Dienstag, 26. Mai 2020

Eurazeo-Chef Sayer "Neomarxistische Tradition"

"Man sollte nicht den Fehler begehen, zu sagen, in Deutschland sei alles toll": Patrick Sayer führt eine der größten Beteiligungsgesellschaften Europas

3. Teil: "Permanentes Duell zwischen Unternehmensführung und Mitarbeitern"

mm: Und das liegt am notorischen Misstrauen von Mitarbeitern gegenüber ihren Chefs?

Sayer: In Frankreich stecken wir immer noch in einem permanenten Duell zwischen Unternehmensführung und Mitarbeitern. Das geht noch auf den Konflikt der Pariser Kommune mit den Royalisten 1871 zurück, als sich eine Bürgerbewegung gegen die zentrale Autorität des Staates wehrte, aber am Ende gewaltsam unterdrückt wurde.

mm: Der klassenkämpferische Reflex ist also noch immer sehr stark?

Sayer: Wenn Herr Hollande, der Präsidentschaftskandidat der Sozialisten, hohe Einkommen mit 75 Prozent besteuern will, sehe ich das schon in dieser fast neomarxistischen Tradition. In Frankreich haben wir es noch immer nicht geschafft, eine wahre, vertrauensvolle Partnerschaft zwischen Arbeitgebern und Mitarbeitern aufzubauen.

mm: Darüber diskutiert Ihr Land seit vielen Jahren, aber mit sehr wenig Erfolg. Wie könnte das denn besser gelingen?

Sayer: Nehmen Sie das Beispiel Fraikin, ein Vermieter von Nutzfahrzeugen, an dem Eurazeo seit Jahren beteiligt ist. Dort haben wir eine Mitarbeiterbeteiligung am Kapital eingeführt. Wir haben die Aktienkäufe der Mitarbeiter bezuschusst, und mehr als ein Drittel der Mitarbeiter haben investiert! Das ist sind sehr viele!

mm: Und was hat das geändert?

Sayer: Es hat die Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen enorm gefördert und die Beziehungen zum Management verbessert. Auf einmal teilten Manager und Mitarbeiter ein Ziel: gemeinsam zu rudern, um das Unternehmen voranzubringen. Leider machen das noch viel zu wenige französische Unternehmen.

mm: Wer ist daran schuld?

Sayer: Manager und Gewerkschaften gleichermaßen. Beide haben oft noch nicht verstanden, dass der soziale Dialog ein Instrument ist, um ein Unternehmen intelligenter zu führen. Dass das viele Franzosen nicht verstehen wollen, ist eine große Schwäche Frankreichs.

mm: Eine andere große Schwäche ist der fehlende Mittelstand. Warum gibt es in Frankreich offenbar so wenige innovative Unternehmer?

Sayer: Leider ist es bei uns immer noch so, dass ein Job bei einem großen Unternehmen wie BNP Paribas Börsen-Chart zeigen, Total Börsen-Chart zeigen oder Saint Gobain Börsen-Chart zeigen besser angesehen ist, als selbst eine Firma aufzubauen. Deshalb gibt es so wenig kreative, mutige Unternehmer in Frankreich. Die Folge ist dramatisch: Wir haben keinen Mittelstand.

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