Energieexpertin Claudia Kemfert Atomausstieg schafft Arbeitsplätze

Der deutsche Atomausstieg muss die deutsche Wirtschaft nicht schwächen. Im Gegenteil, sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.
Von Arne Gottschalck
Weg mit der Atomkraft: So will es die deutsche Regierung. Doch welche Folgen hat dieser Schritt für die Wirtschaft?

Weg mit der Atomkraft: So will es die deutsche Regierung. Doch welche Folgen hat dieser Schritt für die Wirtschaft?

Foto: dapd

mm: Professor Kemfert, inwieweit schwächt der Atomausstieg eigentlich die deutsche Wirtschaft?

Kemfert: Der Atomausstieg muss die deutsche Wirtschaft nicht schwächen. Es werden Investitionen im dreistelligen Milliardenbereich getätigt werden. Das schafft Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Deutschland, deutsche Unternehmen können profitieren. Die Branche der erneuerbaren Energien beschäftigt mittlerweile knapp 400.000 Personen, in den kommenden 10 Jahren können noch 200.000 hinzukommen. Wenn man im Rahmen der "grünen Technologie" auch Energieeffizienz, nachhaltige Mobilität oder auch die klassischem Umweltschutztechnologien wie Wasseraufbereitung und Müllverwertung hinzunimmt, können bedeutend mehr Arbeitsplätze entstehen. Und viele Sektoren werden neben der Energie und Infrastrukturbranche profitieren. Nehmen Sie als Beispiel die Chemiebranche: sie stellt wertvolle Ersatzstoffe zum Öl her, zudem Dämmmaterialien oder Techniken und Stoffe für den effizienten Fahrzeugbau. Eine Schlüsselbranche für die nachhaltige Energiewende.

mm: Bedeutet Energiepolitik auch immer die Suche nach Alternativen - und nach Quellen?

Kemfert: Öl wird knapper und teurer, wir müssen so rasch wie möglich Alternativen zum Öl erforschen und an den Markt bringen. Neben alternativen Antriebsstoffen und -techniken ist ebenso die Gebäudeenergie von Bedeutung, denn dort kann viel Öl eingespart werden. Zum einen muss also möglichst effizient mit Energie umgegangen werden, zum anderen benötigen wir dringend Alternativen.

mm: Fehlt Europa ein geeintes Auftreten wie das der Chinesen, die auch ihre Energiefragen durch Afrika-Geschäfte sichern?

Kemfert: Europa macht zwei Dinge richtig: einerseits konsequent das Energiesparen voranbringen und andererseits sich konkrete Ziele zur Abkehr fossiler Energien vorzunehmen. Wichtig ist, dass die einzelnen EU-Länder sowohl die Energiesparmaßnahmen als auch die Ziele nachhaltiger Mobilität und Ausbau der erneuerbarer Energien umzusetzen. Daran hapert es derzeit noch.

mm: Ich habe einmal gelesen, solange der Ölpreis sich in einem Korridor von gut 80 bis 120 Dollar je Barrel bewegt, sei alles in bester Ordnung. Unter 80 Dollar lohne der Abbau nicht so recht, über 120 drohe es die Konjunktur abzuwürgen. Würden Sie das unterschreiben?

Kemfert: Die relativ leicht zu erschließenden Ölfelder wie beispielsweise in Saudi Arabien gehen ja mehr und mehr zur Neige und müssen ersetzt werden durch teurere Ölerschließungen. Tiefseebohrungen oder auch andere unkonventionelle Ölförderungen wie Teersande sind deutlich kapitalintensiver als herkömmliche Ölförderungen und lohnen sich in der Tat erst bei einem Ölpreis von über 80 Dollar pro Barrel. Leider benötigen wir auch dieses Öl, da wir noch Jahrzehnte brauchen, um uns wirklich vom Öl zu verabschieden. Ob die Konjunktur bei einem hohen Ölpreis abgewürgt wird, hängt davon ab, wie energieintensiv ein Land ist. Die USA beispielsweise, die pro Kopf doppelt so viel Energie verbrauchen als die EU, sind von einem Ölpreisanstieg dieser Größenordnung wirtschaftlich viel stärker betroffen. Eine konkrete Preisschwelle, bei der automatisch das Wirtschaftsgeschehen zum Erliegen kommt, ist empirisch nicht belegt.

Teures Tanken

mm: Wie stark wird die steigende Verschuldung der Industriestaaten den Ölpreis beeinflussen?

Kemfert: Es kommt darauf an, inwieweit das Wirtschaftswachstum in Mitleidenschaft gezogen wird. Deutschland profitiert beispielsweise von den steigenden Exporten insbesondere in stark wachsende Regionen in Asien. Sollte die steigende Staatsverschuldung zu einem Abflauen des Wirtschaftswachstums führen, würde auch die Ölnachfrage sinken, somit auch zu einem sinkenden Ölpreis führen.

mm: Die Opec hat jüngst einen "Patt" hingelegt, weil sie sich nicht auf eine Erhöhung der Förderquote einigen konnte. Sehen wir so etwas künftig öfter? Und wie können sich Volkswirtschaften dagegen schützen?

Kemfert: Nur, indem sie unabhängig vom Öl werden. Es ist ja keine neue Entwicklung, dass die Opec-Staaten in erster Linie an ihren eigenen Entwicklungen interessiert sind und weniger die Industriestaaten im Blick haben. Die Opec-Staaten sind an einem hohen Ölpreis interessiert. Industriestaaten können sich nur schützen, wenn sie weniger Öl verbrauchen.

mm: Abschließend die "Benzin-Frage": Wie kommt es, dass zur Sommerzeit die Benzinpreise regelmäßig neue Rekordstände markieren - scheinbar oder anscheinend losgelöst vom Ölpreis?

Kemfert: Die Nachfrage nach Benzin ist in den Reisemonaten in der Tat sehr hoch. Wenn der Ölpreis nicht nachhaltig sinkt oder der Dollar im Wert stark verfällt, können auch die Benzinpreise nicht sinken. Das Bundeskartellamt hat jedoch festgestellt, dass ein Anbieter-Oligopol der großen Ölkonzerne den Wettbewerb nicht gerade stärkt. Insbesondere freie Tankstellen bekommen oftmals nicht die Möglichkeit, sich wirklich frei am Markt zu bewegen. Sie sind größtenteils von den großen Ölmultis abhängig. Das kann dazu führen, dass die Preisbewegungen nicht unbedingt für den Verbraucher optimale Ausgestaltung annehmen. Daher ist es umso wichtiger, dass die freien Tankstellen zukünftig gestärkt werden und so der Wettbewerb belebt wird.

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