungen.

Für zehn Viagra-Tabletten verlangt die Norfolk Men’s Clinic 110 US-Dollar. Dazu kommen weitere 65 US-Dollar Verschreibungsgebühr sowie Kosten für Verpackung und Versand. Neben dem sexuellen Muntermacher vertreibt der Internet-Pharmahändler auch Mittel gegen Haarausfall, Abnehmpräparate oder Arthrosemedikamente. Die Norfolk Pharmacy liefert nach Angaben von Yates pro Jahr Bestellungen von Web-Apotheken im Wert von mehr als 54 Millionen US-Dollar aus.

Auch in Deutschland ist der Online-Handel umstritten

Wie in vielen anderen Ländern verlangen Gesetze in verschiedenen US-Bundesstaaten vor einer Verschreibung von Medikamenten eine ärztliche Untersuchung des Patienten. Die U.S. Food and Drug Administration (FDA) ermittelt derzeit gegen 140 amerikanische Online-Unternehmen, die gegen Regelungen für verschreibungspflichtige Medikamente verstoßen haben sollen. Auch wenn NMC nicht zu dieser Gruppe von Web-Firmen zählt, laufen seit vergangenem Jahr FDA-Untersuchungen, bei einer Hausdurchsuchung wurden Akten und Festplatten beschlagnahmt.

Ein Mediziner aus Alabama ist bereits wegen der Verschreibung für NMC-Kunden abgestraft worden: Der Arzt hatte die Patienten nicht persönlich untersucht, sondern sich nur via E-Mail über deren Gesundheitszustand informiert.

Auch in Deutschland ist der Online-Handel mit Arzneimitteln sehr umstritten. Erst Mitte Juni warnten deutsche Apotheker als Reaktion auf die erste Internet-Apotheke in Holland vor Medikamenten aus dem Cyberspace. Vor allem die Arzneimittelsicherheit sei gefährdet, da beim Versand die Kontrolle der Produkte nicht gewährleistet sei, so die Hauptbedenken der Pharmahändler.

Es müsse verhindert werden, dass Medikamente eingeführt werden, die hierzulande verboten sind. Der Web-Handel mit rezeptpflichtigen Medikamenten verstoße zudem gegen das deutsche Arzneimittelgesetz. Trotz der erst kürzlich verabschiedeten E-Commerce-Richtlinie der Europäischen Union sind entsprechende Einschränkungen durch das deutsche Recht weiterhin gültig, erklärte Hans-Günther Friese, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekenverbände.

Jochen A. Siegle, Miami

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