Dienstag, 26. Mai 2020

Eurazeo-Chef Sayer "Neomarxistische Tradition"

"Man sollte nicht den Fehler begehen, zu sagen, in Deutschland sei alles toll": Patrick Sayer führt eine der größten Beteiligungsgesellschaften Europas

4. Teil: Warum deutsche Urlauber in Frankreich keinen Miet-Mercedes fahren dürfen

mm: Landwirtschaftsminister Bruno Le Maire, der sich für Präsident Sarkozy um die Beziehungen zu Deutschland kümmert, wünscht sich mehr deutsch-französische "Champions" - also noch mehr Großkonzerne.

Sayer: Das Beste, was wir für die deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen tun können, ist es, die immer noch existierenden Barrieren zwischen unseren Ländern abzubauen. Das wahre Problem ist doch, dass wir in Europa unseren gemeinsamen Markt noch immer nicht vollendet haben.

mm: Haben Sie ein Beispiel aus Ihrem Geschäft?

Sayer: Es gibt viele. Aber lassen Sie mich nur eines nennen: Europcar hat Autos überall in Europa. Die Deutschen verreisen ja gerne ins Ausland, nach Frankreich, Italien oder Spanien. Aber wenn ein deutscher Kunde im Sommer in Frankreich einen Mercedes will, darf ich ihm in Frankreich kein Auto vermieten, das in Deutschland zugelassen ist. Das ist doch absurd!

mm: Sie haben vor einigen Jahren begonnen, in mittelständische Unternehmen in Frankreich zu investieren. Warum dieser Strategiewechsel?

Sayer: Ich bin von einem einfachen Prinzip ausgegangen. Das Wirtschaftswachstum in Europa wird mittelfristig eher schwach sein, zwischen null und einem Prozent. Da wird es immer schwieriger, bei Beteiligungen gute Wachstumsraten zu erzielen. Das geht nur noch, wenn Sie in kräftig wachsende Unternehmen investieren - so wie die Luxusmarke Moncler, an der wir uns Mitte 2011 beteiligt haben - oder in hoch innovative Firmen wie 3S Photonics, die neue Anwendungen der Lasertechnik entwickelt.

mm: Und wann kaufen Sie Ihren ersten deutschen Mittelständler?

Sayer: Sicherlich noch nicht morgen. Unsere Stärke ist, dass wir den Unternehmer eng begleiten und beraten, ihm als Sparringpartner dienen. So eine Vertrauensbeziehung in Deutschland aufzubauen, ist für ein französisches Team noch immer schwierig.

mm: Sie haben also noch kein Team in Deutschland?

Sayer: Ich hatte der Allianz Börsen-Chart zeigen vor einigen Jahren einmal vorgeschlagen, uns ihr Private-Equity-Geschäft, das sie verkaufen wollte, zu überlassen und im Gegenzug Aktionär bei Eurazeo zu werden. Dann wären auch die Schulden der Private-Equity-Sparte aus der Allianz-Bilanz verschwunden. Darüber habe ich mit mehreren Top-Managern der Allianz gesprochen. Das hat damals leider nicht geklappt, und das bedauere ich. Denn damit hätten wir auf einen Schlag ein echtes Team in Deutschland gehabt. Aber vielleicht ergibt sich ja bald wieder eine solche Gelegenheit.

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung