Geringes Wachstum Zinspause im Euro-Raum erwartet

Der Sparkurs vieler Euro-Länder, geringes Wachstum auch außerhalb der Union und die Turbulenzen an der Börse zwingen die Europäische Zentralbank anscheinend zu einer Zinspause. Das sind neue Töne: Bisher gingen die Währungshüter von spürbaren Inflationsrisiken aus.
Kein Zinsschritt vor 2012: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet baut vor

Kein Zinsschritt vor 2012: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet baut vor

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Frankfurt am Main - Was Experten seit einiger Zeit vermutet hatten, nimmt zusehends Gestalt an: Die Europäische Zentralbank (EZB) scheint auf eine Zinspause zuzusteuern. Nachdem die Notenbank den wichtigen Leitzins im Frühjahr erstmals seit der Finanzkrise erhöht hatte und im Sommer den zweiten Zinsschritt folgen ließ, rechnen viele EZB-Beobachter nun mit einer längeren Pause.

Ausschlaggebend sind in erster Linie die spürbare Konjunkturabkühlung im Währungsraum und geringere Inflationsgefahren. Darüber hinaus dürfte die immer noch lodernde Schuldenkrise den Spielraum der Notenbank spürbar einschränken.

Auch jüngste Signale der Währungshüter lassen weitere Zinserhöhungen immer unwahrscheinlicher werden. Zu Wochenbeginn hatte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet vor dem Europaparlament angekündigt, die Notenbank prüfe derzeit ihre Einschätzung zur mittelfristigen Inflationsentwicklung.

Das sind neue Töne: Bis vor kurzem hatte Trichet noch von spürbaren Inflationsrisiken gesprochen. Seither haben sich die Bedingungen im Währungsraum aber geändert: Das Wachstum lag im Euroraum nach einem fulminanten Jahresstart zuletzt nur noch knapp über Stagnation. Zudem scheint der Notenbank die Entwicklung der Verbraucherpreise in die Karten zu spielen. Besonders die Energiepreise waren zuletzt rückläufig.

Dass die EZB auf die Schuldenkrise, das schwächere Wachstum und den vermutlich geringeren Preisdruck gar mit Zinssenkungen reagieren könnte, gilt unter Experten jedoch als unwahrscheinlich. "Im Euro-Raum deutet sich eine Zinspause an - nicht mehr", sagt EZB-Beobachter Michael Schubert von der Commerzbank.

Commerzbank erwartet keine Zinserhöhung vor 2012

Nachdem der Experte lange Zeit mit zumindest einer weiteren Zinserhöhung im laufenden Jahr gerechnet hatte, erwartet er nun eine Pause bis etwa Mitte 2012. "Die EZB reagiert damit auf die ungünstigeren Wachstumsperspektiven im Euroraum. Zudem dürfte die Inflation im kommenden Jahr etwas stärker zurückgehen als bisher erwartet."

Das künftige Wachstum im Währungsraum dürfte gleich durch mehrere Faktoren belastet werden: Für eine schwache Konjunktur im zweiten Halbjahr spricht zum einen der starke Sparkurs in vielen Euro-Ländern, die durch die Schuldenkrise gebeutelt werden. Zudem hat sich das Wachstum auch in vielen Ländern außerhalb Europas spürbar verlangsamt.

In den USA gibt es sogar Befürchtungen, dass die weltgrößte Volkswirtschaft in die zweite Rezession innerhalb weniger Jahre abgleiten könnte. Darüber hinaus gelten die realwirtschaftlichen Auswirkungen der schweren Börsenturbulenzen bis Mitte August als unklar.

"Die EZB reagiert auf die aktuellen Entwicklungen, und das muss sie auch", unterstreicht Commerzbank-Experte Schubert. Dennoch bewegt sich die Notenbank auf dünnem Eis: Spätestens mit dem milliardenschweren Ankauf italienischer und spanischer Staatsanleihen ist die EZB in die Schusslinie geraten. Nicht wenige Ökonomen kritisieren, die Notenbank greife mit den Anleihekäufen direkt in Marktprozesse ein.

Daneben wird mitunter der Vorwurf laut, sie betreibe Staatsfinanzierung über die Notenpresse. Und die Krisenpolitik der EZB macht nicht bei finanzschwachen Euro-Staaten halt. Nach wie vor stützt sie das Bankensystem mit reichlich Liquidität zu einem geringen Preis.

Krisenpolitik darf Inflationsrisiken nicht vergessen machen

Bis zuletzt hatte die Notenbank immer wieder auf die strikte Trennung zwischen ihrer Zinspolitik und Krisenmaßnahmen verwiesen. Schon aber werden unter Experten Stimmen laut, dass sich mit einer Zinspause ihren Kritikern eine zusätzliche Flanke öffnen könnte.

Sollte sich nämlich die Einschätzung breit machen, die Notenbank räume ihrer Krisenpolitik größeren Raum ein als der Inflationsbekämpfung, würde das Ansehen der Notenbank erheblichen Schaden nehmen. Und da Reputation das wertvollste Gut einer Zentralbank ist, wäre der Schaden immens und wohl nur schwer zu beheben.

ms/dpa-afx
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