Börsengang Fünf Gründe, warum Facebook zu teuer ist

Der Facebook-Börsengang macht Gründer Mark Zuckerberg zu einem der reichsten Männer der Welt. Doch der 28-Jährige sollte gut auf seine Milliarden aufpassen: Die Aktie sieht hoffnungslos überteuert aus. Fünf Gründe gegen einen Kauf.
Von Nils Jacobsen
Zukunftswette Facebook: Das Netzwerk könnte heute einen Börsenwert von mehr als 100 Milliarden Dollar erreichen - der Gewinn 2011 lag dagegen bei rund 1 Milliarde Dollar

Zukunftswette Facebook: Das Netzwerk könnte heute einen Börsenwert von mehr als 100 Milliarden Dollar erreichen - der Gewinn 2011 lag dagegen bei rund 1 Milliarde Dollar

Foto: dapd

Grund 1: Facebooks KGV von 100+

Vielleicht ist die heutige Börsenwelt eine andere als die, die Warren Buffett und André Kostolany kannten. Und doch sind die alten Parameter der fundamentalen Aktienanalyse dieselben geblieben: Ob Apple, Google oder McDonalds und Coca Cola - die Eliteunternehmen Corporate Americas werden von Fondsmanagern nach ihrem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bewertet. Und das liegt irgendwo zwischen 13 (Apple) und 19 (Coca Cola), während der marktbreite S&P 500-Index aktuell bei einem KGV von 13 liegt.

Facebook? Hat im vergangenen Jahr bei Umsätzen von 3,7 Milliarden Dollar eine Milliarde Dollar verdient. Keine schlechte Marge, doch was Anleger dafür bewilligen, ist abenteuerlich. Nämlich einen Börsenwert zum Start von 104 Milliarden Dollar. In anderen Worten: Facebook startet mit einem KGV von über 100 an der Wall Street.

Selbst auf Basis der ziemlich optimistischen Analystenschätzungen, die dieses Jahr einen Gewinn je Aktie von 50 Cent unterstellen, debütiert die FB-Aktie mit einem KGV von fast 80 - dabei gingen im abgelaufenen Quartal erstmals sogar die Gewinne zurück. Aufgrund der überbordenden Nachfrage erscheinen am ersten Handelstag dennoch höhere Notierungen möglich.

Sam Hamadeh, CEO von Privco, nannte im Vorfeld Notierungen von 60 Dollar am ersten Handelstag - sollte dies so kommen, entspräche dies inmitten der IPO-Euporie einem Aufschlag von weiteren 50 Prozent. Das KGV würde dann auf astronomische 150 springen, Facebook wäre mit über 150 Milliarden Dollar Börsenwert mehr wert als jeder Dax-Konzern. Facebook mit seinen 3500 Mitarbeitern wäre eineinhalb Mal so viel wert wie der Industriekonzern Siemens mit seinen 400.000 Mitarbeitern.

Schwer zu verstehen? Das finden auch die Berkshire Hathaway-Legenden Warren Buffett und Charlie Munger, die sich klar gegen Facebook-Aktien ausgesprochen haben. "Wir kaufen niemals Erstemission", erklärte Buffett unlängst auf der Aktionärsversammlung in Omaha. Geschäftspartner Munger ergänzte: "Wir kaufen nicht, was wir nicht verstehen". So einfach kann es am Ende sein.

Der Google-Vergleich

Zur großen Hypothek für Facebook könnte der Vergleich mit seinem natürlichen Rivalen um die Vorherrschaft im Internet werden - der Vergleich mit Google  . Die Internet-Suchmaschine wechselt heute für ein KGV von 18 den Besitzer, bei Facebook wird es zum Handelsstart fast die sechsfache Multiple sein.

Wie ist das zu erklären? Rational eigentlich nicht. Facebook-Fans werden argumentieren, dass das Social Network schneller wächst als Google. Das stimmt: 2011 legten die Erlöse um 88 Prozent und die Gewinne um 65 Prozent zu - bei Google lagen die Zuwachsraten bei 29 (Umsätze) und 26 Prozent (Gewinne).

Doch die Dimensionen, in denen sich der sechs Jahre ältere Internetgigant bewegt, lassen Facebook ziemlich milchgesichtig aussehen: Allein im vergangenen Quartal fuhr Google mit Umsätzen von 10,6 Milliarden und Gewinnen von 2,5 Milliarden Dollar mehr als das Doppelte ein wie Facebook im gesamten vergangenen Jahr.

Google verdiente 2011 fast zehnmal so viel wie Facebook

Ein Blick auf die Konzernbilanz des Geschäftsjahres 2011 fällt noch eklatanter aus: Mit 9,7 Milliarden Dollar verdiente Google fast zehnmal so viel wie Facebook - auch die Erlöse lagen mit 37,9 Milliarden Dollar zehnmal über denen des Social Networks! Trotzdem bewertet die Börse Google mit einem Börsenwert von aktuell 205 Milliarden Dollar gerade mal doppelt so hoch wie Facebook zum Handelsstart, 45 Milliarden Dollar Bargeld noch nicht mal herausgerechnet.

Facebook-Bullen mögen nun argumentieren, dass Google zum Zeitpunkt des Börsengangs 2004 auch mit einem viel höheren KGV gehandelt wurde als heute. 60 betrug das KGV, als die Internetsuchmaschine im August 2004 an der Nasdaq debütierte, 80 sind es im Bestcase der geschätzten Gewinne für 2012 bei Facebook.

Eine vergleichbare Dimension? Mitnichten. Facebook debütiert heute als deutlich reiferes Unternehmen als Google seinerzeit. Google brachte es damals lediglich auf einen Börsenwert von 23 Milliarden Dollar, bei Facebook ist es heute mehr als das Vierfache.

In anderen Worten: Ein Großteil der Wertsteigerungen, die Facebook in den vergangenen Jahren erfahren hat, ging an Aktionären vorbei. Sollte Facebook nach dem Börsenwert in Googles Dimensionen vorstoßen, würde sich die Aktie lediglich verdoppeln. Dafür müsste Facebook seine Gewinne aber verzehnfachen. Da geht etwas nicht zusammen...

Facebook ist zu rasantem Wachstum verdammt

Um Facebooks astronomische Bewertung zu rechtfertigen, ist das weltgrößte Social Network auf Gedeih und Verderb zu rasantem Wachstum verdammt. Doch das lässt bereits nach. Um rasante 186 Prozent explodierten die Umsätze noch 2010. Im Jahr 2011 zogen die Erlöse noch um 88 Prozent an. Und 2012?

Der Jahresstart lässt Böses ahnen: Ausgerechnet vor dem IPO patzte Facebook bei Bekanntgabe seiner Geschäftsergebnisse für das erste Quartal. Die Erlöse wuchsen nur noch um 45 Prozent, das Konzernergebnis gab gar gegenüber dem Vergleichszeitraum im Vorjahr um 12 Prozent nach. Einen Gewinnrückgang hatte es in acht Jahren der Unternehmensgeschichte noch nie gegeben. Auch die Umsätze gingen erstmals gegenüber dem Vorquartal zurück. Google legte dagegen zuletzt zu.

Selbst bei optimistischer Betrachtung für das laufende Geschäftsjahr spricht einiges dafür, dass Facebook die größten Wachstumssprünge schon hinter sich hat. Auf 5,6 Milliarden Dollar beziffert Analyst James Lee von CLSA Asia Pacific Markets die Umsätze im laufenden Geschäftsjahr. Das entspräche nur noch einem Zuwachs von 47 Prozent. 2013 könnte Facebook 8,18 Milliarden Dollar erlösen, glaubt Lee, was Zuwächsen von noch 39 Prozent entspricht.

Hat FB die größten Wachstumssprünge bereits hinter sich?

2014 verebbt das Umsatzwachstum laut seiner Prognose gar auf 34 Prozent. Die Gewinnzuwächse nähmen binnen der nächsten Jahre nach Einschätzung von Lee gar von 50 auf 34 auf nur noch 11 Prozent ab.

Facebook droht damit schneller erwartet als in Wachstums-Dimensionen von Google abzurutschen, das sich als sechs Jahre älteres Unternehmen in einem ganz anderen Reifestadium befinden sollte.

Ein weiterer Vergleich spricht gegen Facebook - der mit dem wertvollsten Konzern der Welt. Man sollte glauben, dass Apple  im 36. Jahr seines Bestehens längst seine Wachstumsgrenzen erreicht habe. Tatsächlich jedoch macht der iPhone-Hersteller Facebook vor, wie sich Wachstum buchstabiert: Um 85 Prozent legte Apples Gewinn im vergangenen Geschäftsjahr zu - auf Profite von 26 Milliarden Dollar Im vergangenen Quartal beschleunigte Apple noch mal seine Wachstumsdynamik: Die Gewinne explodierten um 93 Prozent auf 11,6 Milliarden Dollar - ein Nettoquartalsgewinn, für den Facebook nach letztem Stand mehr als 11 Jahre bräuchte.

Investoren der ersten Stunde machen Kasse

Es ist ein Alarmsignal für Anleger: Großaktionäre oder hochrangige Unternehmensbosse verkaufen die eigenen Anteilsscheine. Manchmal mag das unumgänglich sein wie Falle von Mark Zuckerberg, der selbst 30,2 Millionen Aktien verkauft, um seine Steuern begleichen zu können, die im Rahmen des Börsengangs fällig werden.

Doch die illustre Liste der Verkäufer, die heute Kasse macht, ist lang: Das sogenannte Smart Money, das in den frühen Tagen in Facebook investierte, stellt in einer konzertierten Aktion 85 Millionen weitere Aktien zum Verkauf, die .

Der Facebook-Entdecker Peter Thiel etwa, der als Investor der ersten Stunde Gewinnzuwächse von 650.000 Prozent verbuchen kann, wirft nun statt der geplanten 7,7 Millionen Aktien 16,8 Millionen auf den Markt. Das russische Investorenkonglomerat Digital Sky Technologies (DST) trennt sich nun von 45,7 statt von nur 26,3 Millionen Papieren.

Und Goldman Sachs , eine der konsortialführenden Banken, wirft nun 28,7 Millionen statt 13,2 Millionen Anteilsscheine auf den Markt.

Tatsächlich kommt der Großteil der angebotenen Aktien von den sogenannten Insidern: 57 Prozent der frühen Anteilseigner machen heute Kasse, wie das Wall Street Journal berichtet - bei Google waren es nur 27 Prozent. Vertrauenserweckende Maßnahmen sehen anders aus. Entsprechend warnte der frühere Internetaktienanalyst und heutige Chefredakteur des Business Insider, Henry Blodget, bereits vor einem "Muppet-Köder".

Großkunde springt ab

Wenige Tage vor dem IPO kam für Facebook eine Nachricht zur Unzeit: Facebook, das die Nachhaltigkeit seines Geschäftsmodells an der Börse erst beweisen muss, verliert mit General Motors einen seiner Großkunden. Der Traditionsautobauer verwaltet immerhin das drittgrößte Werbebudget der USA.

Zwar geht es bei Facebook nur um einen Etat von zehn Millionen Euro, doch für das Social Network ist das ein negatives Signal zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Werbung ist die Haupteinnahmequelle des sozialen Netzwerks, doch die Einnahmen fallen längst nicht so üppig aus wie bei Google, das für den Klick auf ein gesuchtes Schlagwort schon mal zweistellige Dollarbeträge einsammelt.

Erst kommt der IPO-Höhenflug - und dann?

"Facebook wird sich gut schlagen, aber der größere Nutzern für Werber liegt bei Google", meint etwa Connor Browne vom Thornburg Value Fund. Das belegen auch neue Studien, die zeigen, dass Nutzer häufiger auf Google-Anzeigen denn auf Facebook-Anzeigen klicken. "Die Kampagne hat für GM nicht funktioniert' resümiert das Wall Street Journal. Die Werbeschaltungen hätten praktisch keinen Einfluss auf eine mögliche Kaufentscheidung. Entsprechend sensibel könnten Anleger auf den überraschenden Rückzug des Großkunden reagieren.

All das ist jedoch nur Theorie. Ab heute kurz nach Handelseröffnung an der Wall Street wird die Facebook-Aktie zu 38 Dollar je Aktie debütieren - und getragen von der immensen Nachfrage vermutlich zunächst einmal in die Höhe schießen. Doch den Gesetzen der Schwerkraft wird sich auch Facebook kaum entziehen können.

Facebook: Das soziale Betriebssystem des Internet

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