Negativzins für Bundesanleihen Deutschland verdient mit Schulden erstmals Geld

Es ist ein Novum in der deutschen Geschichte und ein Alarmsignal für die Euro-Zone: Der deutsche Staat muss Investoren nicht mit Zinsen locken. Im Gegenteil zahlen Investoren sogar eine Prämie, um ihr Geld im vermeintlich sicheren Hafen Bundesanleihen anlegen zu dürfen. Dagegen wächst das Misstrauen gegenüber der Euro-Zone.
Garant für Sicherheit: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble kann den Bundeshaushalt derzeit extrem günstig finanzieren

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Foto: Soeren Stache/ picture alliance / dpa

Berlin - Der deutsche Staat verdient mit Schulden erstmals Geld. Beim Verkauf von Geldmarktpapieren mit einer Laufzeit von sechs Monaten nahm der Bund 3,9 Milliarden Euro ein. Die durchschnittliche Zins lag bei minus 0,0122 Prozent, teilte die mit dem Schuldenmanagement betraute Finanzagentur mit.

"Das hat es bislang noch nie gegeben", sagte ein Sprecher zu Reuters. "Die Anleger bezahlen eine gewisse Prämie dafür, dass sie dem deutschen Staat Geld leihen." Im Dezember gab es noch einen Mini-Zins von plus 0,001 Prozent.

Experten erklärten diese Entwicklung mit den Suche der Investoren nach sicheren Geldanlagen. "Man hat sich lange nicht vorstellen können, dass es einmal soweit kommt", sagte UniCredit-Experte Kornelius Purps. "Aber in so unsicheren Zeiten wie diesen gilt: return of money geht vor return on money."

Die Investoren könnten die Bundeswertpapiere jederzeit an der Börse wieder losschlagen und dabei im Fall steigender Renditen sogar auf einen kleinen Gewinn spekulieren. "Geld wird in Deutschland geparkt, weil es innerhalb der Euro-Zone derzeit der sicherste Platz ist", sagte ING-Analystin Emelia Sithole-Matarise.

Geldmarkt so gut wie ausgetrocknet

Normalerweise leihen sich die Banken überschüssiges Geld untereinander. Der Geldmarkt ist aber so gut wie ausgetrocknet, weil mit der Schuldenkrise die Gefahr von Bankenpleiten gestiegen ist und sie um ihre Darlehen fürchten. Sie flüchten deshalb in die wenigen als ausfallsicher geltenden Anlagen, zu denen Bundeswertpapiere mit kurzen Laufzeiten gehören.

"Die Suche nach Qualität spielt eine große Rolle", sagte der Sprecher der Finanzagentur. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Banken erst im Dezember eine halbe Billion Euro für drei Jahre zum Mini-Zins von aktuell einem Prozent geliehen. "Deshalb gibt es derzeit viel überschüssige Liquidität", sagte Purps.

Angebot 1,8fach überzeichnet - auch Dänemark Krisengewinner

Obwohl es für das Geldgeschäft keine Prämie gibt, war die Nachfrage nach den Papieren robust. Die Nachfrage lag bei sieben Milliarden Euro, womit die Auktion 1,8-fach überzeichnet war. Im Dezember war sie noch 3,8-fach überzeichnet. Dass ein Staat mit Schulden Geld verdient, war auch schon in anderen Ländern beobachtet worden, zuletzt in Dänemark. Auch dort lag die Rendite bei einer Versteigerung Ende Dezember unter null.

Deutschland profitierte bereits 2011 von seinem Status als sicherer Hafen. Anleger waren bereit, einen Zinsabschlag zu gewähren. Der Bund will sich 2012 deutlich weniger Geld von Investoren leihen. 250 Milliarden Euro sollen durch den Verkauf von Bundeswertpapieren in die Staatskassen gespült werden. 2011 waren es 275 Milliarden Euro.

Nicht nur Deutschland profitiert von diesem Notstand an sicheren Anlagen. Auch die Niederlande und die Schweiz sowie Dänemark bekamen bereits von den Finanzmärkten Geld zu negativen Zinsen nachgeschmissen.

Am Sekundärmarkt, wo bereits emittierte Anleihen und Geldmarktpapiere gehandelt werden, setzen Anleger ebenfalls auf deutsche Schuldverschreibungen: Die Rendite für richtungsweisende Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit liegt aktuell bei 1,875 Prozent. Zum Vergleich: Die Pendants aus der zweitgrößten Volkswirtschaft im Euroraum, Frankreich, notieren bei 3,31 Prozent. Die großen Krisenländer Spanien und Italien liegen bei 5,51 beziehungsweise 7,03 Prozent.

cr/rtr/dpa
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