Euro-Szenarien Was tun, wenn der Markt im Krisenmodus bleibt?

Anleger bangen um ihr Geld. Lesen Sie in Teil 3 unserer Serie zur Geldanlage in der Euro-Krise, was Investmentprofis für den Fall raten, dass in der Europäischen Währungsunion weder der Befreiungsschlag gelingt noch Euro-Land zerfällt.
Von Arne Gottschalck
Nach der Verhandlung ist vor der Verhandlung (im Bild EU-Ratspräsident Herman van Rompuy im Gespräch mit Angela Merkel und Nicolas Sarkozy): Doch wie kann sich der Anleger vorbereiten, wenn Europa in der Krise den Märkten nur hinterher läuft?

Nach der Verhandlung ist vor der Verhandlung (im Bild EU-Ratspräsident Herman van Rompuy im Gespräch mit Angela Merkel und Nicolas Sarkozy): Doch wie kann sich der Anleger vorbereiten, wenn Europa in der Krise den Märkten nur hinterher läuft?

Foto: Olivier Hoslet/ dpa

Hamburg - Die Tradition der Politik liegt in der Evolution, nicht in der Revolution. Bundestag, Bundesrat, retour - so werden Gesetze gemacht, quasi auf dem Wägelchen des Büroboten. Kommt mit Europa noch eine weitere Instanz ins Spiel, sind die Wege entsprechend länger.

Kein Wunder also, wenn viele Experten davon ausgehen, dass die Politik keinen Durchbruch zur Lösung der Euro-Krise schaffen, sondern weiter den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen wird. Kocht die Krise wieder hoch, zum Beispiel indem sich die Risikoaufschläge dramatisch ausweiten, muss als Feuerlöscher die EZB ran. Oder die nationalen Parlamente, um ein weiteres Hilfspaket zu schnüren.

Als Extremszenarien ist denkbar, dass die Eurozone zerbricht (Szenario I) oder die Vereinigten Staaten von Europa eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik finden (Szenario II) - doch es gibt noch einen Weg dazwischen. Was bedeutet dieses dritte Szenario fortgesetzter Unsicherheit für Anleger?

Auf den ersten Blick zumindest, dass Anleger weiter starke Nerven brauchen und Schwankungen aushalten müssen, sagt Philip Saunders, Leiter Investmentstrategie und Leiter des globalen Asset-Allocation-Teams bei Investec Asset Management. Er skizziert die Probleme, denen sich Investoren bei so einem Szenario gegenüber sehen: "Solange keine Lösung der gesamtwirtschaftlichen Probleme in Sicht ist, werden die Aktienmärkte schwerlich Boden gutmachen, obwohl die Bewertungen vernünftig und die Unternehmensbilanzen allgemein solide sind."

"So ein Szenario ohne fundamentale Änderungen für einige Zeit würde weiterhin Unsicherheit zu schaffen, die die Märkte für Schocks infolge irgendwelcher Neuigkeiten verwundbar macht" ergänzt Jim Swanson, Chief Investment Strategist von MFS Investment Management. Seine Schlussforderung: "Investoren sind gut beraten, eine konservative Haltung mit Blick auf ihre Assetallocation beizubehalten, natürlich ausgerichtet an ihrer persönlichen Risikotoleranz."

Er erklärt, was das bedeutet: "Unser Allokationsmodell neigt dazu, einen Teil des Portfolios in Anleihen als Kissen gegen die Aktienmarktvolatilität zu stecken. Dabei ist es gut, sich global auszurichten wegen der historisch niedrigen Zinsen in den USA." Eine Einschätzung mit Konsenscharakter. "Zwar werden die Bewertungsniveaus allmählich attraktiver und die kreditrelevanten Fundamentaldaten bleiben stabil bis positiv, trotzdem dominieren nach wie vor negative charttechnische Einschätzungen die Stimmung am Markt", sagt auch Ross Junge, Chief Investment Officer für Fixed Income bei Aviva Investors. "Und das führt zu erhöhter Volatilität und niedrigem Anlegervertrauen.

Eine klare Aufteilung zwischen Aktien und Anleihen will Swanson auf Nachfrage allerdings nicht machen, verweist nur auf ein Angebot des eigenen Hauses. Der MFS Meridian Global Total Return Fund zum Beispiel setzt zu 60 Prozent auf Aktien und zu 40 Prozent auf Anleihen.

Notnagel Liquidität

Heiko Löschen von Packenius Mademann + Partner nennt es etwas deutlicher ein "Krisenportfolio". Denn wenn die Krise weiter köchelt, dürfte es kaum zu langen Phasen der Beruhigung kommen. Und auch wenn dank kurzfristiger Hilfen die Katastrophe ausbleiben wird - es bleibt ein Krisenszenario.

Für Vermögensverwalter Löschen sieht ein entsprechendes Krisenportfolio ganz anders aus als ein Standardportfolio. Aktien zum Beispiel sollen darin nur 10 Prozent ausmachen. Und die sollen bei kleineren Vermögen, wozu für viele Vermögensverwalter Volumina bis zu 100.000 Euro zählen, in bis zu drei Aktienfonds investiert werden. Diese Fonds sollen nach der Value-Schule verwaltet werden, also günstig bewertete Aktien kaufen und dabei auch auf einen hohen Cashflow der Unternehmen achten sowie einen niedrigen Verschuldungsgrad. Solche vermeintlich langweiligen Aktien liefern langfristig höhere Erträge als glanzvolle Geschichten, haben Finanzexperten wie Joseph Lakonishok bereits vor Jahrzehnten Zeit herausgefunden.

Auch MFS-Mann Swanson setzt auf Aktien, aber mit etwas mehr Auswahl. "Small-caps und Aktien der Emerging Markets bieten das höhere Ertragspotential, aber auch die höhere Volatilität. Risikoaverse Investoren werden also ihre Ausrichtung in diese Richtung limitieren wollen." Eine typische Aktienallokation, die Balance also der Aktien untereinander, "könnte mit einem Kerninvestment in einen konservativen large-cap-fonds beginnen, der global investiert." Als Ergänzung, so Swanson, kämen die small-caps in Frage.

Akzeptable Renditen für Unternehmensanleihen

In so ein Krisenportfolio gehören aber auch Anleihen - und zwar 30 Prozent, urteilt Löschen. Die eine Hälfte soll in Renten in lokaler Währungen investiert werden, wobei jeweils 5 Prozentpunkte in Anleihen in Schweizer Franken, in norwegische Kronen und in kanadische Dollar fließen. Immerhin können Anleger damit auch von den Aufwertungen der drei Krisenwährungen profitieren. "Der Euro ist nicht über den Berg und darum wählen wir ganz bewusst drei Währungen außerhalb der hochvolatilen Märkte", sagt Löschen. Die andere Hälfte des Bondanteils sieht er am besten in wenigen Unternehmensanleihen sehr guter Bonität aufgehoben, bei einer Depotgröße von bis zu 100.000 Euro "eher ein oder zwei Fonds". Die "Unternehmensanleihen weisen akzeptable Renditen auf, müssen aber gut überwacht werden."

Aktien, Anleihen - und dann? Während es darauf vor zehn Jahren auf diese Frage eher ein Schulterzucken gab, ist die Finanzindustrie heute weiter und bietet Produkte an, die mit dem Verhalten von Aktien vergleichsweise wenig zu tun hat. So eine geringe Korrelation haben zum Beispiel Rohstoffe. Swanson erklärt: "Heutzutage werden Modelle oft durch die Hinzunahme von alternativen Anlagen verbessert. Das können Immobilien sein, Rohstoffe oder andere Kategorien, die die Diversifikation eines Portfolios verbessern durch ihre geringe Korrelation mit anderen Anlageklassen." Denn verlieren beispielsweise Aktien an Wert, bedeutet das nicht den gleichen Kurs zum Beispiel für eine gut vermietete Gewerbeimmobilie.

Löschen rät zu einer 10-prozentigen Beimischung von Rohstoffen, in "mindestens drei Investmentfonds, werthaltigen Zertifikatestrukturen oder physisch unterlegten Anlageformen". Und dazu "10 Prozent Beteiligungen". Das können Schiffsfonds oder andere Konstruktionen sein. Sie dienen dem Substanzerhalt des Portfolios und sind gleichfalls unkorreliert mit den anderen Anlageklassen. "Beteiligungen wie Private Equity, Immobilien oder Zweitmarktofferten sind grundsätzlich langfristig zu betrachten, doch gleichen sie die Schwankungen der anderen Anlageklassen aus und verstetigen die Wertentwicklung", so Löschen. "Meist sind die Gewinner von Krisensituationen die, die über Liquidität und eine ruhige Anlagepolitik verfügen."

Weil aber in einem Szenario fortgesetzten Durchwurstelns - hier ein Krisengipfel, dort eine EZB-Intervention - zwei Sicherungsmechanismen besser sind als einer, würde Löschen Geld zusätzlich in Liquidität parken, Tagesgeld also. Gering verzinst, aber mit hoher Sicherheit. Das wäre zumindest Löschen einiges wert. Nämlich 40 Prozent des Portfolios.

Das Sicherheits-Portfolio im Überblick

Wer daran glaubt, dass die Politik keinen Befreiungsschlag gegen die Dauerkrise wird landen können, sollte sein Portfolio darauf vorbereiten. Eine Möglichkeit dazu wäre eine Depotstruktur, wie sie zum Beispiel Vermögensverwalter Heiko Löschen von Packenius Mademann + Partner vorschlägt.

Aktien: 10 Prozent, nach Depotgröße bis zu drei Aktienfonds, Value-Ansatz, hohe freie Cash Flows, niedrige Verschuldung

Anleihen: Renten Währung 15 Prozent, jeweils 5 Prozent in CHF, NOK, CAD, dazu 15 Prozent einiger weniger Unternehmensanleihen sehr guter Bonität, bei Depots zwischen 20.000 und 100.000 Euro eher ein oder zwei Fonds

Rohstoffe: 10 Prozent, mindestens 3 Investmentfonds, werthaltige Zertifikatestrukturen oder physisch unterlegte Anlageformen

Beteiligungen: 10 Prozent

Liquidität: 40 Prozent

Szenario 1: Was tun, wenn der Euro bricht?

Szenario 2: Was tun, wenn die Fiskalunion kommt?

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