Geldanlage Was tun beim Griechen-Exit?

Der mögliche Austritt Griechenlands aus dem Euro beschäftigt bereits Politiker und Volkswirte. Auch Anleger sollten sich fragen, wie die Finanzmärkte auf einen solchen Exit reagieren würden. Zwei Szenarien sind denkbar.
Euro auf Drachme: Kehrt Griechenland der Gemeinschaftswährung den Rücken, dürfte das Auswirkungen auf viele Anlegerdepots haben

Euro auf Drachme: Kehrt Griechenland der Gemeinschaftswährung den Rücken, dürfte das Auswirkungen auf viele Anlegerdepots haben

Foto: dapd

Hamburg - Das Risiko, dass Griechenland aus dem Euro  austritt, ist real und es nimmt laufend zu, da sind sich die Analysten der Ratingagentur Fitch sicher. Sie schätzen die Wahrscheinlichkeit des Exits so hoch ein, dass sie ihm eine eigene Analyse gewidmet haben. 20 kleingedruckte Seiten lang führen sie darin die Folgen auf, die der Euro-Austritt hätte: für die Staatsfinanzen, für die Banken, für die Versicherer und für die Unternehmen der Hellenen.

Mit ihrer Einschätzung steht die Ratingagentur nicht alleine da. Lange galt ein Abschied Griechenlands aus der Euro-Zone nur als hypothetisch. Doch seit den Parlamentswahlen Anfang Mai und der gescheiterten Regierungsbildung erscheint das Szenario realistisch. Als entscheidender Termin gilt der 17. Juni, wenn in Griechenland erneut gewählt wird.

Den Tag sollten sich auch Kapitalanleger rot anstreichen. Denn schon in der Vergangenheit haben die Schuldenprobleme der Griechen das Geschehen an den Finanzmärkten bestimmt. In den vergangenen Tagen ließen die Sorgen der Anleger den Aktienindex Dax  unter die 6000 Punkte rutschen, erstmals seit Januar.

Bei Fitch in London zumindest sind sich die Experten einig: Kommt tatsächlich die Drachme zurück, so könnte das dramatisch enden, jedenfalls für die Griechen selbst. Nach Berechnungen aufgrund fundamentaler Daten würde eine eigenständige griechische Währung gegenüber dem Euro um beinahe 60 Prozent abwerten, schreibt die Ratingagentur. Die Erfahrung zeige jedoch, dass das Minus tatsächlich noch höher ausfallen dürfte.

Schwere Verwerfungen und Kontrolle des Kapitalverkehrs

Die Folge: Die Umnotierung öffentlicher und privater Schulden auf die neue, schwache Währung wird laut Fitch zu Zahlungsausfällen und "schwerwiegenden ökonomischen und finanzwirtschaftlichen Verwerfungen" führen. Eine Kapitalflucht müsste mit Kapitalverkehrskontrollen verhindert werden.

Unter Druck gerieten vor allem die Banken des Landes. Doch auch Versicherungen und Unternehmen, die hohe Verbindlichkeiten im Ausland haben, bekämen Schwierigkeiten.

Jene griechischen Firmen dagegen, die ihr Geld zum Großteil im Ausland verdienen, könnten von der Umstellung sogar profitieren. Das sieht auch Lothar Koch so. Der Portfoliomanager bei der GSAM AG betont den Vorteil, dass die Abwertung dem griechischen Exportsektor helfen würde. Wirtschaftsbereiche, so Koch, die im europäischen Wettbewerb in den vergangenen Jahren unter die Räder kamen, könnten künftig wieder konkurrenzfähig anbieten.

Der Vermögensverwalter erwartet nicht zuletzt deshalb kaum massive Auswirkungen eines Griechen-Exits auf die Anlagemärkte. Lediglich die Ansteckungsgefahr Spaniens oder Portugals könnte für Nervosität sorgen und Sachwerte nochmals stärker in den Fokus rücken, meint er. Gold  und Silber  könnten möglicherweise ihre zwischenzeitliche Schwächephase beenden.

Griechen-Chaos treibt deutsche Immobilienpreise

Selbst die Immobilienpreise in Deutschland könnten wegen der zusätzlichen Verunsicherung weiteren Auftrieb bekommen, sagt Koch. Wenngleich das Preisniveau in einigen Städten bereits bedenklich hoch sei.

Vor allem rät Koch Anlegern, den Aktienmarkt genau im Blick zu behalten. Dort sei bereits viel Sorge in die Kurse geflossen. Sollte Griechenland aus dem Euro austreten, so wäre die Ungewissheit beendet. Die guten Unternehmensdaten sowie die günstigen Firmenbewertungen könnten wieder in den Vordergrund rücken. "Im Dax gibt es viele Qualitätsaktien mit guten Geschäftszahlen", sagt der Investmentprofi.

Mit der Auffassung steht Koch nicht alleine da. "Ein Exit der Griechen würde wohl zu einigen Turbulenzen auf den Finanzmärkten führen", glaubt auch Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. "Die Stabilität der Euro-Zone insgesamt geriete dadurch aber wohl nicht in Gefahr."

Voraussetzung für den glimpflichen Verlauf dürfte allerdings sein, dass der Griechen-Exit geordnet über die Bühne geht. Das jedoch ist nach Einschätzung von Experten lediglich eine von zwei Möglichkeiten. Die andere lautet: ungeordneter Austritt. Und deren Konsequenzen wären wohl dramatischer.

Geordneter oder ungeordneter Austritt

Die liechtensteinische VP Bank etwa nimmt beide Varianten in einem internen Report anschaulich unter die Lupe. Bei der geordneten Version greifen die von der Europäischen Union (EU), dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) entworfenen Notfallpläne, schreibt die Bank. Die neue Währung würde in einem geregelten Prozess eingeführt, einer Kapitalflucht durch Kontrollen und das Einfrieren griechischer Konten begegnet.

Eine Eskalation kann auch durch beherzte Geldpolitik etwa seitens der EZB verhindert werden, so die VP Bank. Denkbar sei beispielsweise der Aufkauf von Staatsanleihen oder die Unterstützung des Bankensystems mit Liquidität. Ansteckungseffekte würden zudem vermieden, indem beispielsweise der spanische Bankensektor mit Euro-Hilfsgeldern rekapitalisiert würde. Durch den Verbleib in der EU bekäme Griechenland ohnehin weiter finanzielle Unterstützung.

Private Investoren erleiden in dem Szenario zwar einen Totalverlust auf ihre Forderungen gegenüber Griechenland, so die VP Bank. Ansonsten kämen sie jedoch glimpflich davon.

"Gelingt ein geordneter Austritt, so muss dies nicht zwingend zu einer deutlich negativen Reaktion der Finanzmärkte führen", sagt Bernd Hartmann, Leiter des Investment Researchs bei der VP Bank. Kurzfristige "Extemreaktionen" seien zwar nicht auszuschließen, dann werde jedoch Vertrauen zurückkehren.

Die Empfehlung der Bank fürs Depot: Eine defensive Ausrichtung, vor allem in Europa - und damit die gleiche Portfolioaufteilung, die die Fachleute auch für den Fall eines Nicht-Austritts der Griechen vorschlagen.

Flucht aus Euro-Land - viele legen verstärkt in den USA an

Im Einzelnen heißt das: Staatsanleihen sollten laut VP Bank deutlich untergewichtet werden, insbesondere Papiere von Ländern der Euro-Zone. Keine Peripheriestaaten also, stattdessen deutsche Bundesanleihen. "Wir gleichen das durch ein Übergewicht von Unternehmensanleihen aus", sagt Hartmann.

Auch bei den Aktien sollte Amerika gegenüber Europa bevorzugt werden, meint der Fachmann. "Innerhalb der restlichen Europa-Quote bevorzugen wir deutsche Unternehmen, da diese stärker im Export tätig sind und so von dem stärkeren Wachstums außerhalb Europas profitieren", sagt er. "Die Positionierung basiert insgesamt auf dem größer werdenden Wachstumsunterschied zwischen Europa und dem Rest der Welt, besonders gegenüber den USA, den wir erwarten."

Das ist allerdings nur die sanfte Variante. Die andere lautet: ungeordneter Austritt Griechenlands aus dem Euro. Die Notfallpläne der EU, des IWF und der EZB greifen in dem Fall nicht. Eine massive Kapitalflucht aus Griechenland könnte nicht verhindert werden.

Die Folge wäre ein Kollaps des dortigen Bankensystems, mit nachfolgendem Dominoeffekt quer durch die Euro-Zone. Vor allem den spanischen und portugiesischen Instituten dürften Anleger viel Geld entziehen.

Deutschlands Toprating in Gefahr

Die weiteren Auswirkungen wären kaum absehbar. Internationale Anleger würden vor einem Zerbrechen des Euro im großen Stil aus dem Währungsraum fliehen. Die Gemeinschaftswährung geriete auf Talfahrt. Gleichzeitig müsste Deutschland für Milliardengarantien einstehen, etwa wegen Zahlungsausfällen in Griechenland. Damit geriete bei den Ratingagenturen die "AAA"-Topnote in Gefahr.

Letztlich könnte die Situation ähnlich ausarten wie nach der Lehman-Pleite 2008, so die VP Bank, mit hoher Inflation in Europa und einer weltumspannenden Rezession.

"Sollte die Griechen-Krise zu einem solchen Kollaps der Euro-Zone führen, so dürften mit Ausnahme Deutschlands, seiner unmittelbaren Nachbarn sowie Finnlands alle Nachfolgewährungen des Euro gegenüber dem Schweizer Franken und dem US-Dollar deutlich abwerten", sagt Experte Hartmann. "Wer das erwartet, sollte also schon jetzt sein Euro-Exposure abbauen."

Ohnehin wäre dann bei risikobehafteten Anlagen Vorsicht geboten. "An den Finanzmärkten und im Bankensektor käme es zu heftigen Verwerfungen und sehr eingeschränkter Liquidität", so Hartmann. "Risiko-Assets würden in großem Umfang abgestoßen."

Die Folge: Pessimisten mit Weitblick sollten Aktien, Private Equity oder hochverzinslichen Anleihen wohl schon jetzt so weit wie möglich abbauen. Die Erlöse könnten sie in Cash, Gold und amerikanische Staatsanleihen stecken, sagt der Fachmann.

Dass dieses Extremszenario eintreten wird, glaubt allerdings auch er nicht.

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