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Topmanager: Die egoistische Elite

Foto: Rainer Ehrt

Gesellschaft Hauptsache oben

Deutschlands Topmanager leben abgehoben vom Rest der Bevölkerung. Die Distanz ist inzwischen so groß, dass sie für die Wirtschaft selbst gefährlich wird.

Hamburg - Wenn Nichtmanager von ihren Erlebnissen mit Topmanagern erzählen, dann kommen sie irgendwann auf die Rotweinrunden zu sprechen. Es handelt sich dabei um ein verbreitetes Ritual, das mächtig Eindruck zu machen scheint: Wenn die Kuratoriums-Aufsichtsrats-Präsidiums-oder-sonst-was-Sitzung vorbei ist, der gemütliche Teil des Abends begonnen hat und die Rede auf die ganz privaten Vergnügungen kommt, dann wird deutlich, dass man vielleicht im gleichen Land lebt, aber nicht in der gleichen Welt. Die einen fachsimpeln über Kitzbüheler Ferienchalets oder Kurztrips im Mietjet zum Golfen an den Golf - die anderen können nicht mitreden.

Was Topmanager unter Luxus verstehen und was für Minister, Professoren oder Gewerkschaftsbosse materiell erreichbar ist, dazwischen liegen mittlerweile kaum überbrückbare Dimensionen. Sicher, es geht nicht nur um Geld. Aber die gigantischen Gehaltsunterschiede verstärken den verbreiteten Eindruck, wonach die Wirtschaftselite in anderen Sphären lebt, fühlt, denkt und handelt als der Rest der Gesellschaft.

Ein Befund, den auch eine neue Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), der Personalberatung Egon Zehnder und der Stiftung Neue Verantwortung belegt. In Dutzenden von Tiefeninterviews haben die Autoren den deutschen Eliten auf den Zahn gefühlt.

Eine tief sitzende wechselseitige Abneigung trennt Deutschlands Eliten

Die Ergebnisse zeichnen ein wenig schmeichelhaftes Bild: Managern wird eine schwer erträgliche "Selbstverliebtheit" attestiert und ein bestenfalls "begrenztes Interesse am Gemeinwohl". Die Wirtschaftsführer wiederum blicken mit Verachtung auf die taktischen Spielchen der Politik herab.

Das Urteil ist eindeutig: Eine tief sitzende wechselseitige Abneigung trennt Deutschlands Eliten.

Momentan mag das nicht weiter störend wirken. Schließlich geht es den Deutschen gut, so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit sinkt, der Lebensstandard ist hoch, die Finanzen sind vergleichsweise solide. Weltweit gilt die Bundesrepublik als Vorbild. Kann es eine schönere Bestätigung für die Arbeit der Führungsfiguren im Land geben?

Na ja, sagt Michael Vassiliadis, es könnte schon vieles besser laufen: "Die Eliten in Wirtschaft und Politik müssen wieder lernen, gemeinsame Probleme gemeinsam anzugehen. Sonst gerät unsere Gesellschaft aus den Fugen."

Vassiliadis ist Vorsitzender der Gewerkschaft IG BCE, nebenher Mitglied in mehreren Aufsichtsräten und so etwas wie die personifizierte "Sozialpartnerschaft". Ein Schlagwort aus einem anderen, einem fernen Jahrtausend. "Viele Topmanager stehen dieser Gesellschaft inzwischen sprachlos und genervt gegenüber", glaubt Vassiliadis. Das sei auf Dauer nicht gut für die Wirtschaft und auch nicht für die Stabilität des Landes.

Verunsicherung wächst unter der Oberfläche des Aufschwungs

Nur wenige schauen noch über den Horizont der eigenen Firma hinaus. Der frühere SAP-Chef Henning Kagermann, heute als Präsident der Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) an der Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft tätig, fordert deshalb: "Manager sollten für die langfristige Unternehmensstrategie auch übergreifend technologische, gesellschaftliche und politische Veränderungen im Blick behalten."

Denn unter der glänzenden Oberfläche des Daueraufschwungs gären längst Zweifel und Verunsicherung.

Während in den Chefetagen der deutschen Konzerne die Gehälter Rekordhöhen erreichen, während Politiker sich immer noch zuvörderst um den Machterhalt kümmern, wird den Bürgern mulmig beim Blick in die Zukunft: Mehrheiten sind der Meinung, Deutschland, Europa, die Welt überhaupt entwickle sich in die falsche Richtung, wie die regelmäßigen Eurobarometer-Umfragen zeigen.

Sorgen um Wert des Geldes und Stabilität der Gesellschaft

Die Deutschen sorgen sich: um den Wert ihres Geldes und die Stabilität der Gesellschaft, auch um internationale Verwerfungen von historischem Ausmaß. Verständlich: Angesichts der größten Schuldenkrise, die es jemals in der Geschichte gegeben hat, grassieren Gruselszenarien - ohnehin eine deutsche Spezialität. Zuversicht? Fehlanzeige.

Eine Richtung, wohin sich das Gemeinwesen entwickeln soll, ist nicht erkennbar. Große Weichenstellungen, fundamentale Antworten auf tief greifende Fragen bleiben die Führungskräfte in Wirtschaft und Politik schuldig.

"Es fehlt die Beteiligung an Visionen für die Zukunft, an Verantwortung, an Nachhaltigkeit", schimpft Dieter Frey, Psychologieprofessor an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität und Leiter der Bayerischen Elite-Akademie. "Wie man das Land zukunftsfähig machen kann, welche Werte es neben Leistung und Materialismus noch gibt, was unser Land lebenswert macht" - all das bleibe unbeantwortet.

Die dauergestresste Elite

Interessanterweise macht sich auch in deutschen Führungszirkeln selbst Unwohlsein breit. Die Berliner Studie zeichnet das Bild einer verunsicherten, dauergestressten, egoistischen Elite, die sich vor allem aufs Tagesgeschäft konzentriert - und darauf, den eigenen Vorteil zu mehren. Größere, weiter gesteckte Ziele geraten aus dem Blickfeld, es geht nur noch ums hektische Hier und Jetzt: "Langfristige Strategiefragen" blieben auf der Strecke; stattdessen präge "ein kurzfristiger und übereilter Aktionismus das Geschehen".

"Was uns in Deutschland fehlt", sagt Egon-Zehnder-Berater Jörg Ritter, einer der Autoren der Studie, "ist eine Klammer, die die Gesellschaft zusammenhält. Es gibt keinen übergreifenden Führungsanspruch. Auch viele Manager spüren inzwischen, dass wir in Probleme hineinlaufen - und suchen händeringend nach Antworten."

Figuren wie Alfred Herrhausen sucht man heute vergebens. Der legendäre Deutsche-Bank-Chef der 80er Jahre verkörperte perfekt die Rolle des Leaders, der nebenher das Wohl seines Landes, ja der ganzen Welt im Blick hat. Keiner seiner Nachfolger erreichte sein Engagement und Niveau.

Gewinnmaximierer und Gehaltsoptimierer

Quer durch alle Branchen kamen Gewinnmaximierer und Gehaltsoptimierer nach oben. Viele fähige Manager, sicher, aber nicht unbedingt umfassende Führungspersönlichkeiten. Nur wenige Führungskräfte der Nach-Herrhausen-Ära entwickeln noch Strahlkraft über das eigene Unternehmen hinaus.

Allenfalls gelingt es dem einen oder anderen Familienunternehmer - aber angestellten Managern?

Michael Diekmann, als Chef des Versicherungsriesen Allianz  einer der mächtigsten Männer im Lande, führt ein von der Öffentlichkeit weitgehend zurückgezogenes Dasein. Statt sich der gesellschaftlichen Verantwortung zu stellen, tummelt er sich lieber in Zirkeln globaler Führungskräfte. Selbst Podiumsdiskussionen vor erlesenem Publikum an der (von der Allianz mitfinanzierten) Berliner Business-School ESMT meidet er.

Gehaltskonstellationen, quer zum Gerechtigkeitsempfinden

Auch Adidas-Chef Herbert Hainer, immerhin einer der erfolgreichsten deutschen Firmenführer der vergangenen Jahre, hält sich lieber aus Fragen jenseits des Sportbusiness heraus. Für die globalgesellschaftliche Verantwortung hat der Herzogenauracher Bekleidungskonzern ein ausgeklügeltes Management in Sachen Corporate Social Responsibility. Das muss genügen.

WZB-Chefin Jutta Allmendinger hat in vielen langen Gesprächen für die Berliner Studie interessante Einblicke in die Managerpersönlichkeit gewonnen. Die meisten Führungskräfte, so die Soziologieprofessorin, seien ganz mit der Gegenwart beschäftigt. "Ihre mittel- und langfristige Verantwortung" nähmen sie kaum wahr. "Wie gehe ich mit den Mitarbeitern um? Wie schaffe ich es, dass sie langfristig im Unternehmen bleiben können? Wie kann ich dazu beitragen, die wachsende soziale Kluft zu schließen? In welcher Gesellschaft will ich selbst in fünf oder zehn Jahren leben - und was kann ich heute dafür tun? Solche Fragen spielen im Denken vieler Topmanager nur eine geringe Rolle."

So kommt es zu Konstellationen, die quer zum gesellschaftlichen Gerechtigkeitsempfinden stehen. Automanager wie Martin Winterkorn (Volkswagen ) und Dieter Zetsche (Daimler ) fahren Milliardengewinne ein und genehmigen sich selbst mit 17,4 beziehungsweise 8,7 Millionen Euro hohe Gehälter - während sie gleichzeitig Subventionen aus dem Staatshaushalt fordern, um Elektroautos in den Markt zu drücken.

Banken, mit Staatshilfe gepäppelt, gehen zocken

Banken, eben noch mit Milliarden von Steuergeldern gestützt und mit risikoreichen Billionenhilfen von den Notenbanken gepäppelt, gehen zocken und treiben die Rohstoffpreise hoch - was just die Lebenshaltungskosten jener Menschen verteuert, die ihnen aus der Patsche geholfen haben. Eine Gesellschaft, die auf dem Prinzip der Fairness fußt, muss das als Provokation auffassen.

Wer sich vertraulich mit Spitzenleuten im Staatsdienst über die Großbanker unterhält, stößt auf Verständnislosigkeit bis Feindseligkeit. "Wir befinden uns in einem epochalen Verteilungskampf", sagt ein Ministerialer. "Es geht darum, wer die Zeche der Schuldenorgie zahlt - die Banker oder die große Masse der Bürger."

Auch deshalb bestand die Bundesregierung auf einem Schuldenschnitt für Griechenland: Die Aktion war zwar wegen der Ansteckungseffekte für Länder wie Italien oder Spanien mit hohen Risiken verbunden, aber so leicht sollte die Finanzbranche nicht davonkommen.

"Die Banker leben in einer ganz anderen Welt"

Die Folgen der schwelenden Konfrontation zwischen Fiskus und Finanz sind unübersehbar. Seit Längerem meidet Finanzminister Wolfgang Schäuble Gespräche mit Vertretern der Großfinanz, wenn möglich. Zu tief sitzt die Enttäuschung über das Verhalten der Banker, deren hohe Boni zum Eindruck einer egoistischen Wirtschaftselite beitragen.

"Die Banker leben in einer ganz anderen Welt als wir", sagt ein Frankfurter Währungshüter. "Das beeinflusst doch die ganze Weltsicht und das Empfinden dieser Leute: Deren Schicksal ist gar nicht mehr mit dem Rest der Gesellschaft verknüpft." Er selbst müsse genau rechnen, ob er sich eine Haushaltshilfe leisten könne, während einige seiner privatwirtschaftlich gepäppelten Counterparts gleich mehrere Anwesen samt Personal ihr Eigen nennten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel verdient rund 220.000 Euro jährlich - der kommende Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain kam in den vergangenen drei Jahren im Schnitt auf sieben Millionen.

Wenn ein Banker 30mal so viel verdient wie die Kanzlerin

Wenn die Differenz zwischen den Topgehältern in der Wirtschaft und in anderen Sektoren schon mal beim Faktor 30 liegt, dann wird es schwierig, das Gefühl zu teilen, man sitze im selben Boot.

Auch in der Wirtschaft selbst sind nicht alle glücklich über die Explosion der Topgehälter. "Es ist schwer nachzuvollziehen, warum irgendjemand, der als Angestellter eines Unternehmens arbeitet, Millionen und Millionen verdienen soll", sagt Roland Boekhout, Vorstandsvorsitzender der ING-DiBa. Er habe große Schwierigkeiten, sich vorzustellen, wie sich so hohe Gehälter "rechtfertigen ließen". Wo liege der Wertbeitrag fürs Unternehmen, wo für die Gesellschaft?

Der jovial wirkende Niederländer geriert sich als jemand, der eine "ehrliche Bank" führt, die "langweilige Produkte" anbietet. "Ich will meiner Familie abends erklären können, was ich den ganzen Tag über getan habe. Nur dann habe ich das Gefühl, auch einen Mehrwert für die Gesellschaft schaffen zu können."

Austausch von Topkräften zwischen Staat und Wirtschaft fast unmöglich

Die gigantischen Gehaltsunterschiede machen auch den Austausch von Spitzenkräften zwischen Staat, Wirtschaft und Wissenschaft fast unmöglich. So tat sich die Bundesregierung voriges Jahr extrem schwer, den Posten des obersten Finanzaufsehers zu besetzen.

BaFin-Chef Jochen Sanio - Jahresgehalt: 133.000 Euro - musste länger bleiben, als ihm lieb war. Selbst als die Bundesregierung eine Verdopplung des Soldes in Aussicht gestellt hatte, fand sich zunächst kein aktiver oder ehemaliger Banker, um den eminent wichtigen Posten zu übernehmen.

Seitenwechsel sind selten. Ex-Werber Sebastian Turner versucht es gerade in Stuttgart, wo er sich der OB-Wahl stellt. Den Sprung auf die öffentliche Seite hat Levin Holle bereits hinter sich. Bislang war er Partner bei der Boston Consulting Group (BCG), Anfang des Jahres wechselte er als Leiter der einflussreichen Kapitalmarktabteilung ins Bundesfinanzministerium. Der Bad-Bank-Experte dürfte sein Gehalt etwa gezehntelt haben. Mehr als materieller Luxus, so ist zu hören, interessierten ihn intellektuell anspruchsvolle Aufgaben.

Nicht nur das Geld schafft Barrieren

Es ist nicht nur das Geld, das Barrieren schafft. Anders als in den USA, in Großbritannien oder Frankreich stehen in Deutschland zwischen öffentlicher und privatwirtschaftlicher Sphäre traditionell fast unüberwindliche Mauern. Es gibt keine gemeinsame Ausbildung der Eliten, keine Ivy-League-Universitäten wie in Amerika, kein Eton oder Oxford wie in England, keine Grandes Écoles wie in Frankreich. In Deutschland werden Spezialisten ausgebildet - Spitzenperformer auf ihrem jeweiligen Gebiet, Problemlöser hoher Effizienz, aber keine visionären Vorausdenker, die sich als Steuerleute mit übergreifender Verantwortung und Weltdeutungskompetenz verstehen.

Die Scheu, sich als Elite zu fühlen und entsprechend zu handeln, war schon immer groß in der Bundesrepublik - eine Spätfolge der flächendeckenden Verstrickung in die monströsen Verbrechen der Nazis. Immerhin gab es zu Zeiten des Kalten Krieges ein verbreitetes Zusammengehörigkeitsgefühl: Politiker und Wirtschaftsführer waren gemeinsam bemüht, eine stabile Gesellschaft zu bauen, die gegen kommunistische Verlockungen immun war.

Nachdem die Mauer gefallen war und die Weltmärkte geöffnet wurden, drifteten die Interessen auseinander. Viele Topmanager verstehen sich inzwischen als Teil einer global mobilen Elite, die nicht mehr unbedingt ihrer Heimat verpflichtet ist. Sie vergleichen sich eher mit anderen Konzerngranden in der Weltliga des Kapitalismus als mit den Führungskräften aus Staat oder Wissenschaft daheim.

"The Business of Business is Business"

Die wechselseitige Verständnislosigkeit wird für die Wirtschaft selbst zum Problem. Unternehmen, die die gesellschaftlichen Auswirkungen ihrer Handlungen nicht verstehen und entsprechend unsensibel agieren, laufen leicht in existenzbedrohende Probleme.

So huldigten die Strommultis lange Zeit zuvörderst dem Shareholder-Value. Nicht gerade ein Programm, mit dem man viele Freunde gewinnt. Entsprechend wenig Rücksicht nahm die Regierung auf die Interessen der Energiekonzerne: Erst wurden sie mit einer "Brennelementesteuer" belegt. Voriges Jahr dann beschloss Merkel nach der Katastrophe von Fukushima den Hals-über-Kopf-Ausstieg - die Chefs der Stromkonzerne wurden nicht mal mehr konsultiert. Ein unfreundlicher Akt, der von heute auf morgen ganze Geschäftsmodelle ins Wanken brachte.

Die Politik führt, die Wirtschaft kann froh sein über die Spielräume, die man ihr gewährt - das ist derzeit die verbreitete Haltung, sogar in der ehemals wirtschaftsfreundlichen Union. Ehrgeizige Politiker wie der mittlerweile ins Abseits geratene Norbert Röttgen oder Ministerin Ursula von der Leyen punkten mit einem dezidiert dirigistischen Kurs.

Auch die Kanzlerin selbst, die zu Beginn ihrer Amtszeit noch die Nähe zur Wirtschaft suchte, geht auf Distanz. Persönliche Treffen sind selten geworden, die Stimmung sei frostig, berichten Topmanager.

Der neoliberale Zeitgeist der Globalisierung - als Manager gern den alten Spruch "The Business of Business is Business" (Milton Friedman) zitierten - ist passé. Längst hat eine Ära der Reregulierung das Primat des Ökonomischen abgelöst. Neue Regeln werden formuliert, und die Wirtschaft wird häufig nicht mal mehr gehört.

Die Ära der Re-Regulierung hat begonnen

Kein Wunder, findet Dennis Snower. Wenn Topmanager es lediglich als ihre Aufgabe ansähen, sich innerhalb der geltenden gesetzlichen Spielräume zu bewegen, dann dürften sie sich nicht wundern, wenn diese Spielräume immer enger gemacht würden. Seit Langem forscht der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) über die richtige Balance zwischen privater und staatlicher Aktivität in der Wirtschaft.

Die Finanzkrise habe gezeigt, sagt Snower, "wie vollkommen legales Verhalten der Banken die Welt an den Rand des Kollapses gebracht hat". Die Lehre daraus? Jedes Unternehmen müsse die Auswirkungen seines Handelns auf die Gesellschaft aus eigenem Antrieb einkalkulieren. "Blinde, kurzfristige Gewinnmaximierung ist einer freien Gesellschaft nicht zuträglich", glaubt Snower.

Opportunismus regiert, auf allen Seiten. Die Wirtschaft beschränkt sich darauf, die eigenen Geschäftsinteressen durchzusetzen. Und für die Politik steht das Ziel Machterhalt ganz oben auf der Agenda. Der Gesellschaft langfristige Perspektiven zu eröffnen, sehen Politiker nicht mehr als ihre Aufgabe. So scheuen sich Angela Merkel und Wolfgang Schäuble, die drängende Frage der Bürger zu beantworten, was denn aus ihrem Geld werde. Dabei haben die beiden eine ziemlich genaue Vorstellung: Um die Euro-Krise zu lösen, müssten in der EU föderale Strukturen aufgebaut werden - die Nationen würden in den Vereinigten Staaten von Europa aufgehen. Andernfalls werde die gemeinsame Währung auf Dauer wohl nicht zu halten sein. So sprechen wichtige Regierungsberater im vertraulichen Gespräch.

In der Öffentlichkeit hingegen bleibt Merkel wolkig. Eine große Europa-Vision zur Debatte zu stellen, wie es Helmut Kohl und Joschka Fischer noch taten, das gilt Merkel als zu risikoreich. Denn ein entschlossener Pro-Euro-Kurs dürfte politische Widerstände hervorrufen, die sie das Amt kosten könnten.

Vielen Wirtschaftsleuten würde es schon eine Nummer kleiner reichen. Nicht nur in der Währungsfrage fehlt es an Orientierung. Für Acatech-Chef Kagermann ist auch bei den großen gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen eine gemeinsame Ausrichtung von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik unabdingbar. Energie, Rohstoffe, Fachkräftemangel und Elektromobilität - alles wichtige Themen, auf die Politik und Wirtschaft gemeinsam Antworten finden müssten.

Kagermann hält schon viel für gewonnen, wenn Manager, Politiker und Wissenschaftler aus ihren jeweiligen Festungen herauskämen und sich regelmäßig in Arbeitskreisen oder auf gemeinsamen Plattformen träfen. "Die Themen werden komplexer", sagt er. "Vernetztes Denken ist deshalb erforderlich." Ähnlich sehen das die Autoren der Berliner Studie. Sie haben sich das anspruchsvolle Ziel gesetzt, "ein neues Verständnis von Führung zu etablieren", wie Tobias Leipprand sagt, der das Projekt für die Stiftung Neue Verantwortung betreut.

Immerhin, es gibt ein paar Ansätze zur besseren Kooperation. Zum Beispiel die Nationale Plattform Elektromobilität (NPE), in der seit fast zwei Jahren Vertreter von Industrie, Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Gewerkschaften gemeinsam daran arbeiten, Deutschland zum führenden Land für Elektromobilität zu machen. "Das funktioniert ziemlich gut", findet Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Vor allem weil es auch in Politik wie Wirtschaft zur Chefsache erklärt wurde. Zu den Sitzungen des Lenkungskreises reisen regelmäßig die Vorstände der Autokonzerne an.

Für Kagermann, der die NPE leitet, hat dieses Gremium durchaus Vorbildcharakter: "Dies ist eine Form der Kooperation, die auch international als vorbildhaft gesehen wird. Das Modell kann man auch für andere Themen nutzen."

Es muss etwas geschehen, so viel ist sicher. Die Bürger werden ungeduldig: Nach einer Allensbach-Umfrage rangieren Manager am unteren Ende der Beliebtheitsskala. Nur Politiker haben ein noch schlechteres Renommee. Den Anführern laufen die Legionen davon.

Es kann doch nicht wahr sein, dass die beiden wichtigsten Gruppen von Entscheidungsträgern fast kein Vertrauen in der Gesellschaft haben, sagte sich vor zwei Jahren Dietmar Kokott, einst globaler Personalchef der BASF  und heute noch enger Berater von Vorstand und Aufsichtsrat des Chemiekonzerns.

Er regte in einem Kreis von Vorstandschefs großer Konzerne an, sich dem Thema Vertrauenskrise zu stellen. Unter seiner Führung erarbeitete ein Team aus 16 Unternehmen ein "Leitbild für verantwortliches Handeln in der Wirtschaft".

Auf acht Seiten wimmelt es von wohlklingenden Bekenntnissen. Kostprobe: "Verantwortliche Unternehmensführung bedeutet Gewinnstreben in einer Weise, die das Vertrauen in Marktwirtschaft und Unternehmen fördert und nicht untergräbt." Oder: "Wirtschaften zum Wohl der Menschen setzt verantwortliches Handeln der Entscheider voraus." Es ist ein Traktat der guten Vorsätze. Inzwischen haben es mehr als 40 Wirtschaftsgrößen unterzeichnet - von A wie Ackermann bis Z wie Zetsche.

Jetzt müssen sie nur noch danach handeln.

Im Interview: Michael Vassiliadis, Vorsitzender IG BCE

mm: Haben wir die richtigen Manager?

Vassiliadis: Jedenfalls gibt es in deutschen Konzernen zu wenige echte Führungspersönlichkeiten.

mm: Was meinen Sie damit?

Vassiliadis: Die Komplexität der Führungsaufgaben hat enorm zugenommen. Das betrifft nicht nur das rein Geschäftliche in global agierenden Konzernen, sondern auch übergreifende gesellschaftliche Fragen. Dazu brauchen wir einen neuen Typus von Manager.

mm: Führungskräfte vom Reißbrett?

Vassiliadis: Nein. Es gibt diese Leute ja: Männer und Frauen mit einem bunteren Hintergrund, die offener durchs Leben gehen, kooperativer und kommunikativer sind. Aber die Mechanismen unserer Hierarchien begünstigen immer noch den Typ des einsamen Führers, der stolze Legionen heroisch führt. Dieses fast militärische Ideal passt nicht mehr in die Zeit.

mm: Aber das deutsche Führungsmodell ist doch derzeit hocherfolgreich.

Vassiliadis: Natürlich. Was die reinen Zahlen angeht, stehen viele Konzerne momentan blendend da. Aber von Eliten muss man mehr erwarten, als Entscheidungen nur nach Kennzahlen auszurichten - das könnten auch Maschinen.

Im Interview: Henning Kagermann, Präsident Acatech

mm: Muss ein Manager mehr als nur Kunden, Mitarbeiter und Produkte im Blick haben?

Kagermann: Ja, natürlich. Eine auf lange Sicht tragfähige Unternehmensstrategie muss selbstverständlich die für das Unternehmen relevanten gesellschaftlichen und politischen Veränderungen berücksichtigen - und zwar weltweit.

mm: Das klingt, als forderten Sie von Topmanagern geradezu übermenschliche Fähigkeiten.

Kagermann: Das ist eine Sache der Prioritäten. Führungskräfte müssen sich dafür Zeit schaffen. Als ich noch SAP-Chef war, habe ich rund ein Drittel meiner Zeit mit Themen verbracht, die über das Tagesgeschäft hinausgingen und das wirtschaftliche Umfeld entscheidend prägten. Deshalb muss die Wirtschaft im Dialog mit der Politik sein.

mm: Politik und Wirtschaft - sind das nicht zwei voneinander getrennte Welten?

Kagermann: Es sind drei Seiten: Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Ob es getrennte Welten sind, hängt von uns ab. Man braucht langfristig aufgebaute und belastbare Vertrauensverhältnisse. Und man braucht funktionierende Plattformen und institutionalisierte Dialoge.

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