Dax-Geflüster Commerzbank in höchster Not

Minus 95 Prozent - keine Dax-Aktie hat seit Beginn der Wirtschaftskrise so stark an Wert verloren wie das Papier der Commerzbank. Jetzt muss Deutschlands zweitgrößtes Institut erneut eine gewaltige Kapitallücke schließen. Ein Kraftakt, der viel Fantasie in den Aktienkurs bringt.
Einsame Spitze? Nicht nur die Höhe der Frankfurter Commerzbank-Zentrale ist rekordverdächtig - die Kursverluste der Aktie sind es auch

Einsame Spitze? Nicht nur die Höhe der Frankfurter Commerzbank-Zentrale ist rekordverdächtig - die Kursverluste der Aktie sind es auch

Foto: dapd

Hamburg - Seit Donnerstagabend hat die Commerzbank offiziell ein Problem: Sie braucht Geld, und zwar viel Geld. 5,3 Milliarden Euro fehlen dem Institut, will es die verschärften Eigenkapitalanforderungen der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) im kommenden Sommer erfüllen. Das gab die Aufsicht am Donnerstag bekannt.

Deutschlands zweitgrößtes Geldinstitut steht weiterhin erheblich unter Druck. Erst am Mittwoch setzte die Ratingagentur Standard & Poor's eine Reihe europäischer Banken auf ihre Watchlist. Darunter selbstverständlich auch: die Commerzbank.

Für deren Aktionäre ist es eine nicht enden wollende Leidensgeschichte. Keine Aktie im deutschen Leitindex Dax  ist seit den Kurshochs vor der großen Finanz- und Wirtschaftskrise derart abgestürzt, wie jene der Commerzbank .

Das Papier notierte 2007 noch knapp oberhalb von 30 Euro - vor wenigen Wochen erreichte es seinen Tiefststand bei 1,15 Euro. Selbst der aktuelle Kurs von rund 1,30 Euro bedeutet noch einen Verlust von nicht weniger als 95 Prozent innerhalb von gut vier Jahren.

Zum Vergleich: Der Dax gab im gleichen Zeitraum um lediglich 25 Prozent nach. Auch die Einbußen der ebenfalls von der Finanz- und Schuldenkrise gebeutelten Konkurrenz reichten bei weitem nicht an den Niedergang der Commerzbank-Aktie heran: Das Papier der Deutschen Bank  verlor seit 2007 etwa 72 Prozent an Wert, mit dem Branchenindex EuroStoxx Banken ging es um knapp 80 Prozent nach unten. Beides gewaltige Verluste - aber im Vergleich zum Absturz der CoBa-Aktie schon beinahe bescheiden.

Kapitalerhöhung drückt Aktienkurs

Selbst unter Berücksichtigung aller Kapitalmaßnahmen - also vor allem der zwischenzeitlichen Herausgabe neuer Aktien - schneidet die Commerzbank schlecht ab: Der Börsenwert sank zwischen dem Hoch 2007 und heute von knapp 20 Milliarden Euro auf weniger als sieben Milliarden, also um mehr als 65 Prozent. Bei der Deutschen Bank betrug der Rückgang etwa 50 Prozent, nämlich von rund 56 Milliarden auf derzeit 27,7 Milliarden Euro.

Die Gründe für den Niedergang sind schnell aufgezählt: Wie alle Banken wurde die Commerzbank von der Finanz- und Wirtschaftskrise hart getroffen. Mit der Übernahme der Dresdner Bank von der Allianz  lud sich die Commerzbank außerdem gewaltige Kreditrisiken auf. Ende 2008 musste der Bund der Bank unter die Arme greifen: Für insgesamt 16,4 Milliarden Euro leistet der Staat eine stille Einlage, weitere 1,8 Milliarden Euro zahlt er für 25 Prozent plus eine Aktie.

Damit war die Misere aber noch nicht beendet. Im Spätsommer 2010, als sich die Aktie gerade wieder auf knapp acht Euro berappelt hat, tauchten erste Gerüchte auf, die Commerzbank wolle den Staat wieder herauskaufen und zu dem Zweck neue Aktien ausgeben. Die bestehenden Aktionäre befürchteten wohl, eine solche Kapitalerhöhung würde ihre Anteile erheblich verwässern - und warfen erneut Papiere auf den Markt.

Und tatsächlich: In zwei Tranchen beschaffte sich Commerzbank-Chef Martin Blessing bis Juni 2011 die nötigen Milliarden, um die stille Einlage des staatlichen Stützungsfonds Soffin weitgehend zurückzuführen. Der Aktienanteil von gut 25 Prozent, den der Bund über seine KfW-Bank hält, besteht allerdings bis heute.

Und bis heute steckt die Bank auch weiter in der Bredouille. Um die künftigen Eigenkapitalanforderungen der EBA erfüllen zu können, muss sich die CoBa erneut mächtig strecken. Die EBA fordert von den europäischen Banken bis Mitte kommenden Jahres eine Kernkapitalquote von mindestens 9 Prozent. Davon ist die Commerzbank aber noch weit entfernt.

Zunächst war von einer Kapitallücke von knapp drei Milliarden Euro die Rede, inzwischen sind es laut europäischer Bankenaufsicht 5,3 Milliarden Euro. Woher nehmen?

Wie CoBa-Chef Blessing die Kapitallücke schließen will

Um die Kapitallücke zu schließen, hat Commerzbank-Chef Blessing verschiedene Möglichkeiten. Er kann zum Beispiel die Bilanz verkürzen, um die Basis für die Eigenkapitalrelation zu schmälern. Risikoaktiva im Volumen von 30 Milliarden Euro will die Commerzbank bis 2015 ohnehin abbauen, so das erklärte Ziel. Das würde Eigenkapital in Höhe von etwa drei Milliarden Euro freisetzen.

"Bis Mitte kommenden Jahres werden sich diese drei Milliarden allerdings kaum realisieren lassen", sagt Michael Seufert, Analyst der NordLB. "Ein bis zwei Milliarden könnten aber möglich sein."

Ein wichtiger Schritt wäre auch der Verkauf der Immobilientochter Eurohypo, der laut Forderung der EU bis 2014 abgeschlossen sein soll. Noch ist aber völlig offen, an wen und zu welchem Preis die Hypothekenbank im aktuell schwierigen Umfeld veräußert werden könnte.

Ebenso kann Blessing versuchen, frische Mittel in die Kassen zu bekommen. Der Rückkauf eigener Anleihen für nur die Hälfte ihres Nominalwertes, wie er jüngst angekündigt wurde, dient beispielsweise dazu. Etwa 600 Millionen Euro will die Bank auf diese Weise zunächst gut machen.

Nach Einschätzung von Analyst Seufert bietet dieser Weg aber noch mehr Potenzial. Frisches Kapital in Höhe von insgesamt mehr als einer Milliarde Euro seien dabei drin, so der Fachmann. "Die Bank wird zudem in den kommenden Quartalen sehr wahrscheinlich Gewinne im operativen Geschäft erzielen", fügt er hinzu. "Die können ebenfalls dem Eigenkapital zugeführt werden."

Schreckgespenst Verstaatlichung

Ob es mit solchen Manövern tatsächlich gelingen wird, bis Mitte kommenden Jahres das EU-Kapitalsoll zu erfüllen, erscheint jedoch noch offen. Möglich sind daher auch weitere Varianten - und die wirken aus Anlegersicht weit weniger attraktiv. Immer wieder drückt beispielsweise die Furcht vor einer erneuten milliardenschweren Kapitalerhöhung auf den Aktienkurs. Zudem machte Kürzlich die Meldung die Runde, selbst eine komplette Verstaatlichung der Bank werde in Berlin nicht ausgeschlossen.

Commerzbank-Chef Blessing hat zwar bereits klar gemacht, dass er nochmalige Staatshilfe um jeden Preis vermeiden will. Bei Anlegern könnten dennoch Erinnerungen an die Pleitebank Hypo Real Estate (HRE) aufkommen. Die Aktie der HRE notierte bis Anfang 2008 ebenfalls oberhalb der 30-Euro-Marke. Nach dem Desaster in der Finanzkrise wurde das Institut im Oktober 2009 vollständig verstaatlicht - da bekamen die Aktionäre für jeden Anteilschein gerade einmal 1,30 Euro.

Angesichts der unklaren Lage sind auch die Analysten in ihren Urteilen zur Commerzbank-Aktie uneins. Fiona Swaffield und Anke Reingen von RBC Capital Markets etwa geben sich pessimistisch. Die beiden Analystinnen haben das Commerzbank-Papier erst in dieser Woche auf "underperform" zurückgestuft. Die europäische Staatsschuldenkrise könne zu Änderungen im politischen und wirtschaftlichen Umfeld führen, so die Begründung. Das Chance/Risiko-Profil liege - auch wegen möglicher Belastungen durch Kreditausfälle bei gewerblichen Immobilien - auf Sicht von zwölf Monaten deutlich unter dem Sektordurchschnitt.

Kritische Kurse unter 90 Cent

Cyril Meilland von Cheuvreux dagegen sieht es anders. Er verweist auf den Rückkauf der Anleihen und erwartet, dass sich die weitere Kapitallücke durch einbehaltene Gewinne sowie die Verringerung von Aktiva füllen lässt. Sein Urteil zur Commerzbank-Aktie: "outperform".

Ganz so zuversichtlich klingen Domenico Vinci von Goldman Sachs sowie NordLB-Analyst Seufert nicht. Beide stufen das Papier auf "neutral" ein. "Die Kapitalanforderung der EBA ist die große Belastung der Aktie", sagt Seufert. "Ohne diesen Faktor stünde die Bank bereits wieder recht gut da."

Der Analyst verweist auf die erfolgte Integration der Dresdner Bank sowie die starke Position der Commerzbank im Firmenkundengeschäft. "Man darf nicht vergessen, dass die Bank in den ersten drei Quartalen dieses Jahres einen operativen Gewinn von drei Milliarden Euro erzielt hat", so Seufert.

Die Lücke von fünf Milliarden Euro zu schließen, hält der Experte für eine große Herausforderung, die aber zu bewältigen sei. "Alles wird vom weiteren Verlauf der Schuldenkrise sowie von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in den kommenden Monaten abhängen", sagt Seufert.

Kurzum: Für die Aktie scheint sowohl nach oben als auch nach unten viel möglich zu sein. Sollte der Kurs allerdings weiter fallen, so droht früher oder später ein zusätzlicher Beschleuniger ins Spiel zu kommen. Nach Berechnungen von manager magazin Online schrumpft die Marktkapitalisierung der Commerzbank bei - allerdings noch weit entfernten - Kursen unterhalb von 90 Cent auf ein Volumen, das den Verbleib im Dax gefährden könnte. Viele Fonds und institutionelle Anleger könnten sich dann veranlasst sehen, Papiere abzustoßen, und den Kurs so noch weiter in den Keller zu treiben.

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