Q-Cells und Solon Beraten und verkauft

Die US-Berater Alvarez & Marsal und Houlihan Lokey wurden bekannt durch Mandate wie Enron, Worldcom oder Lehman. Inzwischen haben sie sich auf die Sanierung deutscher Solarunternehmen wie Q-Cells und Solon spezialisiert - mit bescheidenem Erfolg.
Von Kristian Klooß
Einst Mitarbeiter von McKinsey und Geschäftsführer von Alvarez & Marsal, heute Auftraggeber von McKinsey und Alvarez & Marsal: Q-Cells-Chef Nedim Cen

Einst Mitarbeiter von McKinsey und Geschäftsführer von Alvarez & Marsal, heute Auftraggeber von McKinsey und Alvarez & Marsal: Q-Cells-Chef Nedim Cen

Foto: DPA

Hamburg - Um Deutschlands einstige Solarelite steht es schlecht. Solar Millennium ist pleite, Solon ist pleite. Q-Cells hat sein Eigenkapital praktisch aufgebraucht und begibt sich nun in die Hand der Gläubiger, um eine Pleite doch noch abzuwenden.

Gemeinsam haben zwei dieser Unternehmen dabei nicht nur ihren Niedergang, sondern auch ihre Berater. Allen voran das Beratungsunternehmen Alvarez & Marsal sowie die private Investmentbank Houlihan Lokey.

Alvarez & Marsal wurde bekannt durch die Abwicklung und Restrukturierung der US-Investmentbank Lehman Brothers und der amerikanischen Sparkassengruppe Washington Mutual, in Deutschland vor allem durch die Sanierung des Roboterherstellers Kuka .

Houlihan Lokey hingegen machte sich einen Namen durch Mandate bei den kurz nach der Jahrtausendwende in Milliardenpleiten gestürzten US-Konzernen Enron und Worldcom. In Deutschland hat die Houlihan Lokey unter anderem ein Mandat beim börsennotierten Holzwerkstoffhersteller Pfleiderer - und seit November 2011 beim krisengeschüttelten Solarkonzern Q-Cells.

Die Aufgaben der Berater beim Holzverarbeiter Pfleiderer ähneln jenen beim Solarhersteller Q-Cells . Denn beide Unternehmen haben ein drängendes Problem: fällige Unternehmensanleihen, für deren Rückzahlung kein Geld zur Verfügung steht.

Von schwarzen Zahlen ist keine Rede mehr

So musste Q-Cells-Chef Nedim Cen jüngst verkünden, dass sich die ohnehin schlechte Lage des Unternehmens noch zugespitzt habe. Q-Cells, einst größter Solarzellenhersteller der Welt, verfügt seit Ende 2011 über kein Eigenkapital mehr. Operative Gewinne, so Cen, schreibe das Unternehmen frühestens wieder 2014.

Von den einstigen Prognosen, dass sich dank des Sparprogramms bereits in diesem Jahr wieder schwarze Zahlen einstellen könnten, ist längst keine Rede mehr. Und der Abgang der bisherigen Finanzchefin Marion Helmes zu Präsentation der Q3-Zahlen 2011 zeigte vor allem eines: seit Cen zunächst als Finanzchef, später als Vorstandschef tätig ist, hat sich für das Unternehmen nicht viel zum Guten gewendet.

Er selbst war im Juni 2009 als neuer Finanzchef angetreten. Im Quartal zuvor hatte Q-Cells wegen hoher Abschreibungen einen Nettoverlust von fast 400 Millionen Euro verkündet. Gelöst wurde das Liquiditätsproblem kurzfristig - durch Aktienverkäufe und die Platzierung einer Anleihe.

Inzwischen sind es drei Anleihen, die Q-Cells platziert hat. Neben jener, die Ende Februar fällig wird, eine weitere mit Laufzeit bis 2014 und eine mit Laufzeit bis 2015. Auf fast 600 Millionen Euro summieren sich die Verbindlichkeiten aus diesen Papieren.

Aufträge für ehemalige Arbeitgeber

Nedim Cen, im März 2010 vom Finanzchef zum Vorstandsvorsitzenden von Q-Cells aufgestiegen, gab die Neuausrichtung des Unternehmens im Wesentlichen in die Hand externer Berater.

So setzte er auch nach seiner Ernennung zum Q-Cells-Chef auf die Dienste der Investmentbanker von Alvarez & Marsal, die das Unternehmen seit 2009 berieten. Für Cen waren die externen Manager indes alte Bekannte. Schließlich war er selbst zuvor Geschäftsführer der auf Finanzberatung und Interimsmanagement spezialisierten Gesellschaft.

Um die Kosten zu senken, verfolgten Alvarez & Marsal bei Q-Cells vor allem eine Strategie: Fremdbezug statt Eigenfertigung. So wurden immer mehr Prozesse an Drittfertiger abgegeben. So wurden letztlich auch einstige Kernkompetenzen des Konzerns, zum Beispiel die Beschichtung der für die Zellproduktion benötigten Wafer, im Wesentlichen von Zulieferern erledigt.

Dass Q-Cells trotzdem ein funktionierendes Geschäftsmodell besitze, attestierten dem Unternehmen noch im Dezember 2011 die Experten von McKinsey. Auch bei diesem Beratervertrag konnte Unternehmens-Chef Cen die Kennenlernphase überspringen. Schließlich hatte er 1995 seine Berufslaufbahn als Mitglied des Bereichs Corporate Finance bei den Edelberatern begonnen.

McKinsey attestierte schlüssiges Geschäftsmodell

Geholfen hat das McKinsey-Attest allerdings nicht viel. Denn sollte Q-Cells bis Ende Februar nicht in der Lage sein, die dann fällige Wandelanleihe über 201,7 Millionen Euro zurückzuzahlen, wird das Unternehmen wohl einen Antrag auf Insolvenz stellen müssen. Daher setzt man bei Q-Cells nun alle Hoffnungen auf ein neues Rettungskonzept, das den Umtausch der Schulden in Firmenanteile vorsieht - und die Altaktionäre damit praktisch aus dem Unternehmen herausdrängt.

Um eine Pleite der einst hoffnungsvollen Solarfirma abzuwenden, hatte Cen eigentlich schon im August 2011 vorgesorgt - und ein weiteres externes Beraterteam ins Boot geholt: die Investmentbanker von Houlihan Lokey. Diese, so hieß es damals, sollten die mittelfristige Finanzierung von Q-Cells  prüfen.

Auch für Solon  waren die privaten Investmentbanker mit Stammsitz in Los Angeles auf der Suche nach Investoren bereits unterwegs. Wobei sie allerdings, wie Brancheninsider berichten, recht "umständlich" an die Sache herangingen. So seien potenzielle Ansprechpartner, zum Beispiel große Energiekonzerne, zu spät kontaktiert worden. Auch das Windowdressing sei vernachlässigt worden, Erfolge wie beispielsweise die Eröffnung großer Solarparks gar nicht vermeldet worden.

Kurzarbeit für Mitarbeiter, hohe Kosten für Beraterteams

Auch die Investmentbanker von Alvarez & Marsal haben ihre Spuren bei Solon  hinterlassen. So kündigten die Berater dort im August 2011 an, das Unternehmen zu sanieren und zu restrukturieren. Das Ziel: schwarze Zahlen.

Um Kosten zu sparen, empfahl Alvarez & Marsal beispielsweise dünneres Glas für die Module zu verwenden. Das Ergebnis war nach Angaben aus Unternehmenskreisen ernüchternd: Das Handling bei der Herstellung wurde erschwert, die Bruchraten in der Produktion, beim Transport und beim späteren Einbau stiegen. Kurzum, die eingesparten Materialkostenkosten schlugen sich an anderer Stelle nieder. Ein anderer Vorschlag lautete, den Solon-Slogan "Don't leave the planet to the stupid" zu streichen.

Die Schätzungen darüber, wie viel Geld die Beraterteams für ihre Dienste kassiert haben, reichen von 500.000 bis 700.000 Euro im Monat.

Dennoch wurde im Oktober 2011, nachdem das Unternehmen in einer weiteren Kostensenkungsmaßnahme rund hundert Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt hatte, Walter Bickel zum "Chief Restructuring Officer" in den Solon-Vorstand berufen. Bickel war bis dahin Geschäftsführer von Alvarez & Marsal Deutschland - diesen Posten hatte er sich zwei Jahre zuvor noch mit Q-Cells-Chef Nedim Cen geteilt. Zwei Monate nach dem Amtsantritt Bickels in Berlin erklärte sich Solon für insolvent.

Das eigentliche Problem wurde nie gelöst

Ihre eigentlichen Probleme haben Solon und Q-Cells unter der Regie von Alvarez & Marsal und Houlihan Lokey indes nie gelöst. Denn dass die beiden Solarhersteller - wie andere deutsche Wettbewerber auch - gegen die chinesische Konkurrenz im Massengeschäft mit Zellen und Modulen nicht ohne Partnerschaft bestehen können, ist lange bekannt.

"Neben der Sanierungserfahrung und der Branchenkenntnis ist daher im Solargeschäft vor allem die strategische Kompetenz bedeutsam", sagt Peter Trück, Personalberater bei Rochus Mummert & Partner und Kenner der Branche. "Als absehbar war, dass die deutschen Hersteller im globalen Wettbewerb nicht eigenständig überleben können, hätten sie darauf reagieren müssen."

Als Beispiel einer verpassten Chance nennt Trück die Ankündigung des Bosch-Konzerns im Juni 2011, in Malaysia eine halbe Milliarde Euro in den Bau einer Solarfabrik zu investieren, obwohl Q-Cells seit 2008 in der Nähe eine Solarfabrik besitzt und Q-Cells-Chef Nedim Cen schon damals davon sprach, dass er eine Übernahme durch einen Großkonzern für sinnvoll hielte. So etwa erfolgt bei der Akquisition des US-Solarherstellers Sunpower durch den französischen Öl-Multi Total im April 2011.

Chinesen mit klarer Übernahmestrategie

Doch auch ein Beispiel, wie es in einem günstigen Fall funktionieren kann, hat Trück parat: "Nehmen Sie Sunways", sagt er. Das Unternehmen mit Sitz in Konstanz hatte Silvester 2011 die geplante Übernahme durch den chinesischen Branchenriesen LDK Solar bekannt gegeben. Unternehmenschef Michael Wilhelm habe das Unternehmen gegenüber dem Modulbauer LDK strategisch konsequent als Produzent von Zellen und Wechselrichtern positioniert. Diese für jede Solaranlage unerlässlichen Kästen wandeln den von Solarzellen erzeugten Gleichstrom in Wechselstrom um. "Hier bringt Sunways erhebliches Know-how mit, das LDK für seine globale Aufstellung sehr gut gebrauchen kann", sagt Trück.

Dass Michael Wilhelm als mittelständischer Unternehmer strategische Weitsicht bewiesen habe, zeige, dass externe Berater in der Krise nicht unbedingt die besseren Unternehmensmanager sind. "Dennoch kann es natürlich von Vorteil sein, wenn ein Interimsmanager bei der Investorensuche über ein internationales Kontaktnetz verfügt", sagt der Personalberater.

Musterbeispiel Sunways

Dass ein solches Kontaktnetz allein ausreicht, um Q-Cells und Solon zu retten, bezweifeln allerdings Experten wie Wolfgang Hummel, Leiter des Zentrums für Solarmarktforschung. "Die Chinesen verfolgen bei ihren Übernahmen eine klare Strategie", sagt er. Sie suchten sehr gezielt entweder Hightech-Unternehmen oder eine bekannte Marke.

Neben der Übernahme von Sunways durch LDK nennt Hummel die Übernahme des deutschen Automatisierungsspezialisten KSL Kuttler Automation Systems durch den chinesischen Solarkonzern Suntech im Jahr 2008 als Beispiel. "Suntech konnte mit der Übernahme die Fertigungsprozesse optimieren und so kostengünstiger produzieren."

Q-Cells  und Solon  mit ihren Produktionskapazitäten in Europa seien für die Chinesen indes weniger interessant. "Wenn weder Hightech-Produkte wie Zellen hoher Effizienz oder neue Beschichtungsverfahren vorhanden sind und auch die Marke keine besondere Strahlkraft hat, dann zeigen auch die Chinesen kein Interesse", sagt Hummel.

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