Dotcom-Pleitewelle Springt Wal-Mart.com ein?

Mit HomeWarehouse.com muß erneut ein amerikanischer Web-Händler seine virtuellen Pforten schließen. Doch Rettung scheint in Sicht: Ausgerechnet der Internet-Ableger des aggressiven Händlers Wal-Markt will die Firma erhalten.

San Francisco - "Leider ist unsere Site für eine noch unvorhersehbare Zeit nicht zu erreichen", verlautet es seit Ende letzter Woche von der Homepage des Internet-Heimwerker- und -Haushaltsmarkts homewarehouse . Am Freitag vorvergangener Woche war es erstmals zu Ausfällen des Online-Angebotes gekommen, Verantwortliche hatten die Probleme allerdings auf technische Störungen zurückgeführt.

Das US-Branchenblatt "The Standard" zitiert mittlerweile zwei Quellen aus der Umgebung der HomeWarehouse-Geschäftsleitung, die angeben, dass der Internet-Händler unmittelbar vor einer Übernahme durch den Online-Ableger des Wal-Mart-Konzerns stehe.

Für die mächtige Einzelhandelskette, die unter der Domain Wal-Mart.com eine Dependance im Internet unterhält, könnte mit der Akquisition der E-Commerce-Site eine Neuorientierung im Netz beginnen: Analysten bemängeln schon seit geraumer Zeit das unschlüssige Konzept hinter der Wal-Mart-Online-Handelsplattform.

Ein Deal mit dem amerikanischen Handelsriesen dürfte aber vor allem auch im Sinne des HomeWarehouse-Investors Accel Partners sein: Die Venture-Kapitalgesellschaft fungiert gleichzeitig als Geldgeber bei Wal-Mart.com. Die Großmarktkette interessiere sich dem Medienbericht zufolge insbesondere auch für die von HomeWarehouse entwickelte E-Commerce-Software, die ihr eigenes Online-Angebot technisch stabiler gestalten könnte.

HomeWarehouse.com hatte seit Ende vergangenen Jahres keine Investoren mehr gewinnen können. Im Dezember 1999 investierte als letzter Kapitalgeber Comdisco Ventures noch neun Millionen US-Dollar in die Site. Dabei hatten Experten dem Klick-Heimwerkermarkt in der Vergangenheit eine rosige Zukunft prognostiziert. Mit Firmen wie AOL, Quicken Loans und Women.com verfügt die Web-Company über potente Partner im Online-Business.

19 Dot-Com-Firmen haben seit Februar dicht gemacht

Die Site war zudem mit einem "Early Starter"-Bonus gegen die etablierte Offline-Konkurrenz angetreten – Hauptrivale Home Depot etwa war erst wesentlich später im Cyberspace gestartet. Und auch die Umsatzzahlen der gesamten Branche verhießen dem Unternehmen eine vielversprechende Zukunft: 1999 waren im US-Handel mehr als 400 Millionen US-Dollar an Heimwerkerartikeln umgesetzt worden.

Dennoch steht die Site nun wie so viele andere vielversprechende Start-ups vor der Pleite. Eine Übernahme durch Wal-Mart könnte HomeWarehouse.com zwar den Konkurs ersparen, das Online-Unternehmen müsste Insider-Informationen zufolge dennoch einen größeren Teil seiner 120-köpfigen Belegschaft entlassen.

Inclusive HomeWarehouse.com haben in den Vereinigten Staaten seit Februar 19 Dot-Com-Firmen ihre Online-Pforten schließen müssen. Allein im Juni hatten mehr als 30 US-Start-ups Massenentlassungen ausgesprochen. Erst in der vergangenen Woche hatte mit FasTV und WorldSpy eine Medien-Site sowie einen Gratis-Provider erwischt.

Auch in Deutschland geht mittlerweile immer mehr Internet-Firmen die Puste aus: Im Mai hatte etwa die Direkt Kauf AG den Konkursantrag gestellt, C&A machte Anfang des Monats seinen Online-Vertrieb dicht. Vergangene Woche listete der "Platow Brief" sieben deutsche Internet-Firmen, bei denen ohne neue Kapitalanleger die Tage bis zum Konkurs gezählt sein dürften.

Jochen A. Siegle, Miami