Inside "EU-Bürokraten bremsen den Internet-Aufschwung"

Die geplante Steuer für Internet-Dienste wird den europäischen Anbietern erhebliche Nachteile bringen, kritisiert Thomas Schulte-Huermann, Geschäftsführer von Primus-Online: "Die Gesetzgeber haben das Internet nicht verstanden."

Köln - Die Europäer und insbesondere die Deutschen schaffen es immer wieder, sich selbst mit umständlichen Regelungen im Weg zu stehen, während sich die Amerikaner ins Fäustchen lachen. Jüngstes Beispiel: die geplante EU-Steuer auf Internet-Dienste. Statt sich darüber zu freuen, dass erfolgreiche deutsche Unternehmen zu den Top-Playern im E-Commerce in Europa gehören und inzwischen auch in den USA Gehör finden, entwickelt unsere EU-Kommission neue Richtlinien, die an der Realität des Internets vorbeigehen.

Eigentlich soll nach EU-Kommissar Frits Bolkestein die neue Richtlinie den elektronischen Handel erleichtern, weil sie Rechtsicherheit schaffe. Dieser an sich lobenswerte Ansatz geht jedoch in die völlig falsche Richtung. Kurz: Idee gut, Umsetzung verfehlt. Die Gesetzgeber haben das World Wide Web nicht verstanden.

Wie sieht sie aus, die Web-Realität?

  • Markteintrittsbarrieren für Newcomer im E-Commerce werden immer höher: Einträge in Suchmaschinen kosten Millionenbeträge, die Vermarktung eines www-Namens gehorcht völlig neuen Regeln, und der Kampf um die Reservierung von .com, .de, .eu oder Spezialadressen wie .tv gleicht einer Schlacht.


  • Ein Besucher im Internet kostet durchschnittlich eine Mark, nur jeder hundertste Besucher kauft tatsächlich ein. Nur größere Unternehmen wie Primus-Online, die auf verschiedene Sortimente setzen und über Cross Selling für Marketingeffizienz sorgen, können längerfristig überleben. Ansonsten bereitet die Kostenrechnung für die Kundengewinnung jedem Kaufmann graue Haare.


  • Die Wertschöpfung von E-Commerce Unternehmen besteht unter anderem darin, sämtliche Handelsprozesse in Software abzubilden sowie alle Partner in die IT-Plattform einzubinden. Und auch das kostet erhebliche Investitionen: Eine vernünftige Shopping-Web-Site zu betreiben, kostet ein bis zwei Millionen Mark pro Jahr.


  • Stichwort Personal: Auch wenn alles in die New Economy strebt, erreichen Honorare für Head Hunter noch nie dagewesene Dimensionen.

Das alles verursacht immens hohe Kosten. Die ersten Start Ups haben bereits das Handtuch geschmissen. Dies ist nur der Auftakt zu einer ersten Bereinigungs- und Konsolidierungsphase. Eine Besteuerung der Online-Dienste würde für viele zunächst ein zusätzlicher Kostenpunkt in der langen Liste der Investitionskosten sein. Der Gewinn rückt immer mehr in weite Ferne.

Doch die Unterscheidung in Unternehmer und Nicht-Unternehmer ist der Gipfel an Bürokratie, der der stark wachsenden Branche gerade noch gefehlt hat. Das Internet revolutioniert unser Kommunikations- und Kaufverhalten. Was wir parallel dazu brauchen, ist auch ein ganz anderes Denken, was uns die Amerikaner beweisen. Wenn wir das nicht begreifen, frisst die Revolution ihre Kinder - und wir wären wieder ganz beim Alten.

Thomas Schulte-Huermann