Kreditrating Amerikas Abschied vom "AAA"

Selbst wenn die USA den Zahlungsausfall abwenden, droht dem Staat eine Herabstufung des Ratings. Daran dürfte sich der Finanzmarkt ohne dramatische Folgen gewöhnen. Dennoch lässt die politische Eskalation Schlimmes befürchten.
Sparen, aber bitte nicht bei mir: Aktivisten der Tea Party in Washington

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Foto: Shawn Thew/ dpa

Hamburg - Wer sich jahrelang daran gewöhnt hat, Klassenbester zu sein, mag eine Zwei im Zeugnis subjektiv als so schlimm empfinden wie Sitzenbleiben. Auch in der dramatischen Krise um das Schuldenlimit der USA gerät manchmal unter, dass ein Verlust der Topbonitätsnote "AAA" in den Konsequenzen nicht einem Zahlungsausfall gleichkommt.

"Ein Zahlungsausfall bei unseren Verpflichtungen oder eine Herabstufung des Kreditratings der USA wäre ein ungeheurer Rückschlag für das Geschäft und das Vertrauen der Investoren", warnen die Chefs der führenden US-Großbanken in einem Offenen Brief vor beidem in einem Atemzug.

"Die Konsequenzen eines solchen Downgrades wären sehr real und sehr ernst", stimmen die führenden Pensionsfonds ein. IWF-Chefin Christine Lagarde sähe darin ein "sehr, sehr, sehr ernstes Ereignis nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern für die Weltwirtschaft insgesamt".

Ab kommenden Dienstag, den 2. August um Mitternacht, könnte der Staat nach Angaben des US-Finanzministeriums wegen der gesetzlich verankerten Schuldengrenze von 14,3 Billionen Dollar keine neuen Kredite aufnehmen, um seine laufenden Ausgaben zu decken. Nach strenger Definition könnte man darin eine Staatspleite sehen - und das in der führenden Volkswirtschaft der Welt, deren Anleihen dem weltweiten Kapitalmarkt als die risikofreie Anlage schlechthin dienen, als Grundlage für die in Pensionsfonds, Versicherungen oder Sparplänen investierten Billionenvermögen.

Eigentlich undenkbar. Doch je stärker sich die Fronten im Parlament verhärten, umso mehr Prognosen beschäftigen sich mit der Frage, worauf sich die Welt einstellen muss, wenn der 2. August ohne eine Lösung des Schuldenproblems verstreicht.

Szenario Downgrade

Als "das wahrscheinlichste Szenario" sehen die Volkswirte der Dekabank nach wie vor, "dass sich in letzter Minute Demokraten und Republikaner auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigen werden". Die Staatsausgaben würden für die kommenden Jahre gekürzt, gleichzeitig die Schuldenobergrenze leicht angehoben. So wäre Zeit gewonnen - die Ratingagenturen würden den USA vermutlich aber trotzdem die Note "AAA" für die höchstmögliche Kreditwürdigkeit aberkennen.

Damit hätten sie sogar Recht, heißt es von der Dekabank. Denn alle diskutierten Sparpläne sähen vor, dass die von der Bush-Regierung gewährten und zwischenzeitlich bis 2012 verlängerten befristeten Steuerrabatte auch über 2013 hinaus gelten sollen. Im Vergleich zur aktuell gültigen Gesetzeslage entgingen dem Staat so über zehn Jahre sechs Billionen Dollar Einnahmen - selbst das ehrgeizigste Sparprogramm würde das Haushaltsdefizit also noch gegenüber dem Status Quo verschlimmern.

Auch die Ratingagenturen selbst deuten zunehmend an, dass das AAA kaum noch zu halten sei. John Chambers, Leiter des Ratingkomitees für Staatsanleihen in der führenden Agentur Standard & Poor's, sagte am Donnerstag in einer Telefonkonferenz, selbst der in Washington kursierende Maximalvorschlag von vier Billionen Dollar Einsparungen in zehn Jahren sei nur "eine nette Anzahlung". Um die staatliche Schuldenlast zu stabilisieren, müssten aber mehr als eine Billion im Jahr eingespart werden. Zugleich beruhigte er: "Der Dollar ist die zentrale internationale Reservewährung und wird das in fast jedem Szenario noch lange bleiben."

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14,3 Billionen Dollar Schulden: Die größten Gläubiger der USA

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So ähnlich sieht das Wettbewerber Fitch, der sogar eine Studie zur Frage veröffentlicht, was die Abstufung seitens einer Ratingagentur ("nicht notwendigerweise Fitch") bewirken würde. Zwar sei eine Vorhersage der Auswirkungen auf Finanzmarkt und Wirtschaft schwierig, weil es dafür kein Beispiel gebe. Doch so weit legen die Experten sich fest: Auch mit der schlechteren Note AA bewertete US-Staatsanleihen "würden wahrscheinlich ihren Rang als Maßstab und Anker der globalen Rentenmärkte behalten".

Unicredit-Chefvolkswirt Andreas Rees sieht für den Fall eines Downgrades zwar das "Ende der Ära absolut sicherer amerikanischer Staatsanleihen" gekommen, aber noch kein "zweites Lehman", also nicht so dramatische Schockwellen wie bei der Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008. Schließlich sei kein Investor gezwungen, Treasuries zu verkaufen, wenn die Note auf AA fiele. Weder die Regulierer von Banken, Fonds und Versicherungen verlangen die Bestnote, noch die Zentralbanken als Sicherheiten für ihre Kredite.

Keine Alternative für die Anleger

Für die Anleger sei schlicht und ergreifend keine Alternative mit annähernd der gleichen Liquidität, Kreditqualität und Transparenz verfügbar, erklärt Fitch. Deutsche Bundesanleihen dürften zwar von besonders sicherheitshungrigen Anlegern noch etwas mehr gefragt sein. Doch schon das tägliche Handelsvolumen mit Bunds von nur 28 Milliarden Dollar sei kein Vergleich zu den 580 Milliarden Dollar an US-Treasuries, die Tag für Tag den Besitzer wechseln.

Alle zehn übrigen Staaten mit AAA-Noten (einschließlich Deutschlands) kommen nur auf ein Marktvolumen ihrer Bonds von 8,5 Billionen Dollar gegenüber 13,5 Billionen für die USA, rechnet Rick Rieder vor, Renteninvestmentchef beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock. Hinzu kommt die Rolle von Treasuries als Sicherheit für den Großteil der Geschäfte im Geld- und Interbankenmarkt. Das ist nicht so einfach zu ersetzen.

Fitch verweist auch darauf, dass zu den wichtigsten Gläubigern der USA ausländische staatliche Institutionen zählen, allen voran die chinesische und die japanische Zentralbank. Für diese mag die Zahlungsfähigkeit der USA Anlass zur Sorge sein, doch sie sehen ihre Anleihenbestände ohnehin weniger als Investment denn als Instrument der Währungspolitik, um gezielt den Dollar zu stützen und so ihre eigenen Exporte zu verbilligen. Seit Jahren nehmen sie geduldig gewaltige Wertverluste ihrer US-Anleihen hin und stocken ihre Bestände sogar noch in der Schuldenkrise kräftig auf.

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Am Pleiteabgrund: Wie die USA die Weltwirtschaft bedrohen

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Dennoch kursieren Schätzungen, wie stark ein leichtes Downgrade den Schuldendienst der USA verteuern würde. Um 25 Basispunkte, meint Blackrock-Manager Rieder. Auf 50 Basispunkte legt ING-Zinsstratege Padhraic Garvey die Hürde. Dann würde die Rendite für Treasuries mit zehnjähriger Laufzeit von heute 3,0 Prozent auf 3,5 Prozent steigen - immer noch ein im historischen und internationalen Vergleich extrem niedriger Wert, dennoch hätte das allgemein steigende Zinsniveau Folgen für die gesamte Wirtschaft, weil sich alle Kredite verteuern dürften.

Doch es bleibt auch noch die Möglichkeit, dass der Anleihenmarkt ganz anders reagiert. Die Fitch-Studie verweist auf das Beispiel Japan. Die drittgrößte und höchstverschuldete Volkswirtschaft der Welt hat in den vergangenen Jahren schon mehrere Downgrades hinter sich gebracht, und immer noch kann sich der Staat zu nur leicht über 1 Prozent Zinsen verschulden - wenn auch überwiegend bei den eigenen Bürgern, die nach zwei Jahrzehnten Deflation auch darin eine attraktive Geldanlage sehen.

Trotz aller Vorsicht, das Beispiel auf Amerika übertragen, zeige Japan, dass AA-Staatsanleihen genauso gut als Leitwert am Markt akzeptiert werden könnten wie solche mit AAA-Rating, heißt es bei Fitch. Der Unterschied in der Kreditqualität sei ohnehin "statistisch zu vernachlässigen". Und sowieso sei die Bonität nur einer von mehreren Faktoren, die den Kurs einer Anleihe bestimmen, relativiert die Ratingagentur ihre eigene Bedeutung.

Szenario Zahlungsausfall

Ganz andere Folgen als ein bloßes Downgrade hätte allerdings das Szenario, nach dem die Einigung in letzter Minute ausbleibt. Vorsichtshalber spielen das US-Finanzministerium und auch die Notenbank Federal Reserve bereits durch, wie sie sich dann verhalten sollen.

Der Verzicht auf neue Kredite bedeutet keineswegs, dass dem Staat dann mit einem Schlag das Geld ausgeht. Ein allein im August erwarteter dreistelliger Milliardenbetrag neuer Steuereinnahmen schafft einen gewissen Puffer. Doch zumindest 40 Prozent der Ausgaben müssten in diesem Monat aufgeschoben werden, gibt Finanzminister Timothy Geithner an. Die knifflige Frage ist dann, welche das sein sollen, inwiefern dies als Zahlungsausfall gewertet und den Finanzmarkt in Turbulenzen stürzen würde. Das Finanzministerium will zurzeit noch nicht klarstellen, ob Gläubiger Vorrang haben oder Empfänger von Sozialleistungen.

Schon am 3. August sind 23 Milliarden Dollar für die Sozialversicherung für Alte und Behinderte fällig, am 10. August weitere 8,5 Milliarden. Das sind zwar genauso gut Zahlungsverpflichtungen des Staates wie Zins und Tilgung auf Anleihen, ein Ausfall würde aber deren Rating nicht direkt berühren und damit den Finanzmarkt kaum beeinflussen - abgesehen von der Verunsicherung über das Verstreichen des Ultimatums, die nach Ansicht aller Marktbeobachter die Kurse durchschütteln dürfte.

Dramatische Konsequenzen für die Realwirtschaft

Doch dramatische Konsequenzen hätte ein Aufschub vor allem für die Realwirtschaft. "Das trifft einen Teil der privaten Haushalte hart, und zwar gerade die Armen", urteilt die Dekabank. Der Konsum würde neben anderen gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen spürbar zurückgehen. Und "je länger dieser Stillstand andauert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit einer Rezession". Deshalb könnte die Regierung andersherum pokern: Das Geld an Arme und Bedürftige weiter auszahlen und darauf setzen, dass so weitere Zeit für einen politischen Kompromiss gewonnen wird, bevor die Gläubiger ihre Ansprüche anmelden.

Doch dann käme der neue Tag der Wahrheit am 15. August. Dann stehen dem Staat Rechnungen über 41 Milliarden Dollar ins Haus, allein 30 Milliarden Zinsen für Staatsanleihen. Und sollte das Schuldenlimit bis dahin nicht angehoben sein, droht tatsächlich der schlimmste Fall: Die USA müssten ihr Versprechen regelmäßiger Zinsen und Tilgung auf ihre Schulden brechen.

Die Ratingagenturen haben ein unterschiedliches Vorgehen für diesen Fall angekündigt. Moody's will die Bonität der USA dann "um einige Stufen" herabsetzen. Doch Standard & Poor's würde den USA gleich das Etikett "teilweiser Zahlungsausfall" (Restricted Default, RD) verleihen, wie es aktuell Griechenland droht. Damit wäre die Pleite offiziell. In diesem Fall müssten tatsächlich Anleger rund um die Welt ihre Billioneninvestitionen abziehen, um nicht die Anlagevorschriften zu verletzen - es sei denn, Regulierer und Zentralbanken lockern diese Bedingungen noch, um einen Kollaps des Finanzmarkts abzuwenden.

Das eigentliche Drama, meint der Ökonom Dean Baker, Leiter des Center for Economic and Policy Research in Washington, bestehe darin, dass die US-Politik die gesamte Krise unnötigerweise selbst verschuldet habe. Die USA hätten weiterhin reichlich Kredit am Finanzmarkt, nur das Parlament hindere die Regierung daran, ihre Rechnungen zu bezahlen. "Das ist, wie wenn jemand sein Scheckbuch verliert, aber 20.000 Dollar auf dem Konto hat", sagt Baker. "Es fehlt nicht an Mitteln, aber man kommt nicht heran."