Dienstag, 15. Oktober 2019

Bankhaus-Lampe-Chef Schüller "Am Ende bleibt allen weniger in der Tasche"

"Es muss einen Schuldenschnitt geben": Bankhaus-Lampe-Chef Schüller hat eine klare Meinung zur Euro-Schuldenkrise

Die Euro-Schuldenkrise wird für viele Anleger noch teuer, glaubt Stephan Schüller. Mit manager magazin Online sprach der Chef des Bankhauses Lampe über Wege aus dem Schlamassel - und über sein derzeitiges Lieblingsthema: die Neuen Energien.

mm: Herr Professor Schüller, nicht nur angesichts des aktuellen Euro-Gipfels in Brüssel kommt man bei einem Gespräch über Banken in diesen Tagen um das Thema Euro-Schuldenprobleme und Griechenland nicht herum. Wie sehr ist Ihr Haus von der Krise betroffen?

Schüller: Wir sind nicht direkt betroffen, denn wir haben kein Exposure in Griechenland oder anderen gefährdeten Euro-Staaten. Was wir aber natürlich sehen ist die enorme Verunsicherung der Märkte und die Konsequenzen auf die Aktivitäten unserer Geschäftspartner, sowohl im institutionellen Bereich also auch bei Privatkunden. Vor allem bei letzteren ist die Verunsicherung nicht unerheblich.

mm: Macht sich das in Form von Mittelabflüssen bemerkbar?

Schüller: Wir haben keine Abflüsse von Geldern, aber Umschichtungen, und zwar in sehr konservative Anlagen. Es werden plötzlich Assetklassen in einer Form nachgefragt, die die Renditemöglichkeiten zum Teil massiv einschränken. Wenn Sie zum Beispiel in Hamburg-Eppendorf zurzeit ein Zinshaus erwerben, zahlen Sie einen Kaufpreisfaktor vom bis zu 33fachen der Nettojahreskaltmiete. Da muss schon sehr viel Wertsteigerung entstehen, damit sich das rechnet. Ähnlich ist es mit dem Investment in Gold Börsen-Chart zeigen.

mm: Wenn Sie auch nicht in den fraglichen Anleihen investiert sind, wie beurteilen Sie die Aussicht auf einen Schuldenschnitt für Griechenland von bis zu 60 Prozent, wie er auch auf dem Gipfel in Brüssel diskutiert wird?

Schüller: Ich bin der Ansicht, es muss einen solchen Schuldenschnitt geben, anders kann es nicht funktionieren. Und es wäre besser, einen klaren Schnitt jetzt zu vereinbaren, als immer weiter herumzulavieren.

mm: Die Euro-Schuldenprobleme wären damit aber noch nicht gelöst.

Schüller: Es wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Es reicht ja ein simples Excel-Sheet, um zu errechnen, dass Griechenland seine gegenwärtigen Schulden niemals wird begleichen können. Nach einem Schuldenschnitt könnte es sogar noch nötig werden, der ein oder anderen Bank mit hohen Abschreibungen in den Büchern unter die Arme zu greifen. Aber es ist wichtig zu zeigen, dass es durchaus ein Insolvenzrisiko gibt, und dass sich Spekulationen in Krisenländern letzten Endes nicht auszahlen.

mm: Wie sieht Ihr Lösungskonzept für die Euro-Schuldenkrise aus?

Schüller: Man wird tatsächlich noch einmal einen großen Rettungsschirm aufspannen müssen. Nach meiner Meinung sollte der gemäß dem Interesse der Bundesregierung mit einem Limit versehen sein. Die Märkte werden so lange keine Ruhe geben, bis eine klare Lösung gefunden ist. Und danach werden wir vermutlich ein Repressionsszenario sehen: mit Inflationsraten von 3 bis 5 Prozent und gleichzeitig langfristig sehr niedrigen Zinsen.

mm: Das heißt, am Ende zahlt nicht der Steuerzahler die Zeche, sondern der Anleger, der mit der Inflation zu kämpfen hat.

Schüller: Man darf nicht vergessen, dass Steuerzahler und Anleger in weiten Teilen deckungsgleich sind. Entscheidend ist: Die Staatsschulden zeigen, dass mehr ausgegeben wurde, als hereingekommen ist. Am Ende bleibt deshalb allen weniger in der Tasche, so einfach ist das.

mm: Um auf Dauer nicht wieder eine solche Krise zu bekommen, erscheint aber noch mehr Veränderung erforderlich, beispielsweise bei der Wettbewerbsfähigkeit von Ländern wie Griechenland sowie der Haushaltsdisziplin dort.

Schüller: Ja, wir werden sicher Einschränkungen der Spielräume einzelner Länder sehen, was das Thema Finanzen angeht. Anders sind die Rettungsmaßnahmen auch gar nicht zu rechtfertigen.

mm: Erwarten Sie die vielfach diskutierte europäische Wirtschaftsregierung?

Schüller: Ob es soweit gehen wird, weiß ich nicht. Dass es jedoch stärkere Sanktionierungsmaßnahmen geben wird, davon bin ich überzeugt.

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