Freitag, 19. April 2019

Preissprünge Wie die private Krankenversicherung sich selbst abschafft

Komfortprodukt: Die PKV ist ein ein teurer Upgrade zu den gesetzlichen Kassen

Mit ihren exorbitanten jährlichen Preissteigerungen könnten die privaten Krankenversicherer sich bald selbst abschaffen. Gelingt es ihnen nicht, ihr Geschäftsmodell endlich zu reformieren, werden sie in eine Bürgerversicherung eingemeindet. Für Versicherte hat das Folgen.

Wie viel darf eine Krankenversicherungspolice ein paar Jahre vor dem Ruhestand eigentlich kosten? 500 Euro? 700 Euro? 800 oder gar 900 Euro im Monat? Am besten können diese Fragen wohl diejenigen beantworten, die in den Versicherungsunternehmen das Sagen haben.

Uwe Laue beispielsweise, 55 Jahre alt und Chef der Debeka. Er zahlt rund 420 Euro im Monat. Oder Rolf Bauer (63), Nummer eins der Continentale und in wenigen Wochen im Ruhestand. Er kommt auf etwa 500 Euro Monatsbeitrag.

Von solchen Prämien können viele Privatpatienten jenseits der 55 mittlerweile nur noch träumen. Für sie gehören Beitragssteigerungen im zweistelligen Prozentbereich zum Alltag. Und statt 500 Euro geben viele eben 700, 800 oder gar 900 Euro für ihren Krankenversicherungsschutz aus, Monat für Monat für Monat. Im aktuellen Heft analysiert manager magazin in einem umfangreichen Report die Misere der Privaten.

Von den Versicherern werden solche Prämien gerne als Einzelfälle abgetan. Dabei gehen sie großzügig darüber hinweg, dass die Inflation der Beiträge Teil des eigenen Geschäftsmodells ist: Die Mehrheit der Gesellschaften verkauft ihre Policen noch immer als Billigalternative zu den gesetzlichen Kassen.

Tatsächlich aber ist der Privatpatientenstatus das exakte Gegenteil - ein teurer Upgrade zur AOK, Techniker & Co. So richtig klar wird vielen Versicherten das aber erst, wenn es längst zu spät ist, die Prämien absurde Höhen erreicht haben, der Wechsel zu einem günstigeren Konkurrenten nicht mehr möglich und der Rückweg in die gesetzliche Kassen versperrt ist. Mit dieser Strategie erreichen die Konzerne am Ende aber vor allem eines: die Abschaffung ihrer eigenen Industrie.

Preissteigerungen von bis zu 50 Prozent sind ein Desaster

Preissteigerungen von bis zu 50 Prozent sind schlicht ein Desaster. Noch dazu für eine Branche, die von sich behauptet, immun gegen die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft zu sein. Mit jeder neuen Prämienrunde liefern die Unternehmen den Beleg dafür, dass ihr Grundprinzip, Kapital für die steigenden Behandlungskosten der letzten Lebensjahrzehnte anzusparen, genauso wenig gegen steigende Krankenversicherungsprämien hilft, wie das Umlagesystem der gesetzlichen Krankenkassen, das vollkommen ohne jedes Finanzpolster auskommt.

SPD, Grüne und Linke nehmen diesen Offenbarungseid dankend zur Kenntnis. Sie würden die privaten Krankenversicherer ohnehin am liebsten abschaffen, in eine irgendwie geartete Bürgerversicherung eingemeinden und mit den Alterskapital der Privatpatienten die potenzielle Finanzierungslücken der gesetzlichen Kassen stopfen.

Selbst im bürgerlichen Lager schwindet die Unterstützung. Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU, stellt das Nebeneinander von gesetzlichen und privaten Kassen grundsätzlich in Frage. Und von den Gesundheitspolitikern der FDP bekommen die Manager der privaten Krankenversicherer inzwischen ziemlich unverhohlen zu hören, dass sie, statt ständig neue Forderungen zu stellen, endlich für stabile Beiträge sorgen sollten.

Dafür aber müssten die Versicherungskonzerne endlich anfangen ehrlich zu kalkulieren. Es ist schlicht unseriös, der jungen, gesunden und gutverdienenden Klientel tendenziell zu niedrige Prämien zu berechnen, nur um sie später mit massiven Preissteigerungen zu traktieren. Vor allem aber sollten Krankenversicherungspolicen endlich als das verkauft werden, was sie sind: ein Komfortprodukt, das eben teurer ist als der Einheitsschutz des gesetzlichen Lagers.

Schaffen es die Konzerne aber nicht, ihr Geschäftsmodell vernünftig zu reformieren, dann werden sich auch konservative Politiker einer Bürgerversicherung nicht länger verschließen können. Für die Versicherten heißt das: Es wird in jedem Fall eine Umverteilung von oben nach unten geben.

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