Warnschuss von Standard & Poor's Ratingalarm in der Euro-Zone

S&P hat der Euro-Zone vor den Bug geschossen. Eine berechtigte Warnung: Die Währungsgemeinschaft bekommt ihre Schuldenkrise nicht in den Griff. Die scharf gescholtenen Kreditwächter bringen die Währungsunion näher an den Abgrund - aber gleichzeitig auch näher an eine Lösung.
Finanzmärkte in Aufruhr: Die Drohung von Standard & Poor's, die gesamte Euro-Zone herabzustufen, setzt die Aktienkurse unter Druck. S&P setze den "Währungskrieg" fort, meinen Kritiker

Finanzmärkte in Aufruhr: Die Drohung von Standard & Poor's, die gesamte Euro-Zone herabzustufen, setzt die Aktienkurse unter Druck. S&P setze den "Währungskrieg" fort, meinen Kritiker

Foto: Richard Drew/ AP

Hamburg - Es ist schon wieder passiert: Eine Ratingagentur äußert sich zu Länderbonitäten - und die Finanzmärkte geraten in Bewegung. Diesmal hat sich der amerikanische Ratingriese Standard & Poor's (S&P) gleich eine ganze Reihe von Staaten vorgenommen. Um genau zu sein: Die gesamte Euro-Zone, abgesehen von Zypern, das ohnehin bereits unter Beobachtung steht, und Griechenland, dessen Beurteilung kaum noch zu verschlechtern ist.

Nicht weniger als 15 Euro-Mitgliedern droht damit die Herabstufung des langfristigen Kreditratings, darunter auch dem Schwergewicht Deutschland sowie weiteren Topadressen wie Luxemburg oder Finnland. Frankreichs Kreditwürdigkeit könnte sogar um gleich zwei Stufen heruntergesetzt werden.

Und auch dem europäischen Rettungsfonds EFSF drohte S&P den Verlust der Topnote "AAA" an.

Zur Begründung schreibt S&P, die Probleme in Euro-Land hätten in den vergangenen Wochen ein Maß erreicht, das die Zone als Ganzes unter Druck setze. Und die europäischen Politiker seien weiterhin uneins, wie sie mit der Krise umgehen sollten.

Ein Warnschuss, der seine Wirkung an den Finanzmärkten nicht verfehlte. Doch was verbirgt sich wirklich hinter der Aktion der amerikanischen Bonitätswächter? Und was würde eine Herabstufung für die Bundesrepublik tatsächlich bedeuten?

Kritik an S&P: "Anmaßend" sowie "politisch motiviert"

Spontan hoben zahlreiche Beobachter die politische Dimension der S&P-Ankündigung kurz vor dem Euro-Gipfel in Brüssel hervor - und überzogen die Ratingagentur mit Kritik. Von einer "anmaßenden und überzogenen" Ankündigung sprach zum Beispiel Wirtschaftsprofessor Bert Rürup. Ökonom Max Otte sieht gar einen "Währungskrieg", der sich fortsetze. Zunächst habe S&P die Bonität der USA gesenkt, so Otte. Nun scheine die Agentur in vorauseilendem Gehorsam umso stärker gegen Euro-Staaten vorzugehen.

Ebenso argumentiert Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank. Standard & Poors habe in den vergangenen 18 Monaten latent eine Politik verfolgt, die den Reformprozess in der Euro-Zone unterminiere, so Hellmeyer zu manager magazin Online. Nach seiner Ansicht macht die angelsächsische Agentur in Ignoranz der Fundamentaldaten bewusst Politik für die Vereinigten Staaten und Großbritannien. "S&P steht mit seiner Meinung schreiend im Abseits", sagt Hellmeyer. "Sie ist sachlich unfundiert und hat einen politischen Hintergrund."

Harte Worte also, gerichtet gegen ein Ratinghaus, das in der Vergangenheit bereits mehrfach scharf kritisiert wurde. Genannt seien lediglich die Stichworte: Benotung fauler Hypothekenverbriefungen vor der Finanzkrise 2008; Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA im August dieses Jahres, die zuvor offensichtlich an die Märkte durchgesickert war; irrtümliche Herabstufung Frankreichs erst vor wenigen Wochen.

Ein klarer Fall also? Erneut stellt sich die prominente Ratingagentur ins Abseits, mit einer Einschätzung, die nicht viel mit der Realität zu tun hat? Ganz so einfach ist es diesmal nicht. Denn bei aller politischen Argumentation sind viele Fakten, die der S&P-Ankündigung zugrunde liegen, nicht von der Hand zu weisen.

So befindet sich die Euro-Zone unbestreitbar seit mehr als einem Jahr in einer schweren Schuldenkrise, die das Vertrauen an den Finanzmärkten erschüttert hat. In der Realwirtschaft droht nach Ansicht zahlreicher Ökonomen zudem in großen Teilen Europas ein erneuter Rückfall in die Rezession. Und die Politik hat bislang noch keine Lösung für die Probleme gefunden.

"Wir stoßen langlaufende Staatsanleihen Deutschlands ab"

Volkswirte wie Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank, oder Hanno Beck, Professor der Hochschule Pforzheim, begrüßen daher, dass S&P den Handlungsdruck auf die Euro-Retter Merkel und Sarkozy erhöhe. "Eine Eskalation, wie wir sie heuten sehen hat immer zwei Seiten", sagt auch Alessandro Bee, Volkswirt bei der Bank Sarasin in Zürich. "Es bringt die Währungsunion näher an den Abgrund, aber auch gleichzeitig näher an eine Lösung, weil der Druck auf die Politiker steigt."

Der Berliner Ökonom Henrik Enderlein hält die Androhung von S&P ebenfalls für nachvollziehbar. "Es war immer eine Illusion zu glauben, Deutschland stünde deutlich besser da als seine Nachbarländer. Unser Schuldenstand ist höher als der von Spanien und auf einer Ebene mit Frankreich", sagt er. "Die demografischen Aussichten in Deutschland und die vergleichsweise schlechte Position des deutschen Bildungssystems machen es unwahrscheinlich, dass wir den Schuldenberg über hohe Wachstumsraten in den kommenden Jahren sehr schnell werden abbauen können."

Im Klartext heißt das: S&P vollzieht lediglich nach, was auf den Finanzmärkten de facto bereits im Gange ist. Die Euro-Zone wird zur Transferunion, in der die starken Staaten Teile der Lasten der schwächeren tragen. Durch die milliardenschweren Rettungsschirme wurde diese Wandlung bereits institutionalisiert. Die in Aussicht stehenden Euro-Bonds wären lediglich ein weiterer Schritt in die gleiche Richtung.

Dass sich in diesem Szenario die Finanzierungskonditionen aller Euro-Länder tendenziell einander annähern, erscheint folgerichtig. Sprich: Die Zinsen der Problemstaaten sinken, was ja auch das Ziel der Rettungsmaßnahmen ist. Und die Zinsen stärkerer Länder dürften über kurz oder lang in die Höhe gehen.

Abstufung verteuert die Refinanzierung nicht zwangsläufig

Finanzprofis reagieren mit kühlem Kalkül auf diese Aussichten. "Mit Blick auf die zu erwartenden Verschiebungen trennen wir uns zurzeit von langlaufenden Staatsanleihen starker Staaten wie Deutschlands, Frankreichs oder Österreichs", sagt Johannes Führ, Anleihespezialist und Chef von Johannes Führ Asset Management, zu manager magazin Online. "Stattdessen nehmen wir, auch mit Blick auf die Unterstützung durch die EZB, verstärkt kurzlaufende Papiere von Italien und Spanien ins Depot."

Noch hat die Renditeanpassung allerdings kaum begonnen. Die Anleihezinsen deutscher Bundesanleihen befinden sich bislang noch auf historisch niedrigem Niveau. Auch die Ankündigung der möglichen Herabstufung durch S&P ließ die Zinsen am Dienstag lediglich leicht steigen. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen lag mit 2,186 Prozent beispielsweise nur leicht höher als im Vortagesgeschäft mit 2,162 Prozent.

Und allein die Ratingsenkung Deutschland von "AAA" auf "AA+" hieße auch nicht zwangläufig, dass Deutschland deshalb höhere Zinsen zahlen müsste. Denn ein genauer Blick in die Pläne von S&P zeigt, welche Folgen der Ratingrundumschlag hätte: Deutschland würde zwar in Relation zum Rest der Welt etwas schlechter gestellt. Innerhalb der Euro-Zone würde sich die Position jedoch sogar verbessern.

"Internationale Anleger, die Topanlagen in Staatsanleihen suchen, hätten dann einen kleinen Grund weniger, in Bunds zu investieren, obwohl die Alternativen nicht eben sonderlich schmackhaft sind", sagt ein Marktkenner zu manager magazin Online. "Anleger, die low-risk in Europa investieren wollen, kommen dann an Bundesanleihen jedoch noch weniger vorbei als zuvor."

Nur weil S&P das Rating herunter nimmt, heißt das nicht automatisch, dass die Refinanzierungskosten für Deutschland steigen, so der Experte weiter. "Diese Abhängigkeit wird in der Öffentlichkeit immer als Automatismus dargestellt. Aber einen Automatismus gibt es da nicht."

Das sieht auch Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer so. "Japan und die USA haben ihre Bestnote von AAA bereits verloren - ohne dass dies zu ernsthaften Problemen geführt hätte", sagt er. "Selbst wenn S&P Deutschland herabstufte, blieben Bundesanleihen verglichen mit den Staatsanleihen der anderen Euro-Länder erste Wahl - auch wenn die Einrichtung des europäischen Hilfsfonds EFSF die Bonität Deutschlands aus Sicht vieler Anleger etwas verwässert hat."

Nochmal zur Klarheit: Ein schlechteres Rating allein führt für Deutschland nicht unbedingt auch zu schlechteren Finanzierungskonditionen. Die Installation der gesamten Euro-Zone als Transferunion mit Euro-Bonds und gegenseitiger Lastenübernahme aber wohl schon.

mit Material von Nachrichtenagenturen

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