Oracle/Microsoft Spionage gehört zum Alltag

Oracles Eingeständnis, den Erzrivalen Microsoft ausspioniert zu haben, stößt in den USA nur auf wenig Empörung. Schnüffeleien bei Konkurrenten gehören Experten zufolge längst zum Alltag.

Arlington - Nahezu alle der 500 größten Unternehmen der USA verfügen über firmeninterne Abteilungen zur Bespitzelung von Konkurrenten, erklärte Alden Taylor von der New Yorker Detektei Kroll Associates gegenüber der "USA Today". Dabei sei Wirtschaftsspionage vor allem dort verbreitet, wo Wissen als Lebenselixier der meisten Unternehmen gilt: im Silicon Valley.

In den meisten Fällen werden laut Taylor Gewinnspannen oder Projektdetails von Konkurrenten ausspioniert. Die Methoden seien in der Regel legal. Die Schnüffler besorgten sich die Informationen zum Beispiel von Lobbyisten-Organisationen des US-Kongresses oder anderen öffentlich zugänglichen Quellen. Nur in Einzelfällen komme es zu illegalen Aktionen.

Erst vor wenigen Tagen hatte Oracle-Chef Larry Ellison zugeben müssen, eine Detektei auf den Redmonder Konkurrenten Microsoft angesetzt zu haben. Die Ermittler hatten Anfang des Monats unter anderem versucht, für 1200 US-Dollar einer Putzkolonne Papierabfälle einer von Microsoft unterstützten Organisation abzukaufen. Diese Praxis verstößt in den USA zwar nicht gegen das Gesetz, ist jedoch zumindest moralisch umstritten.

Zum legalen Detektivalltag gehört auch das Belauschen von Gesprächen in Flugzeugen und Zügen oder das Aushorchen verstimmter Mitarbeiter. Wirtschaftsspione überschritten in der jüngsten Vergangenheit allerdings häufiger die Grenzen. So hatten Schnüffler kürzlich in einem Unternehmen Laptops gestohlen, E-Mails abgefangen und waren unbefugt in Firmengelände eingedrungen. Die "Cash-für-Trash"-Spionage-Attacke von Oracle gegen Microsoft beurteilen Szenekenner als außergewöhnlich: Das Risiko sei für ein derart mageres Ergebnis viel zu hoch gewesen.

Ellison traut sich nur noch mit Bodyguards auf die Straße

Insgesamt existieren in den USA etwa 400 Detekteien. Schätzungen zufolge haben sich die Umsätze der Branche in den letzten fünf Jahren von circa 200 Millionen US-Dollar auf mehrere Milliarden gesteigert. Hauptverantwortlich hierfür machen Insider die wachsende Beliebtheit von Wirtschaftsspionage in der Hightech-Branche. Zudem sei der Schnüffel-Boom mitunter auch auf die Globalisierung der Wirtschaft zurückzuführen. "Die Konkurrenten sitzen heutzutage doch oftmals am anderen Ende der Welt, und man weiß absolut nichts über sie", erläutert Taylor den verstärkten Bedarf an Detektivdiensten.

Larry Ellison sorgt unterdessen erneut für Schlagzeilen: Am 4. Juli startet sein Unternehmen eine Reihe von Billig-Netzcomputern auf Linux-Basis, die schnellen und unkomplizierten Internet-Zugang verschaffen sollen. Dabei hat der Oracle-CEO nicht zufällig den amerikanischen Unabhängigkeitstag als Erstverkaufstag für die neue PC-Generation gewählt. "Die Netzrechner bedeuten endlich Freiheit von Windows", teilt Ellison erneut einen Seitenhieb in Richtung Redmond aus.

Der Oracle-Chef wurde diese Woche zudem erstmals in Begleitung von Leibwächtern gesehen – unter Hightech-Unternehmern ein Novum. Ob der exzentrische Ellison einen Racheakt seines ausspionierten Erzfeindes Bill Gates fürchtet, kann nur vermutet werden.

Jochen A. Siegle, Miami