Aktien in der Euro-Krise Kaufen, wenn andere kneifen

Kaufen, wenn die Kanonen donnern - viele Aktienexperten scheuen dieses Risiko. Franklin-Fondsmanager Edwin Lugo dagegen greift dann zu. Er findet Anlageziele ausgerechnet in Italien, Irland oder Griechenland. Im Interview erklärt er seine Kaufkriterien.
Von Arne Gottschalck

mm: Herr Lugo, in Ihrem Fonds findet man Aktien aus Irland oder Italien. Also genau jenen Ländern, über die die Ratingagenturen den Daumen senken beziehungsweise zu senken drohen. Warum?

Lugo: Sowohl Irland als auch Italien bieten einige der besten Bewertungen der europäischen Landschaft. Und wir suchen exzellente Unternehmen, die zu attraktiven Preisen zu haben sind. Eine der Möglichkeiten bei der Suche nach solchen Investments sind jene Segmente, die außer Mode gekommen sind. Zum Beispiel Prysmian, einem der größten Elektrokabelhersteller der Welt. Das Unternehmen hat einen langfristigen Wettbewerbsvorteil in Hochspannungsleitungen, erzeugt einen hohen verfügbaren "cashflow", und wird sehr effizient geführt. Heute kann es zu einem guten Preis gekauft werden - wegen der Bedenken in Sachen Italien. Denken Sie daran, dass das Unternehmen zwar auch in Italien engagiert ist, aber Einnahmen aus der ganzen Welt einfährt, einschließlich Nord-und Südamerika, dem asiatisch-pazifischen Raum und dem Nahen Osten.

mm: Was sehen Sie dort, was andere nicht sehen?

Lugo: Wir versuchen durch die kurzfristige Unruhe hindurchzusehen und konzentrieren auf langfristige Investmenterträge. Normalerweise, wenn Länder in einer schwierigen stecken, ist das eine Quelle für überdurchschnittliche Renditen über einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren. Wenn man es auf diese Weise betrachtet, zeigen sich Investitionsmöglichkeiten, weil Sie jetzt in der Lage sind, Unternehmen zu einem guten Preis zu kaufen, die in ihrer Branche gut positioniert sind, die führende Marktanteile oder Produkte haben, eine starke Bilanz und frei verfügbaren "cash-flow", der es ihnen ermöglichen, den temporären Abschwung zu überleben. Das wiederum ermöglicht es Ihnen, die besseren Renditen, die ich vorhin erwähnt habe, zu erzielen.

mm: Welche Rolle spielt der düstere allgemeine wirtschaftliche Ausblick auf diese Länder?

Lugo: Wir sind sicherlich über einen "default" besorgt, der ist für jedes Land eine große Gefahr. Doch mit Blick auf Griechenland und Irland ist so ein Szenario bereits sowohl in Aktien- als auch Anleihenpreisen eingepreist. Daher sind die Anteilspreise teilweise erheblich gesunken - und das schafft auf die lange Sicht Anlagechancen. Aber der Anleger muss natürlich jede Investition genau prüfen, um Unternehmen zu vermeiden, die im Fall einer Staatspleite selbst in die Insolvenz gehen würden.

Die Angst geht um

mm: Und wie versuchen Sie das Geld Ihrer Anleger zu schützen?

Lugo: In der Regel versuchen wir uns immer zu schützen, indem wir uns auf das Verlustrisiko eines Investments konzentrieren und auf dessen Bewertung. Wenn die Märkte haussieren, suchen wir also mehr Schutz - und wenn die Börsen nachhaltig fallen, greifen wir an, denn dann kann man Unternehmen unterhalb ihres intrinsischen Wertes kaufen. Würde zu Griechenland in den "default" gehen, dann wäre es Zeit zu attackieren. Weil Europa dann zu Schleuderpreisen zu haben sein würde.

mm: Verstehen Sie die grassierende Angst an der Börse?

Lugo: Ja, es ist Teil des Daseins als erfolgreicher Investor langfristig die Psychologie zu verstehen. Oft steht die Zeit, in den Markt zu investieren oder ihn zu verlassen, dem emotionalen Zustand der Marktteilnehmer diametral entgegen. Heute gibt es zum Beispiel klare Besorgnis über die Märkte und die Schuldenprobleme, aber ein geschickter Investor wird hart arbeiten, um Unternehmen in Griechenland, Irland und Italien, die hervorragende langfristige Investitionen bieten können, zu erkunden. Zur gleichen Zeit wäre es nicht überraschend, überbewertete Unternehmen in der Schweiz oder Deutschland zu finden, die verkauft werden sollten. Die meisten Marktteilnehmer allerdings würden es sehr schwierig finden, diesem Ansatz heute zu folgen.

mm: Kein Wunder.

Lugo: In der Regel erholen sich Märkte auf lange Sicht. Die Marktteilnehmer neigen dazu, die Fähigkeit der Menschen zu Veränderungen zu unterschätzen, zum Beispiel die Schuldenstruktur von Griechenland und Spanien zu verbessern und weiter hart zu arbeiten, um langfristig eine verbesserte Europäische Union zu schaffen. Es ist also nicht überraschend, dass die Menschen vergessen, dass Mexiko, Russland, Asien und Brasilien einst - oder sogar ein paar Mal - bankrott waren. Schauen Sie die Länder heute an. Das ist auch der Grund dafür, dass Aktienmärkte in den vergangenen 20, 50 bis 100 Jahren trotz schwieriger Situationen aufwärts tendierten.

mm: Hilft Diversifizierung eigentlich im Abschwung - die meisten Börsenindizes verlieren ja gleichermaßen an Wert?

Lugo: Für Aktien gilt: Wenn der Markt fällt, sind fast alle Bestände kurzfristig rückläufig. Die Korrelation ist seit jeher hoch in solchen Szenarien. Die Frage ist dann herauszuarbeiten, welche weniger fallen als andere und welche sich schneller erholen. Echte Diversifikation erfordert daher unterschiedliche Asset-Typen wie Aktien, Anleihen, Bargeld, Immobilien und so weiter, je nach Anlagehorizont und Risikobereitschaft des Anlegers.

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