Euro-Szenarien Was tun, wenn die Vereinigten Staaten von Europa kommen?

Aus Angst vor Extremszenarien bringen immer mehr Anleger ihr Geld in Sicherheit. Doch jedes Szenario birgt andere Risiken und Chancen. Lesen Sie in Teil 2 unserer Serie zur Geldanlage in der Euro-Krise, was Investmentprofis für den Fall raten, dass Euro-Land zur echten Fiskalunion wird.
Heiße Kandidaten für eine künftige Euro-Regierung? Frankreichs Präsident Sarkozy und Kanzlerin Merkel deuteten bereits an, die Führung in der Euro-Zone straffen zu wollen

Heiße Kandidaten für eine künftige Euro-Regierung? Frankreichs Präsident Sarkozy und Kanzlerin Merkel deuteten bereits an, die Führung in der Euro-Zone straffen zu wollen

Foto: Horacio Villalobos / Pool/ picture alliance / dpa

Hamburg - Man kennt das ja aus der Politik: Zu jedem Thema gibt es (mindestens) zwei Meinungen, die sich in der Regel ziemlich genau diametral gegenüber gegenüberstehen. Trotzdem klingen meist beide recht überzeugend - zumindest auf Anhieb.

So ist es auch bei der Frage nach einer stärkeren politischen Integration innerhalb der Euro-Zone, der Bildung einer so genannten Fiskalunion also. Die gegenwärtige Euro-Schuldenkrise, so die Idee dahinter, ist unter anderem entstanden, weil die 17 Mitgliedsländer zwar eine einheitliche Währung sowie mit der EZB eine gemeinsame Zentralbank nebst Leitzins haben. In Sachen Finanz- und Wirtschaftspolitik kocht jedoch nach wie vor jeder sein eigenes Süppchen. Das gilt vor allem, wenn es darum geht, für Staatseinnahmen und -ausgaben solide Pläne aufzustellen - und diese dann auch diszipliniert einzuhalten.

Das, so die Überlegung, ist einer der Gründe dafür, dass Länder wie Griechenland, Irland und Portugal heute auf gigantischen Schuldenbergen sitzen. Und dass der Rest Europas ihnen mit immer neuen Milliardenpaketen helfen muss, wieder davon herunterzukommen.

Eine Fiskalunion, sagen deren Befürworter, könnte an dem Punkt Abhilfe schaffen. Die Mitgliedsländer müssten dann beispielsweise einen Teil ihrer finanzpolitischen Hoheitsrechte an die Gemeinschaft abtreten. Ebenso würden verbindliche Regeln fixiert, für den Fall, dass doch erneut ein Land ausscheren sollte. Auch gemeinsame Euro-Anleihen, so genannte Euro-Bonds, wären in dem Szenario denkbar.

Fiskalunion hat Befürworter und Kritiker

Der Entwurf hat zahlreiche Befürworter. "Wir brauchen einen echten europäischen Finanzminister", schrieb beispielsweise kürzlich Commerzbank-Chef Martin Blessing in der "Welt am Sonntag". Brüssel müsse das Recht erhalten, die Budgethoheit in Ländern zu übernehmen, die sich nicht an die Regeln halten, so Blessing. Es müsse zudem eigene Steuern erheben und eine gemeinsame Schuldenagentur für die Begebung von Anleihen aufbauen.

Thomas Straubhaar vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) ist ähnlicher Ansicht. "Wer A sagt muss auch B sagen", sagte der Ökonom jüngst zum "Tagesspiegel" - und forderte, die Politik möge "das Ende des Weges aufzeigen, der zu einer Fiskal- und damit Transferunion führen wird".

Kritiker dagegen befürchten, Deutschland könne bei einem solchen Vorhaben nur verlieren. Beispielsweise würde die bundesdeutsche Spitzenbonität am internationalen Finanzmarkt verwässert, das Rating gerate in Gefahr, die Zinslast im Bundesetat drohe zu steigen. "Wenn die Politiker an ihrem Plan A festhalten, steht am Ende dieses Wegs eine Transferunion, in der jedes Land für die Schulden aller Länder verantwortlich ist", sagte etwa Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel dem manager magazin. "Wohin ein solches System führt, wissen wir aus dem deutschen Länderfinanzausgleich: zu organisierter Verantwortungslosigkeit." Die Wettbewerbsfähigkeit der ganzen Euro-Zone würde leiden, glaubt Henkel. "Der Wohlstand würde abnehmen, dafür wäre er dann innerhalb der Euro-Zone umverteilt."

Immerhin: Es gibt es Anzeichen, die darauf hindeuten, dass Europa künftig tatsächlich auch politisch enger zusammenrückt. Bei ihrem Treffen Mitte August in Paris sprachen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der französische Präsident Nicolas Sarkozy explizit für die Bildung einer europäischen Wirtschaftsregierung aus. Zudem soll es nach dem Willen der beiden Spitzenpolitiker eine Schuldengrenze für alle Euro-Staaten geben.

Die Reaktion der Anlagemärkte auf eine Fiskalunion

Ob es indes demnächst tatsächlich zur europäischen Fiskalunion, den, zumindest finanzpolitisch, Vereinigten Staaten von Europa also, kommt, ist nicht nur für Politiker und Volkswirte von Belang. Auch Kapitalanleger sollten sich diese Frage stellen. Schließlich ist es immer ratsam, das Portfolio mit den Erwartungen an die Zukunft in Einklang zu bringen.

Im vorliegenden Fall könnten die Anleger dabei allerdings rasch ins Schwimmen geraten. Denn eine Befragung von Experten zeigt: Das Für und Wider zur Fiskalunion spiegelt sich beinahe eins zu eins in den Anlageratschlägen wider.

Philippe Champigneulle zum Beispiel, Fondsmanager beim französischen Assetmanager DNCA Finance, ist optimistisch: "Dieses Szenario wäre geradezu ideal und wünschenswert. Aus unserer Sicht kann man den Politikern Europas nur dazu raten, sich zu einer Fiskalunion aller Euro-Länder mit einer stärkeren zentralen 'Regierung' und einer stärkeren Angleichung und zentralen Überwachung der Finanz- und Wirtschaftspolitik der einzelnen Länder durchzuringen."

Die Finanzmärkte, so Champigneulle, würden so eine Entwicklung mit einer Stärkung des Euro-Raumes und einer deutlichen Entspannung an den Zins- und Aktienmärkten honorieren. "Eine Stabilisierung in diesem Sinne würde unserer Meinung nach sogar das Wachstum in der Euro-Zone beflügeln", sagt er. "Wir würden mit dem Geld eines Investors aus der Euro-Zone daher keine Währungsrisiken eingehen."

"Wir würden keine Währungsrisiken eingehen"

Die logische Folge: Von Value-Aktien über Unternehmensanleihen bis hin zu südeuropäischen Staatsanleihen - in den Musterportfolien, die der Fondsmanager eigens für das manager magazin zusammengestellt hat, findet sich kein einziges Investment außerhalb der Euro-Zone (siehe unten).

Nicht alle Investmentprofis blicken allerdings so zuversichtlich wie der Franzose auf ein noch stärker geeintes Europa. Christian Rauscher etwa, Geschäftsführer bei Wallberg Invest in Luxemburg, würde das Geld der Anleger durchaus weltweit streuen - auf globale Anleihen, Immobilienfonds, Edelmetalle sowie afrikanische Aktien (siehe ebenfalls unten). "Neben amerikanischen und chinesischen Unternehmen finden immer mehr europäische Unternehmen den Weg nach Afrika", sagt Rauscher. "Afrikas Wirtschaft wird über die nächsten Jahre die Dynamik beibehalten und durch den Ausbau von Infrastruktur werden gerade europäische Unternehmen profitieren können."

Zudem gibt es ausgesprochene Skeptiker, wie Eberhard Weinberger, Vorstand der DJE Kapital AG in München. "Ich glaube nicht, dass man das Haushaltsdisziplinproblem durch mehr Zentralismus auf EU-Ebene in den Griff bekommen kann", sagt er. "Schon allein deshalb nicht, weil man den mediterranen Ländern kaum per Gesetz die deutsche Sparmentalität einimpfen können wird."

"Sachwerte sind die richtige Anlage"

Weinberger zufolge würde eine Fiskalunion nicht zur Lösung der Schuldenprobleme, sondern zu deren Verschlimmerung beitragen. Als Folge befürchtet er vor allem eins: inflationäre Tendenzen. "In einem solchen Umfeld sind Sachwerte wie beispielsweise Edelmetalle, Immobilien oder auch Aktien die richtige Anlage", sagt der Experte. "Geldwerte wie etwa Anleihen dagegen weniger."

Immerhin 50 Prozent der Anlegergelder würde Weinberger in Aktien oder Aktienfonds stecken (siehe Musterdepot unten). "Aktien sind bei guter Selektion aufgrund ihres Sachwertcharakters interessant", sagt er. "Dies gilt insbesondere für Gesellschaften mit werthaltiger Substanz, wobei auch eine attraktive Dividendenrendite nicht schaden kann." Darüber hinaus müssten sich Gesellschaften mit einer besonderen Preissetzungsmacht - sowohl im Einkauf, als auch im Verkauf - in einem inflationären Umfeld überdurchschnittlich entwickeln können, so Weinberger. "Globale Marktführer also, am besten mit Güterangebot für den täglichen Bedarf."

Ein Blick auf die aktuelle Entwicklung am Aktienmarkt zeigt allerdings, dass die Euro-Schuldenkrise oder die Inflation nur zwei Aspekte von vielen sind, die dort die Kurse beeinflussen. Stärker im Fokus steht gegenwärtig wohl die Ungewissheit über die weitere Entwicklung der Konjunktur in Europa und vor allem in den USA. Anleger können sich also durchaus die Frage stellen, ob es zur Fiskalunion kommt oder nicht. Zuvor müssen sie sich jedoch vielleicht fragen: Kommt es erneut zur Rezession oder nicht?

Musterportfolien für die Fiskalunion

Anleger, die daran glauben, dass Euro-Land in eine Fiskalunion münden wird, können ihr Portfolio schon jetzt entsprechend ausrichten. Aber wie? manager magazin hat drei Investmentprofis um Vorschläge gebeten, sehen Sie hier deren Musterdepots.

Philippe Champigneulle, Fondsmanager beim französischen Assetmanager DNCA Finance:

Fall 1, mit der Annahme, dass eine junge Frau von etwa 30 Jahren mit zwei Kindern 20.000 Euro anlegen möchte:

40 Prozent dividendenstarke Value-Aktien Europa

40 Prozent Wachstumsaktien Europa

20 Prozent südeuropäische Staatsanleihen

Fall 2, mit der Annahme, dass ein etwa sechzigjähriger Mann 100.000 Euro anlegen möchte (etwas vorsichtiger also):

30 Prozent dividendenstarke Value-Aktien Europa

30 Prozent Wachstumsaktien Europa

20 Prozent Unternehmensanleihen Europa

20 Prozent südeuropäische Staatsanleihen

Christian Rauscher, Geschäftsführer Wallberg Invest, Luxemburg:

Fall 1, 20.000 Euro:

20 Prozent Wandelanleihen Global

25 Prozent Wohnimmobilien als Sachwerte über Immofonds

15 Prozent Edelmetalle mit Schwerpunkt Silber und kleinerer Anteil Gold über ETCs

10 Prozent Afrika Mischfonds Aktien und Anleihen

30 Prozent Cash

Eberhard Weinberger, Vorstand DJE Kapital AG:

10 - 15 Prozent Goldanlagen

10 Prozent börsennotierte Immobilienanlagen

50 Prozent Aktienfonds

25 - 30 Prozent Liquidität

Zukunft des Euro: Fiskalunion oder Zerfall der Währungsunion

Schuldenkrise: Was tun, wenn der Euro zerbricht?

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