Freitag, 18. Oktober 2019

Dax-Geflüster Wie Anleger schleichend enteignet werden

Börse in Frankfurt: Nicht nur der jüngste Kursrutsch hat Anlegervermögen vernichtet. Mit Niedrigzinsen und Anleihekäufen tragen Staaten dazu bei, dass privates Sparvermögen in kleinen Schritten aufgefressen werden

Der Dax ist unter Druck. Doch wer nur auf Staatsanleihen oder Festgeld setzt, dessen Vermögen wird durch Minizinsen, Inflation und Steuern schleichend aufgezehrt. Während Staaten sich bequem entschulden, geraten Sparer in Not: Sie müssen mitten in der Krise höhere Risiken eingehen - und trotz allem auf Aktien setzen.

Hamburg - Aktionäre des Persil- und Prittherstellers Henkel Börsen-Chart zeigen zählen nicht unbedingt zu den risikoverliebten Zockern. Das Geschäft mit Waschmitteln, Klebstoffen und Körperpflege ist solide, die Dividendenrendite von rund 2 Prozent pro Jahr gilt als verlässlich, und der Aktienkurs des Düsseldorfer Konzerns notiert ziemlich genau da, wo er bereits vor 12 Monaten notierte.

Mit dieser Null-Prozent-Performance hält sich Henkel deutlich besser als die meisten Unternehmen im Dax Börsen-Chart zeigen, deren Bewertungen an der Börse in den vergangenen Monaten zweistellig eingebrochen sind.

Henkel - ein unaufgeregtes Investment für langfristige Sparer, könnte man meinen. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Wer langfristig sparen und seine Verlustrisiken gleichzeitig begrenzen will, kann in Anleihen oder in "defensive" Aktien wie Henkel investieren, lautete lange Zeit der Grundsatz. Diese Rechnung geht inzwischen nicht mehr auf: Da die Inflationsrate in Deutschland inzwischen auf rund 2,4 Prozent gestiegen ist, werden Dividendenrenditen unterhalb dieser Marke von der Teuerung aufgezehrt. Der Henkel-Anleger mag zwar heilfroh sein, dass seine Aktien binnen eines Jahres nicht an Wert verloren haben - doch nach Inflation büßt er dennoch Vermögen ein.

Ebenso ergeht es Anlegern deutscher Bundesanleihen. Im Vergleich zu Anleihen vieler europäischer Schuldenländer gilt eine deutsche Staatsanleihe als sicheres Investment - mit der Folge, dass die Bundesrepublik es sich erlauben kann, ihren Geldgebern nur noch Mini-Zinsen anzubieten. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ist unter die Marke von 2 Prozent gefallen: Bei einer angenommenen Inflation von 2,4 Prozent pro Jahr nehmen Käufer deutscher Staatsanleihen also real rund 0,75 Prozent Vermögensverlust pro Jahr in Kauf. Sie schenken dem Staat auf 10 Jahre Geld - in der Hoffnung, zumindest das investierte Vermögen so gut es geht zu erhalten.

Verlustgeschäft wird durch höhere Abgeltungsteuer noch größer

Das Verlustgeschäft für den Henkel-Aktionär wie für den Anleiheninvestor fällt sogar noch deutlicher aus. Grund ist die Abgeltungsteuer auf Dividenden und Zinserträge, die nach dem neuen Steuerkonzept der SPD von aktuell 25 Prozent auf 30 Prozent steigen soll.

Auf 100 Euro gezahlte Dividende muss der Aktionär derzeit 25 Euro Abgeltungsteuer (plus Kirchensteuer) zahlen - auch dann, wenn er inflationsbereinigt überhaupt keinen Vermögenszuwachs hat. Für den Anleiheninvestor fällt die Netto-Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe nach Steuern auf derzeit nur noch 1,4 Prozent, hat der Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) errechnet. Damit beträgt der reale jährliche Wertverlust nach Steuern und Inflation derzeit rund 1 Prozent.

Wie kann der Anleger einer solchen schleichenden Enteignung entgehen? Er kann ins Risiko flüchten - und hoch spekulative Rohstoffe oder Aktien kaufen, die deutlich höhere Renditen versprechen als Henkel oder eine Bundesanleihe. Wenn es gut geht. Was passiert, wenn solche Wetten schiefgehen, lässt sich derzeit an Aktien wie der Commerzbank Börsen-Chart zeigen oder des Versorgers RWE Börsen-Chart zeigen besichtigen, die seit Jahresbeginn mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren haben.

Staaten drücken ihre Schulden - auf Kosten der Sparer

Einen weiteren Fluchtweg hat die Schweizer Notenbank in dieser Woche versperrt. Anleger, die in den Schweizer Franken kaufen und auf Währungsgewinne des Franken gegenüber dem Euro setzen, haben seit dieser Woche die Schweizer Notenbank als Gegenspieler. Eine Institution, die theoretisch unbegrenzt Schweizer Franken drucken und mit dieser unbegrenzten Liquidität in Euro nominierte Anleihen kaufen kann, zum Beispiel die Bundesanleihe.

Die Folge: Der Franken wertet gegenüber dem Euro nicht weiter auf, was im Sinne der Schweizer Notenbank ist. Und die Rendite der Bundesanleihe dürfte weiterhin im Keller bleiben, was überhaupt nicht im Sinne der deutschen Sparer und der EZB ist. Ein Ziel der milliardenschweren Anleihenkäufe der EZB ist es ja wiederum, den Renditeunterschied zwischen italienischen und spanischen Staatsanleihen (derzeit bei über 5 Prozent) und deutschen Staatsanleihen (derzeit bei einem Rekordtief von 1,8 Prozent) zu verkleinern.

Zentralbanken greifen mit Milliardensummen in den Anleihemarkt ein. Notenbanken, allen voran die US-Notenbank Federal Reserve, halten den Leitzins nahe Null - und das soll auch noch mindestens zwei Jahre so bleiben.

Ein langfristig niedrig gehaltenes Zinsniveau und Eingriffe auf dem Markt für Staatsanleihen gehören zum Instrumentenkasten der "finanziellen Repression", wie sie die US-Ökonomen Carmen Reinhard und Belen Sbrancia beschrieben haben: Finanzielle Repression ermöglicht es hoch verschuldeten Staaten, ihre Schuldenlast mit Hilfe real negativer Zinsen zu reduzieren. Liegt die Inflationsrate höher als das Zinsniveau, können Staaten ihre Schulden "weginflationieren", also durch Geldentwertung ihre Schuldenlast in den Griff bekommen. Anleihen-Guru Bill Gross nennt solche Maßnahmen "Taschendiebstahl".

Denn die Rechnung dafür zahlen die Sparer. Ihr Sparvermögen schrumpft, da die niedrigen Renditen vermeintlich "sicherer" Investments durch Inflation und Steuern mehr als aufgezehrt werden. Wollen Sparer dieser schleichenden Enteignung entgegenwirken, müssen sie höhere Risiken eingehen, also zum Beispiel ihre Aktienquote gegenüber Anleihen und Festgeld erhöhen.

Selbst denjenigen, die auf eine Erholung des Dax Börsen-Chart zeigen nach seinem aktuellen Einbruch setzen, wird der Einstieg nicht leicht gemacht: Investoren werden in höhere Risiken getrieben - und sollen, wenn es nach den Plänen der SPD geht, dafür auch noch höhere Steuern zahlen.

Für Anleger eine schwierige Situation. Die Lage der Bundesregierung dagegen bleibt entspannt. Sie kann sich, ähnlich wie die US-Regierung, derzeit Geld praktisch zum Nulltarif leihen - und die real negativen Erträge ihrer inländischen Gläubiger besteuern.

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