Donnerstag, 9. April 2020

Eurazeo-Chef Sayer "Neomarxistische Tradition"

"Man sollte nicht den Fehler begehen, zu sagen, in Deutschland sei alles toll": Patrick Sayer führt eine der größten Beteiligungsgesellschaften Europas

2. Teil: "Die absurde Entscheidung Deutschlands"

mm: Frankreichs hat eine der höchsten Geburtenraten Europas, Deutschland eine der niedrigsten...

Sayer: Genau. Ich denke, das darf man nicht unterschätzen. Wenn die Zahl der Produktivkräfte in einem Land sinkt, ist das eine enorme Herausforderung. Lösen lässt sich das eigentlich nur durch mehr Einwanderung. Aber das ist politisch sicherlich nicht einfach umzusetzen.

mm: Wo noch liegt Frankreichs gegenüber Deutschland vorn?

Sayer: Die Deutschen haben auch die absurde Entscheidung getroffen, sich von der Kernkraft zu verabschieden. Hier sehe ich einen weiteren eindeutigen Wettbewerbsvorteil für Frankreich.

mm: Und was hat Deutschland denn Frankreich derzeit voraus?

Sayer: Eine ganze Menge. Erstens hat Deutschland enorme Fortschritte bei der Produktivität erreicht. Die hat sich sicherlich gegenüber Frankreich in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 10 Prozentpunkte verbessert, vielleicht sogar etwas mehr - etwa bei den Lohnkosten.

mm: Und was noch?

Sayer: Hinzu kommt, dass die Zinsen für die Staatsverschuldung geringer sind als in Frankreich, weil die staatlichen Etats nicht so defizitär sind. Das ist ein weiterer Wettbewerbsvorteil gegenüber Frankreich.

mm: Eurazeo hält große Beteiligungen an Unternehmen wie dem Autovermieter Europcar, dem Hotelkonzern Accor oder dem Parkhausbetreiber Apcoa, die alle erhebliche Umsätze in Deutschland erzielen. Sie kennen die deutsche Wirtschaft also sehr gut. Was halten Sie persönlich für den größten Standortvorteil Deutschlands gegenüber Frankreich?

Sayer: Der größte Wettbewerbsvorteil Deutschlands sind die konstruktiven Beziehungen zwischen den Sozialpartnern. In Frankreich gibt es einen paradoxen Befund: Laut einer OECD-Studie bleiben in keinem anderen Industrieland die Mitarbeiter so lange im gleichen Unternehmen, haben aber zugleich auch am meisten Angst, ihren Job zu verlieren.

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