Dienstag, 10. Dezember 2019

Eurazeo-Chef Sayer "Neomarxistische Tradition"

"Man sollte nicht den Fehler begehen, zu sagen, in Deutschland sei alles toll": Patrick Sayer führt eine der größten Beteiligungsgesellschaften Europas

Wie geht es weiter in Frankreich? Eurazeo-Chef Patrick Sayer über das Vorbild Deutschland, Frankreichs Wahlkampf und den lähmenden Dauerkonflikt von Arbeitgebern und Arbeitnehmern in seinem Land.

Patrick Sayer hat Humor. In einem Regal in seinem Büro steht ein grünes Sparschwein mit der Aufschrift: "Ich bin das Schweinchen eines Kapitalisten." Ein Kapitalist ist Sayer ohne Zweifel. Seit zehn Jahren führt der 53-Jährige Eurazeo, eine der größten Beteiligungsgesellschaften Europas. Ihr Kapital von vier Milliarden Euro hat Sayer in ein Dutzend Unternehmen investiert. Die größten sind die Hotelkette Accor (530.000 Zimmer), der Autovermieter Europcar (193000 Fahrzeuge) und der Parkhausbetreiber Apcoa (1,3 Millionen Stellplätze). Alle drei erzielen erhebliche Teile ihrer Umsätze in Deutschland.

Im Gespräch mit manager magazin Online bemängelt Sayer, dass die Präsidentschaftskandidaten für die strukturellen Probleme der französischen Wirtschaft bisher kaum Lösungen aufzeigen. Einiges könne sich Frankreich durchaus in Deutschland abschauen.

Besonders ärgert Sayer an seinem Heimatland, dass die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern noch immer oft Züge eines Klassenkampfes haben. Das erschwere in Frankreich den sozialen und unternehmerischen Fortschritt ungemein, meint der Präsident von Eurazeo. Dass François Hollande oft auf diese antikapitalistischen Reflexe abhebt, obwohl er es besser wissen müsste, kritisiert Sayer im Gespräch mit manager magazin Online.

mm: Herr Sayer, Frankreichs Weltmarktanteile gegen unablässig zurück, die Arbeitslosigkeit ist fast doppelt so hoch wie in Deutschland und die öffentlichen Haushalte scheinen aus dem Ruder zu laufen. Braucht Frankreich eine "Agenda 2020", nach dem Vorbild der "Agenda 2010"-Reformen in Deutschland?

Sayer: Ja, wir haben keine andere Wahl mehr.

mm: Nicolas Sarcozy und Francois Hollande, die beiden Favoriten im Präsidentschaftswahlkampf, die beim ersten Wahlgang am Sonntag vorne lagen, vermitteln aber nicht gerade den Eindruck, als hätten sie das verstanden. Präsident Sarkozy verspricht jetzt Reformen, die er in fünf Amtsjahren nicht angepackt hat. Und der sozialistische Herausforderer Hollande steht eher für ein "Weiter so".

Sayer: Was jetzt alles im Wahlkampf angekündigt wird, das darf man nicht zu ernst nehmen. Ob am Ende Herr Sarkozy oder Herr Hollande gewinnt: Jeder von beiden muss große Reformen anpacken. Um größere Sparsamkeit der öffentlichen Haushalte, wie sie sich in Deutschland durchgesetzt hat, kommt niemand mehr herum. Und wenn sie damit nach der Wahl sechs Monate oder ein Jahr warten, werden die Einschnitte noch schmerzhafter sein.

mm: Herr Hollande spricht er von Mehrausgaben statt von Sparen. Einen ausgeglichenen Staatshaushalt will er erst Ende des Jahres 2017 vorlegen.

Sayer: Wenn ich privat mit führenden Politikern der Sozialisten spreche, habe ich den Eindruck, dass auch sie den Ernst der Lage sehr gut verstanden haben. Ihre öffentlichen Äußerungen hinterlassen allerdings einen anderen Eindruck.

mm: Die Faszination der Franzosen für das "Modell Deutschland" ist derzeit so groß, dass man fast das Gefühl bekommt, alles Gute komme derzeit aus Deutschland.

Sayer: Man sollte nicht den Fehler begehen, zu sagen, in Deutschland sei alles toll. Wir sehen ja auch, dass Deutschland ein Problem mit der Überalterung seiner Gesellschaft hat.

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