Dienstag, 25. Juni 2019

Die Wirtschaftsglosse Nehmt mein Geld, ich will es nicht!

Warren Buffett (l.) und Nachahmer: Will denn heutzutage keiner mehr Geld haben?

Politiker, Wirtschaftsgrößen und Anleger gehen immer verschwenderischer mit riesigen Vermögen um. Die Erklärung ist einfach: Sie wollen kein Geld mehr haben. Am Ende des Tages ist der Materialismus gescheitert - ein Ersatz ist allerdings schon in Sicht.

Der Filmschauspieler Mel Gibson sorgte dieser Tage für eine jener Nachrichten, die man erst in einen größeren Zusammenhang rücken muss, um sie besser zu verstehen. Deshalb zunächst ein kurzer Abriss der jüngeren Weltgeschichte: So um 1989 herum endete im Großen und Ganzen der Kommunismus, und 2008 ging bekanntlich der Kapitalismus den Bach runter (Stichworte: Immobilienblase, Lehman-Pleite, Finanzkrise … Sie wissen schon).

Damit waren die beiden großen -ismen, die in den vergangenen Jahrzehnten als Grundlage ökonomischer Gesellschaftsordnungen dienten, gescheitert. Ein praktikabler Ersatz wurde bislang nicht gefunden.

Entstanden ist stattdessen ein gigantisches geistiges Vakuum. Die meisten Menschen merken es zwar kaum. Sie machen weiter wie bisher und denken an nichts Böses. Manchmal jedoch dämmert es ihnen, und zwar immer dann, wenn sie keine Antwort mehr finden auf eine ganz simple Frage: Wohin mit dem Geld?

Früher war die Sache klar: Im Kommunismus bekamen es die Bosse und im Kapitalismus die Cleveren, also vor allem Wirtschaftsgrößen und Kriminelle aller Art.

Und heute? Heute will offensichtlich keiner mehr Geld haben! Wohin man auch sieht, überall heißt es nur noch: Nehmt, nehmt, ich will es nicht.

Christoph Rottwilm
manager-magazin.de
Christoph Rottwilm
Man schaue sich bloß mal die weltweite Staatengemeinschaft an, vertreten durch die Spitzenpolitik. Wohlhabenden Ländern wie den USA oder Deutschland kann es gar nicht schnell genug damit gehen, ihre finanziellen Mittel an kriselnde Banken oder weniger wohlhabende Länder zu überweisen. Letztere wiederum, siehe Griechenland, machen sich erst gar nicht die Mühe, an das Bare ihrer Steuerzahler heranzukommen.

Und ja, der Steuerzahler, der kleine Mann. Spart sich allein in Deutschland mühsam fünf Billionen Euro vom Munde ab - und was tut er damit? Gibt es den Banken, für Mikrozinsen. Oder den Versicherungen (Lustreisen! Prostituierte!!). So gelangt der größte Teil letztlich auf dunklen Wegen an den Kapitalmarkt, wo er von gefühlskalten Spekulanten und skrupellosen Investmentbankern gnadenlos verzockt und verbrannt wird. Steht jeden Tag in der Zeitung.

An dieser Stelle höre ich schon den Einwand: Es gebe doch noch die Tüchtigen, die Leistungsträger. Unternehmer und Topmanager mit dicken Gehältern, Yachten, schönen Frauen. Diese Elite sei es doch, die weltweit das Vermögen akkumuliert.

Zugegeben, die Studien, die regelmäßig über die steigende Zahl der Millionäre, Milliardäre, Billionäre und was nicht alles für -äre aufklären, können beeindrucken - aber eben auch nur auf den flüchtigen Blick.

Bei genauem Hinsehen offenbart sich die Sinnkrise des Materialismus auch in diesen Kreisen. Vorreiter ist wie so oft Warren Buffett, erst-, zweit- oder drittreichster Mann der Welt und schon immer der Visionär unter den professionellen Geldbesitzern. Von Anfang an wusste Buffett wohl nicht so recht, wohin mit seinem Geld. Er fuhr weiter sein klappriges Auto und zog trotz wuchernden Reichtums auch nicht aus seiner für Milliardärsverhältnisse doch recht bescheidenen Behausung aus. Dann kam was kommen musste: Buffett kündigte an, fast sein gesamtes Milliardenvermögen für wohltätige Zwecke zu stiften.

Das Beispiel machte Schule: Buffetts Initiative "The Giving Pledge" zählt mittlerweile an die 60 weitere US-Milliardäre, die der Verzweiflung nahe ihr Vermögen ebenfalls feilbieten, darunter Microsoft-Gründer Bill Gates, AOL-Gründer Steve Case und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.

Buffett indes hat bereits einen weiteren Abladeplatz für seine nutzlosen Milliarden ausgeguckt: den amerikanischen Staatshaushalt. In der "New York Times" flehte er jüngst förmlich darum, stärker besteuert zu werden. US-Finanzminister Geithner dürfte sich aber kaum erweichen lassen - er will die Kohle ja auch nicht haben (siehe oben).

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Dennoch findet auch dieser Ansatz Nachahmer. In Frankreich und Deutschland bitten ebenfalls immer mehr Superreiche um höhere Steuern. Erst in dieser Woche veröffentlichte "Die Zeit" einen Artikel, in dem sich der Hörgeräteproduzent und Hannover-96-Chef Martin Kind, der Versandunternehmer Michael Otto, der Finanzdienstleister Jürgen Hunke sowie Musikfreund Marius Müller-Westernhagen diesem Ansinnen anschlossen.

Alles in allem scheint die Sache daher eindeutig: Das Geld ist am Ende, keiner braucht es mehr, keiner will es mehr haben. Es passt einfach alles ins Bild. Man muss ja nur mal nach Berlin schauen, wo die FDP um die Fünf-Prozent-Hürde kämpft. Ich meine: Hallooo!? Die FDP, also die ultimative Steuersenkungspartei schlechthin - im Kampf um die Fünf-Prozent-Hürde!?

Wer es immer noch nicht glaubt, dem hilft vielleicht Mel Gibson und die eingangs erwähnte Nachricht: In den USA musste jetzt ein Gericht den Schauspieler daran hindern, 15 Millionen Dollar an seine Ex-Frau zu verschenken. Die Vereinbarung über den Millionenunterhalt für die gemeinsame Tochter war bereits geschlossen, da legte ein Richter sein Veto ein und senkte den Betrag auf 750.000.

"Denkste, Gibson", wird er sich gesagt haben. "So leicht kommst Du uns nicht davon. Mit dem Problem musst Du schon alleine fertig werden."

Was bleibt ist die Frage, was kommen soll, jetzt, da das Geld als Sinnstifter der Welt ausgedient hat. Einige geben ein Vermögen für Ackerland aus ( Boom für Bauernland), andere scheinen Gold für eine gute Alternative zu halten, aber daran glaube ich nicht. Zu oldfashioned. Da könnte man ja gleich wieder mit Gott anfangen.

Nein nein, es muss schon etwas sein, das modern ist, das die Jugend mitnimmt und auch in den aufstrebenden Ländern in Fernost gut ankommt. Manche dort, zum Beispiel die Zen-Buddhisten, glauben doch, dass es jenseits des Jetzt und Hier für den Menschen eigentlich nichts Wichtiges gibt auf der Welt.

Vielleicht wäre das ein Ansatz: Das Geld geht - und das Nichts kommt.

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung