Donnerstag, 23. Januar 2020

Eliten-Versagen "Wir gefährden unsere Erfolge"

Markus Kerber: Hauptgeschäftsführer Bundesverband der Deutschen Industrie

Warum verstehen sich Wirtschaft und Politik so schlecht? BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber warnt vor einer um sich greifenden "marktfeindlichen Stimmung". Deutschland sei auf dem Weg in eine "immer stärker gelenkte Marktwirtschaft".

mm: Herr Kerber, im aktuellen manager magazin berichten wir über eine neue Studie zum Führungsverständnis in Deutschland. Eines der Ergebnisse lautet: Topmanager werden von Politikern, Professoren und anderen Eliten sehr skeptisch beurteilt - sie werden als egoistisch bezeichnet, als nicht am Wohl der Gesellschaft orientiert…

Kerber: …wissen Sie, diesem Thema begegne ich allmählich mit einem gewissen Zynismus.

mm: Warum?

Kerber: Weil es wohl kein anderes westliches Land gibt, in dem die Eliten verschiedener Bereiche so kritisch miteinander umgehen wie Deutschland. Politiker schimpfen auf die Manager, Manager auf die Politik. So kommen wir nicht weiter.

mm: Sie persönlich kennen ja die Bereiche inwendig - Sie waren Investmentbanker, Finanzvorstand, Abteilungsleiter im Ministerium, jetzt sind Sie Hauptgeschäftsführer beim BDI. Woher rührt die wechselseitige Verachtung?

Kerber: Wir müssten in Deutschland gesellschaftlich viel stärker interdisziplinär arbeiten. Zu viele sitzen mit Scheuklappenblick in ihrem Silo. Das findet man nirgendwo sonst. In angelsächsischen Ländern gibt es z. B. Colleges, wo Verbindungen geknüpft werden, die auch später einen Austausch zwischen den verschiedenen Disziplinen ermöglichen. Bei uns findet oft mit dem Eintritt in die Hochschule, spätestens mit dem Berufseintritt, eine wechselseitige Abschottung statt. Erschwerend kommt hinzu, dass andere, die gesellschaftlichen Gruppen übergreifende Institutionen - Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, Wehr- und Zivildienst - an Bedeutung verlieren.

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung