Abstufungsreigen Topökonomen wollen Ratingagenturen kippen

Es kann eine historische Wende werden: Weil die globale Schuldenkrise mit jedem Votum der Ratingagenturen brenzliger wird, verzweifeln Politiker und Ökonomen an den Bonitätsprüfern. Die Beharren ungerührt auf ihren Grundsätzen. Das könnte sie ihre Legitimation kosten. Und ihr Überleben.
Von André Schmidt-Carré
Fallende Kurse: Ratingagenturen als Krisenbeschleuniger kritisiert

Fallende Kurse: Ratingagenturen als Krisenbeschleuniger kritisiert

Foto: AFP

Hamburg - Die Welt hält den Atem an. Amerika, die weltgrößte Volkswirtschaft, der Staat, in dem die Welt ihr Geld investiert hat, droht an Kreditwüdigkeit zu verlieren. Die Ratingagentur standard & Poor's hat den USA mit einer Herabstufung ihrer Staatsanleihen gedroht. Sollten die Finanzanalysten ihre Drohung tatsächlich in die Tat umsetzen, wären die Folgen für das globale Finanzsystem wenigstens weitreichend, vielleicht dramatisch - doch US-Präsident Barack Obama sieht sich ungerührten Ratingagentur-Analysten gegenüber. Damit steht der Machtmensch Obama nicht allein.

Zunächst hatte sich auch Silvio Berlusconi wie gewohnt selbstbewusst gezeigt. Während das italienische Parlament Mitte Juni noch die neuesten Konsolidierungspläne zum Staatshaushalt diskutierte, verlangte Italiens Ministerpräsident bereits Nachbesserungen, um die Wähler nicht mit zu harten Maßnahmen zu verschrecken. Deshalb kritisierte die Ratingagentur Moody's das Sparpaket und zweifelten an der Ernsthaftigkeit der Bemühungen: Moody's drohte mit einer Herabstufung der italienischen Bonität, so, wie jetzt S&P die US-Bonds ins Visier genommen hat. Was dann passierte, gab einen Vorgeschmack auf das, was im US-Fall passieren würde - nur im weit fataleren Stil:

Aktienkurse rauschten in den Keller, die Renditen für Italiens Staatsanleihen schossen im Gegenzug nach oben, Europa war hart getroffen. Die nervösen Märkte trieben schließlich sogar Berlusconi zum Umdenken: "Die Krise zwingt uns zur Eile", verkündete Italiens Chef Mitte der Woche.

Ausgerechnet der Machtmensch Berlusconi muss sich jetzt sputen. Und wie er dürften sich derzeit nicht mehr nur viele europäische Politiker fühlen, an Berlusconis Lage hat sich heute vielleicht auch schon US-Präsident Barack Obama erinnert. Denn sie alle eint ein Schicksal: Die eigentlich Mächtigen, die demokratisch gewählten Staats- und Regierungschefs, verkünden zwar Entscheidungen, um die Verschuldungskrise im Euro-Land in den Griff bekommen. Doch die eigentliche Marschrichtung geben die Kapitalmärkte vor - und vor allem die drei großen US-Ratingagenturen Moody's, S&P und Fitch reden ein entscheidendes Wörtchen dabei mit. Das geht vielen jetzt zu weit: "Wer oder was legitimiert eigentlich die Bonitätsprüfer politische Warnschüsse oder wohlwollende Zustimmung zu politischen Entscheidungen abzugeben?", fragt Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI).

Einfluss der drei großen Agenturen beschränken

Entbrannt ist die Debatte um die Rolle der Ratingagenturen spätestens mit deren Haltung in der Griechenland-Krise. "Es könnte sein, dass schon die angekündigte harte Position der Ratingagenturen zum weichen Schuldenschnitt Griechenlands der entscheidende Schritt zuviel war", sagt der deutsch-amerikanische Ökonom und Fondsmanager Max Otte. Die Attacke gegen Italien, gegen die drittgrößte europäische Volkswirtschaft, tat ihr Übriges: Die wirtschaftlich Stärke des Landes sei in dem negativen ausblick der Bonitätsprüfer nicht ausreichend gewürdigt worden - und die Folgen deshalb fahrlässig heraufbeschworen worden.

Ökonomen und Politiker fordern deshalb jetzt, den Einfluss der drei großen Agenturen zu beschränken, die zusammen rund 90 Prozent des Weltmarktes für Bonitätsurteile unter sich aufteilen. An Vorschlägen für Alternativen mangelt es nicht: Ende Juni hatte sich die Unternehmensberatung Roland Berger gemeinsam mit der hessischen Landesregierung, der Deutschen Börse  und der Finanzplatz-Initiative Frankfurt als Initiator einer europäischen Ratingagentur ins Spiel gebracht. Andere Ideen gehen dahin, den drei großen amerikanischen Agenturen eine staatliche europäische Ratingagentur entgegenzustellen.

Kritiker halten einer solchen Variante entgegen, dass eine staatliche Institution immer die Noten ausstellen würden, die der Politik genehm sind. "Es ist natürlich wichtig, dass eine solche Agentur unabhänigig arbeitet. Bei den drei amerikanischen Ratingagenturen weiß man hingegen mit Sicherheit, dass sie nicht unabhängig sind", sagt Otte. Schließlich verdienten sie ihr Geld zum großen Teil mit Unternehmen, deren Kreditwürdigkeit sie - neben denen von Staaten - insbesondere bewerten. Längst melden sich dann auch Politiker und Experten im Tagesrhytmus mit neuen Vorschlägen zu Wort. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle zum Beispiel fordert eine stiftungsfinanzierte, privatwirtschaftliche Ratingagentur.

Verbindlichkeit von Ratings einschränken

Für Ökonom Otte wäre eine europäische Ratingagentur nur ein erster, schneller Schritt, um Dominoeffekte nach Rating-Herabstufungen zu verhindern. Denn bislang sind institutionelle Anleger wie Versicherungen dazu gezwungen, Papiere abzustoßen, wenn deren Rating unter eine bestimmte Grenze sinkt; die Staatsanleihen Italiens schienen in den Büchern großer Versicherungskonzerne dann auch in den vergangenen Tagen zu einem beträchtlichen Risiko zu werden. Inhaber müssen dann verkaufen, auch wenn sie selbst es ökonomisch nicht für nötig halten. Otte hält solche verbindlichen Urteile für überholt. "Die großen institutionellen Anleger beschäftigen Heerscharen von Analysten und sind in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden. Die Ratings der Agenturen dienen vor allem dazu, Verantwortung abzuschieben, wenn sie bei einem Investment daneben gelegen haben."

Zudem kämen die Herabstufungen meist zu spät. "Wenn die Ratingagenturen vor zwei oder drei Jahren vor einer Schieflage in Griechenland gewarnt hätten, wäre das hilfreich gewesen." Die Agenturen stellten aber immer erst im Nachhinein fest, dass es Probleme gibt. "Das hilft höchstens Banken, die im Eigengeschäft an starken Marktbewegungen verdienen. Volkswirtschaftlich sinnvoll ist das nicht, denn wenn dabei etwas schief geht zahlt wieder der Steuerzahler den Deckel."

Auch HWWI-Chef Straubhaar sieht beim Timing der Urteile ein Problem: "Die Ratingagenturen warnen eher zu spät als frühzeitig und gießen eher Öl als Wasser ins Feuer." Straubhaar will Ratings deshalb nicht unterbinden, aber deren Verbindlichkeit für Anleger streichen. "Urteile der Bonitätsprüfer sollten nur noch zu einer Meinungsäußerung von mehreren werden, auf die hören mag, wer hören will", sagt Straubhaar. Auch Finanzmarktteilnehmer wie die Fondsratingagentur Morningstar raten dazu, die Verbindlichkeit von Ratings zumindest in Krisenzeiten einzuschränken: "Das würde der Spekulation den Boden entziehen, weil mögliche Dominoeffekte weniger wahrscheinlich werden", sagt Werner Hedrich, Deutschland-Chef von Morningstar.

Dass solche Änderungen kommen, ist nicht unwahrscheinlich. Schließlich war es die Politik selbst, die einst das Urteil der Ratingagenturen zum quasi-verbindlichen Maßstab erklärt hat, um Gelder von Anlegern zu schützen. Bis ihre Entmachtung Realität wird, müssen sich Politiker allerdings mit den ungeliebten Urteilen herumschlagen. Und mit den Konsequenzen fertig werden. "Ich halte es für durchaus möglich, dass es zu einer Herabstufung Italiens kommt", sagt Kapitalmarktexperte Otte. "Dann könnte es auch für den Euro eng werden."

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