Donnerstag, 21. November 2019

Solarbranche unter Druck Solarworld-Verluste schocken Anleger

Solarpark-Installation von Solarworld in Süddeutschland: Die Photovoltaik-Branche hat in Deutschland zu kämpfen

Gestern kam für die Solarfirmen die Hiobsbotschaft aus Berlin, heute strafen  Anleger die Branche ab. Tiefrote Ergebniszahlen des einstigen Börsenstars Solarworld sorgen für zweistellige Kursverluste. Andere Solarwerte geraten ebenfalls unter Druck - die Branche zittert um ihre Zukunft. 

Berlin - Über Branchenprimus Solarworld brauen sich dunkle Wolken zusammen: Trotz der Rekordnachfrage nach Solaranlagen in Deutschland verbuchte der Bonner Konzern im vergangenen Jahr erstmals seit 2003 operativ einen satten Verlust.

Firmenchef Frank Asbeck begründete die roten Zahlen mit millionenschweren Abschreibungen und dem Preisverfall bei Solarmodulen. Die Aktie des Solarunternehmens im TecDax Börsen-Chart zeigen geht mit einem Minus von 10 Prozent auf Talfahrt. Auch weitere Solarwerte stehen unter Druck.

Wegen der anstehenden Einschnitte bei der Solarförderung sind die Aussichten nach Einschätzung von Experten auch weiterhin düster. Asbeck will daher künftig sein Heil noch stärker jenseits des Heimatmarkts zu suchen. "Nach einem Auslandsanteil von 68 Prozent im vergangenen Jahr peilen wir nun 75 Prozent als Ziel an", kündigte er an.

LBBW-Analyst Erkan Aycicek rechnet nicht damit, dass Solarworld rasch aus den roten Zahlen kommt. "Wir sehen die Solarkürzungen als so dramatisch an, dass wir bezweifeln, dass es der Solarworld gelingen kann, auf der Ebit-Ebene in 2012/2013 profitabel zu arbeiten", sagte er.

Solarworld hatte am Donnerstagabend mitgeteilt, bei einem Umsatzrückgang von 19 Prozent auf 1,066 Milliarden Euro 2011 operativ (Ebit) einen Verlust von 233 Millionen Euro verbucht zu haben. Dabei schlugen Wertberichtigungen und Abschreibungen auf veraltete Produktionsanlagen von 313 Millionen Euro zu Buche. Ohne diese wäre ein kleiner operativer Gewinn von 24 Millionen Euro angefallen nach einem Plus von 193 Millionen im Vorjahr. Die Aktionäre werden die schwache Entwicklung zu spüren bekommen: Die Dividende soll von 19 auf neun Cent gekappt werden.

Massive Überkapazitäten sorgen für Preiskampf in der Branche

Anleger waren von dem Zahlenwerk geschockt: Die Aktie, die bereits am Vortag mit einem Abschlag von über 7 Prozent aus dem Handel gegangen war, gab erneut 10 Prozent auf 3,32 Euro ab. Zudem standen die Papiere von Centrotherm Börsen-Chart zeigen und SMA Solar Börsen-Chart zeigen unter Druck.

"Das sind sehr schwache Zahlen", kommentierte ein Händler. Sie seien symptomatisch für die Branchenkrise. Die Zahlen seien ein Desaster, urteilte auch DZ-Bank-Analyst Sven Kürten und erneuerte seine Verkaufsempfehlung.

In der Solarbranche tobt infolge massiver Überkapazitäten ein Preiskampf. Verluste sind selbst bei den chinesischen Billiganbietern nicht mehr ungewöhnlich. Nach einigen Pleiten in den USA mussten in Deutschland Solarpionier Solon und der Kraftwerksentwickler Solar Millennium Insolvenz anmelden. Q-Cells ringt ebenso wie Conergy seit längerem ums Überleben. Angesichts der nun angekündigten drastischen Förderkürzungen fürchten Experten und Firmenbosse nun weitere Pleiten und Massenentlassungen.

Pleitewelle befürchtet

Auch Solarworld-Chef Asbeck rechnet mit einer Pleitewelle. Der Umfang der geplanten Einschnitte sei viel zu groß, sagte er dem "Handelsblatt". "Wir werden einen massiven Abbau von Arbeitsplätzen sehen. Zehntausende von Stellen stehen auf dem Spiel", erklärte Asbeck.

Die von Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) am Donnerstag vorgestellten Kürzungspläne seien nicht nachvollziehbar, sagte Asbeck. "Mit dem zu erwartenden Markteinbruch werden 30 Jahre Forschung und 15 Jahre Industriegeschichte ohne Not geopfert." Die Industrie könne die Kosten nicht einfach so um 30 Prozent kürzen. Die Branche haben den Fehler gemacht, aufrichtig zu sagen, welche Kürzungen sie mitgehen können. "Da hat die Politik einen draufgesattelt und versetzt uns jetzt den Todesstoß", so Asbeck.

Nach monatelangen Ringen hatten sich Röttgen und Rösler in dieser Woche darauf verständigt, die Förderung der Photovoltaik um fast ein Drittel zu senken. Durch die Anpassung will die Bundesregierung den zuletzt stürmischen Ausbau der Solarenergie in Deutschland bremsen, um die EEG-Umlage für die Stromverbraucher stabil halten zu können.

In der Bundesrepublik gingen nach vorläufigen Berechnungen der Bundesnetzagentur 2011 Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von rund 7500 Megawatt neu ans Netz, so viel wie nie zuvor. Eigentlich sollte sich der Ausbau zwischen 2500 und 3500 Megawatt bewegen.

cr/dapd/rtr

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