Freitag, 19. April 2019

Anleihen "Die größte Blase der Geschichte"

Jens Ehrhardt: Seit Jahrzehnten im Geschäft als Fondsmanager

Investoren reißen sich um Staatsanleihen - ein Fehler in den Augen von Jens Ehrhardt von DJE Kapital. Denn die würden von den Notenbanken manipuliert, eine Blase würde aufgepumpt. Auch die Banken, die mit Geld der Notenbanken massenhaft Staatsanleihen kaufen, tragen dazu bei. Ehrhardt sieht Alternativen.

mm: Herr Ehrhardt, wie verführerisch sind Modeinvestments für Sie, also Titel, von denen derzeit jeder redet?

Ehrhardt: Die beste Börsenregel lautet zwar 'folge dem Trend'. Es kommt jedoch darauf an, solche Moden früh zu erkennen und nicht erst dann, wenn die entsprechenden Aktien zu teuer sind. Modeinvestments wie die Internetaktien im Jahre 2000 bei viel zu hohen Bewertungen sollte man natürlich meiden. Immer müssen Wachstumschancen auch kombiniert sein mit noch vertretbaren analytischen Bewertungen. Es ist aber durchaus gerechtfertigt, für gute Wachstumsaktien höhere Bewertungen zu zahlen als für schlecht gemanagte zyklische Gesellschaften mit zum Beispiel schlechten Bilanzen.

mm: Und wie werten Sie die Tatsache, dass viele Investoren Aktien links liegen lassen und derzeit lieber Bundesanleihen kaufen, obwohl sie dafür eine geringe bis negative Rendite einstreichen?

Ehrhardt: Diese Tatsache spiegelt die enorme Angst und defensive Einstellung der Anleger. Heute befinden wir uns im Grunde in der gegenteiligen Situation des Jahres 2000, als für Aktien Höchstbewertungen gezahlt wurden und das Publikum so viel Aktienfonds erwarb wie nie zuvor. Heute werden Aktienfonds zurückgegeben und viele Aktien habe eine höhere Dividendenrendite als Bundesanleihen. Auch im Hinblick auf die internationale Staatsschuldenkrise gibt es viel zu viele Staatsanleihen, die in den Depots der privaten und institutionellen Anleger liegen. Die Investmentgemeinde ist also entsprechend der Höchstverschuldung in Anleihen überinvestiert.

mm: Was bedeutet für Sie überinvestiert?

Ehrhardt: Das Aktienangebot lag am größten Emissionsplatz der Welt (auch 2011 wieder Hong Kong) zuletzt bei weniger als 40 Milliarden Euro. Derartige Größenordnungen legt die amerikanische Öffentliche Hand in letzter Zeit manchmal pro Woche an Anleihen auf. Das Anleiheangebot ist also nicht nur bei Staatsanleihen mit tausenden von Milliarden Dollar pro Jahr international wesentlich größer als das bescheidene Angebot an neuen Aktien oder Kapitalerhöhungen.

mm: Eine Anleihenblase?

Ehrhardt: Die internationalen Anleihemärkte verzeichnen heute wahrscheinlich die größte Blase der Geschichte, die von den Notenbanken manipulativ ausgelöst wurde. Entsprechend können Anleger hier langfristig nur verlieren. Wahrscheinlich wird international in den nächsten Jahren wesentlich mehr Qualitativ Easing vorgenommen, was am Schluss dann auch höhere Inflationsraten und fallende Anleihekurse bedeutet. Die Anleger kaufen heute Bundesanleihen, weil dies eine Anlageform ist, die von den Notenbanken künstlich hochgehalten wird. Solche künstlichen Stützungen gibt es nirgendwo für Aktien. Entsprechend dürften Aktien auf mehrere Jahre Sicht gesehen im Durchschnitt aussichtsreicher sein als Bundesanleihen oder international andere Obligationen.

mm: Notenbanken als Manipulateure? Welche Rolle spielen die Banken?

Ehrhardt: Notenbanken manipulieren die Zinsen für Staatsanleihen in den USA, Großbritannien und Europa dergestalt nach unten, indem sie den Banken langfristige Kredite zu extrem niedrigen Zinsen - in den USA 0,25 Prozent, in Europa 1 Prozent - geben und die Banken dann mit diesen Krediten Staatsanleihen aufkaufen. Mit der Zinsdifferenz versuchen sie, ihre schlechten Bilanzen zu sanieren. Es sind also mehr die manipulativen Eingriffe der Notenbanken, die den Zins so stark gesenkt haben, als Anleihekäufe privater Investoren.

mm: Eine extreme Niedrigzinsphase wie derzeit gab es aber auch schon früher.

Ehrhardt: In den 30er Jahren hatten wir ähnlich niedrige Zinsen wie heute, was auch Sinn machte, weil die Deflationsraten bis zu 10 Prozent betrugen und die Realzinsen entsprechend hoch waren. Die heutigen negativen Realzinsen sind eine in der Geschichte einmalige Situation, weil die Notenbanken früher nie so manipulativ eingriffen und vor 1913 gab es bekanntlich keine amerikanische Notenbank. Eine Mischung aus Manipulation der Notenbanken einerseits und extremer Angst der Anleger andererseits treibt die Anleger in Anleihen.

mm: Einige Investoren sind noch immer skeptisch gegenüber Aktien - und andere sind sowieso stark in ihrer Investmentauswahl eingeschränkt.

Ehrhardt: Versicherungen sind ohnehin aufgrund von staatlichen Auflagen gezwungen, im Wesentlichen Staatsanleihen zu kaufen, was den Politikern natürlich bei der Finanzierung ihrer Schulden nützt. Spanische Banken kaufen zum Beispiel heute spanische Staatsanleihen mit billigem EZB-Kredit. Versicherungen dürfen nirgendwo in Euro-Europa in nennenswertem Ausmaß Aktien kaufen, obwohl sie derzeit sehr preiswert sind.

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