Anleihenmarkt 2012 Von wegen Sicherheit!

Die Schuldenkrise wird die Geldanlage auch 2012 dominieren. Staatsanleihen der arrivierten Volkswirtschaften sind also weit davon entfernt, eine sichere Anlage zu sein. Doch wo liegt der sichere Hafen im Meer der Anleihen?
Von Arne Gottschalck
Unruhige Zeiten: Auch 2012 wird die Anlage in Anleihen mit hohen Risiken verbunden sein

Unruhige Zeiten: Auch 2012 wird die Anlage in Anleihen mit hohen Risiken verbunden sein

Foto: Orestis Panagiotou/ dpa

Hamburg - Ein Ei mit der Spitze leicht auf den Tisch zu schlagen, um es mit der Delle aufrecht stellen zu können, das reichte Christoph Columbus für einen Platz in den Geschichtsbüchern - neben der Entdeckung Amerikas. Denn das war seine überraschende Antwort auf die Frage, ob ein Ei aufrecht stehen könne. Eine komplexe Frage mit einer einfachen Lösung. Vor komplexen Fragen stehen auch die Anleihenexperten, allerdings ohne eine einfache Antwort bei der Hand zu haben. Wie können Investoren mit Anleihen hinreichend hohe Erträge erwirtschaften, ohne von den Risiken fortgespült zu werden?

Erschwert wird diese Aufgabe noch dadurch, dass Investoren - wie zum Beispiel Lebensversicherungen - tatsächlich verpflichtet sind, bestimmte Mindestrenditen zu erwirtschaften. Bislang galten ihnen Anleihen als Garant eben dieser Mindestrenditen. Eine verführerische Einstellung - doch eine, die immer mehr erschüttert wird. Denn beispielsweise zehnjährige deutsche Staatsanleihen werfen aktuell eine Rendite von unter 1,9 Prozent ab. Zu wenig, wird eine Inflation von mehr als 2 Prozent einkalkuliert. Und auch die anderen Assetklassen sind von der Unsicherheit infiziert.

Aktien zum Beispiel haben zu ihren historisch durchschnittlichen Volatilitäten zurückgefunden, sagt Klaudius Sobczyk, Geschäftsführer von Advanced Dynamic Asset Management. Und auch Gold, fast schon traditionell Lieferant von Sicherheit, hat gezeigt, dass es mit eben jener Sicherheit nicht weit her ist. Immerhin sank der Preis der Feinunze Gold im September 2011 von 1900 Dollar auf 1600. Seitdem ist der Kurs nicht nachhaltig von der Stelle gekommen - offenbar, weil nur wenige Investoren dem Edelmetall weitere Wertzuwächse zutrauen. Und auf diese Zuwächse kommt es an. Denn anders als Anleihen zahlt Gold keine Zinsen.

Auch Immobilien sind längst kein Garant mehr für stabile Erträge. Die enormen Summen, die Investoren um den Globus auf der Suche nach den verbleibenden lukrativen Anlagen jagen, sorgen dafür, dass die Preise selbst für vermeintlich langweilige deutsche Wohnimmobilien anziehen. Das gleiche Bild in der Schweiz. Beispiel Gstaad: "Der Markt (für Wohnimmobilien) ist gerade in den begehrten Lagen wie Oberbort durch einen ausgeprägten Angebotsengpass gekennzeichnet", schreibt das Maklerhaus Engel & Völkers. Und je mehr die Preise für Immobilien anstiegen, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Blase ausbildet, die irgendwann einmal platzen wird. Es bleiben also Anleihen - ausgerechnet.

"2012 kein einfaches Jahr"

"Für Anleiheninvestoren wird 2012 kein einfaches Jahr", sagt Andrew Wells, Global Chief Investment Officer Fixed Income bei der Fondsgesellschaft Fidelity. "Gerade mit Blick auf Staatsanleihen werden Anleger ihre bisherige Vorstellung von 'sicheren Häfen' weiter überdenken. Denn auch im kommenden Jahr wird das Risiko von Zahlungsausfällen bei Staatsanleihen ihre Hauptsorge sein." Diese Analyse wiegt umso schwerer, weil es der Welt und vor allem der Eurozone nicht gelingen dürfte, aus der Verschuldung herauszuwachsen. "In unserem globalen Hauptszenario bleibt der Konjunkturmotor der Weltwirtschaft eher schlapp und reagiert höchstens zaghaft auf wirtschaftspolitische Beschleunigungsversuche, für welche ohnehin kaum mehr 'Kraftstoff' bereitsteht", sagt Alex Durrer, Chefökonom der LGT Group.

Woher sollte der Kraftstoff auch kommen - Aktionen wie die deutsche "Abwrackprämie" oder ihr amerikanisches Pendant "cash for clunkers" haben den Schuldenberg der entwickelten Volkswirtschaften deutlich anwachsen lassen, ebenso die Bankenrettungen. Der Spielraum für weitere Hilfsmaßnahmen ist also begrenzt.

Es kommt sogar noch schlimmer, zumindest kann es so kommen, so will es John Patullo, der bei der Fondsgesellschaft Henderson die Anleihen-Investments verantwortet. "Die schwerwiegendste Sorge liegt in den Sparanstrengungen selbst. Die Regierungen schlagen den Weg der Sparkurse zu einer Zeit ein, in der Banken und Haushalte sich ebenfalls entschulden. Das könnte das wirtschaftliche Wachstum behindern und das Verhältnis von Schulden zu Wirtschaftwachstum verschlechtern." Außerdem liegen die Renditen von Staatsanleihen vielfach unter der Inflationsrate. Und daran wird sich vorerst auch nichts ändern, prognostiziert Jens Wilhelm, für die Anlagestrategie zuständiger Vorstand von Union Investment: "Ich kann mir kaum vorstellen, dass selbst nach einem Abflauen der Schuldenkrise die Renditen für Bundesanleihen über die Drei-Prozent-Marke steigen."

Kein Wunder also, wenn die meisten Experten von Staatsanleihen abraten, zumindest von denen aus der Eurozone. "Selbst bei einem stark unterdurchschnittlichen Wachstum, gleichbleibenden oder sinkenden Zinsen und einem Aufkauf von Staatsanleihen in Milliardenhöhe seitens der Zentralbanken, scheint das Aufwärtspotenzial dieser Anleihen nur begrenzt zu sein", sagt M&G-Rentenfondsmanager Jim Leaviss. "Damit bieten diese Papiere lediglich moderate Anlagechancen." Eine Einschätzung, die die meisten Experten teilen. Und stattdessen den Staatsanleihen aus den Emerging Markets, den aufstrebenden Volkswirtschaften, das Wort reden. Denn die sind weniger verschuldet als die arrivierten Volkswirtschaften, wachsen stärker und verfügen über die jüngere Bevölkerung, was der Wirtschaft weitere Dynamik verleiht.

Die Furcht vor den Großinvestoren

Doch auch bei diesen Anleihen schlägt die Unsicherheit zu. "In den letzten Jahren haben westliche Anleger so viel Kapital in diese Märkte geschleust, dass sich mittlerweile mehr als 30 Prozent der in lokalen Währungen denominierten Anleihen (und damit dreimal so viele Papiere wie noch 2009) im Besitz ausländischer Investoren befinden", sagt Leaviss. "Man könnte behaupten, dass 30 Prozent im Vergleich zu den meisten etablierten Märkten immer noch kein besonders hoher Anteil ist (…). Uns beunruhigt aber vor allem der hohe Konzentrationsgrad der Anleiheninvestoren."

Mit anderen Worten - es gäbe weltweit nur eine Handvoll sehr großer Anleihenanleger, die an den Märkten für auf lokale Währungen lautende Schwellenländeranleihen einen beträchtlichen Anteil halten. "So besitzen einige dieser Investoren mehr als 50 Prozent der Staatspapiere einzelner Schwellenländer. Würden diese beträchtlichen Mittel wieder aus den Märkten für Schwellenländeranleihen abgezogen werden, hätte dies eine massive Liquiditätsknappheit sowie einen deutlichen Anstieg der Kreditkosten der Schwellenländer zur Folge." Mit anderen Worten - weil nur wenige Investoren diesen Markt prägen, kann der Rückzug eines einzelnen schnell erhebliche Folgen haben.

Auf der Suche nach Sicherheit wenden sich daher die meisten Experten den Unternehmensanleihen zu. Überraschend ist das nicht - auch 2011 waren diese Bonds für viele Investoren das richtige Investment. Eine zutreffende Einschätzung, zeigen die Zahlen. Während der Rex, Index der Bundesanleihen, seit einem Monat um 1,8 Prozent zulegte, sind es im Fall des RDax, der die Anleihen der Dax-Unternehmen repräsentiert, 2 Prozent.

Gilt das auch 2012? Fidelity-Mann Andrew Wells zumindest ist davon überzeugt. "Es wird sich zeigen, dass Unternehmensanleihen mit höchster Bonität heute zahlreiche Merkmale aufweisen, die Anleger früher Staatsanleihen zugeschrieben haben. Tatsächlich sind die Bilanzen vieler Unternehmen inzwischen in besserer Verfassung als die Staatshaushalte der Länder, in denen sie ansässig sind." Stolperstein für diese Investments ist allerdings das konjunkturelle Umfeld. Verdüstert es sich zu sehr, leiden auch die Aussichten der Unternehmen - und das ist nicht gut für die Unternehmensanleihen. Entsprechend rät Andreas Busch, Chefanalyst beim Anleihenmanager Bantleon, von diesem Segment ab: "In diesem Segment bleiben die kurzfristigen Aussichten trübe. In Anbetracht des sich zum Jahresanfang verschärfenden konjunkturellen Abschwungs sollten die Unternehmen weiter unter Druck kommen."

Noch allerdings glauben die meisten Experten nicht daran, dass es die Konjunktur so hart getroffen wird. Kurt Kotzegger, Chief Investment Officer Aktien & Asset Allocation bei Raiffeisen Capital Management, fasst die Aussichten zusammen: "Entweder wir werden tatsächlich mit der zweiten massiven Finanzkrise binnen weniger Jahre konfrontiert oder die Staatsschuldenkrise wird mehr oder weniger nachhaltig gelöst, was nur durch weitere massive Eingriffe der Notenbanken vonstatten gehen kann. Für am wahrscheinlichsten halte ich allerdings, dass wir in der bisherigen Tonalität 'weiterwursteln'."

Ein Szenario, das vermutlich durch niedrige Leitzinsen befeuert werden würde. "Anleger sollten die Möglichkeit eines Inflationsanstiegs nicht aus dem Auge verlieren. Ich gehe davon aus, dass viele Anleger zu Beginn des neuen Jahres die derzeit günstigen Bewertungen nutzen werden, um sich unter anderem mit inflationsgeschützten Papieren einzudecken", sagt Wilhelm von Union Investment.

Die Geldpolitik der europäischen Zentralbank ist es dann auch, die Batleon-Mann Busch optimistisch auf ein oft vergessenes Anleihensegment schauen lassen. "Die geldpolitischen Lockerungen (...) werden nach unserer Einschätzung auch den Pfandbriefmarkt stützen. Schon jetzt zeigen die sinkenden Geldmarktsätze, dass sich die Refinanzierungsbedingungen der Finanzinstitute auf breiter Basis verbessern. Gleichzeitig sind Pfandbriefe mit ihren aktuell hohen Risikoaufschlägen attraktiv bewertet und bieten ein grosses Risikopolster gegen weitere Spreadausweitungen. Hinzu kommt das 'Covered Bond'-Ankaufprogramm der EZB, das zusätzlich stützend wirkt. Vor diesem Hintergrund rechnen wir bereits zu Beginn des Jahres 2012 mit einer steigenden Nachfrage nach Pfandbriefen und sehen die Ertragsperspektiven entsprechend positiv."

Pfandbriefe, Euro-Staatsanleihen - oder doch Emerging-Market-Bonds? Alles in allem dürfte das Anleihenjahr 2012 schwierig werden, das zeigt die Unieinigkeit der Experten. "(…) Es bedarf noch mehr Fachwissen, Sachverstand und langjähriger Erfahrung, um die richtige Anlageentscheidung treffen zu können", sagt Volker Buschmann, Managing Director and Head of Northern Europe Sales bei M&G. Genau daran werden Buschmann und Co. sich 2012 messen lassen müssen.

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