Italien-Krise Die sinnlose Hektik der Anleger

Immer wieder veranlassen die Schuldenprobleme südlicher Euro-Länder Anleger zu hektischem Tun. Diesmal ist Italien der Auslöser. Doch Experten winken ab: Wer sein Depot richtig aufgestellt hat, braucht auf solche Ereignisse kaum zu reagieren.
Kaufen, verkaufen, wieder kaufen: Wer richtig plant, braucht nicht dauernd zu reagieren

Kaufen, verkaufen, wieder kaufen: Wer richtig plant, braucht nicht dauernd zu reagieren

Foto: Andrew Gombert/ dpa

Hamburg - Über die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten schütteln besonnene Anlageexperten nur mit dem Kopf. "Vieles deutet auf eine Überreaktion hin", sagt ein Investmentstratege einer Bank zu manager magazin. Und Hannes Peterreins, Vermögensverwalter aus München, sagt: "Anleger, die ihre Ziele klar definiert und ihre Strategie festgelegt haben, sollten sich von einer aktuellen Stimmungslage wie derzeit nicht vom Weg abbringen lassen."

Überrascht ist Peterreins indes nicht: "Es gehört zu den typischen Schwächen vieler Privatanleger, dass sie sich nicht um das Risikomanagement ihrer Investments kümmern", so seine Erfahrung. "Das heißt, sie klären nicht frühzeitig die Frage: Was tue ich, wenn sich die Dinge anders entwickeln als erwartet?"

Die Folge ist nach Meinung des Vermögensverwalters oft das, was derzeit an den Märkten zu beobachten ist: Hektisches Treiben und ein wildes Auf und Ab der Kurse. In den Depots der Anleger entstehen durch allzu viel Aktivität in der Regel vor allem Verluste, sagt der Fachmann.

Tatsächlich brechen die Börsen europaweit gerade wieder einmal ein. Dazu gibt es Turbulenzen an den Anleihe- und Devisenmärkten. Italien zahlt für seine Verschuldung nun die höchsten Zinsen seit weit mehr als zehn Jahren. Und der Euro  rutschte deutlich unter die Marke von 1,40 Dollar - so tief wie seit vier Monaten nicht mehr.

Spiel auf ein Tor

Grund dafür ist eine neuerliche Zuspitzung der Euro-Schuldenkrise: Italien ist in den Fokus der Akteure an den Finanzmärkten geraten. Das Land hat einen Schuldenstand von etwa 120 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts - weniger als Griechenland zwar (rund 160 Prozent), dafür aber deutlich mehr als der größte Teil des restlichen Europas. An den Märkten wird offenbar darauf spekuliert, dass auch Italien Probleme bekommen könnte, aus eigener Kraft aus den roten Zahlen zu kommen.

Viele Ökonomen wundert diese Skepsis. Italien verfüge über ausreichend Wirtschaftskraft, ist zu hören. Die Neuverschuldung werde gerade zurückgeführt, sogar ein milliardenschweres Sparpaket habe die Regierung Berlusconi aufgelegt. Auch die Politik ist um Beschwichtigung bemüht.

Doch bislang ohne Erfolg, an den Märkten wird seit Anfang der Woche vor allem auf ein Tor gespielt: das italienische. Insbesondere aus italienischen Bankaktien flüchten die Anleger, denn die Institute halten einen Großteil der Staatsschulden des Landes. In der Folge geraten die Finanztitel in ganz Europa unter Druck - und mit ihnen die Aktienmärkte in Gänze.

Als neue Heimat für ihr Geld wählen viele Investoren die bekannten, vermeintlich sicheren Häfen: Staatsanleihen der Bundesrepublik Deutschland und Gold. So lag die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe zuletzt bei niedrigen 2,67 Prozent. Der Gold-Preis erreichte am Dienstag bei knapp 1119 Euro je Feinunze ein Rekordhoch.

Wichtig ist das Risikomanagement

Auch dafür hat manch ein Experte indes kein Verständnis. "Ich verstehe nicht, weshalb Gold als sicher gilt", sagt etwa Vermögensverwalter Peterreins. "Das hatte vielleicht vor 100 Jahren seine Berechtigung, als es noch den Goldstandard gab." Seinerzeit war Gold praktisch gleich Geld, so der Fachmann. Das sei aber lange vorbei.

Auch Bernd Hartmann, Anlagestratege von der VP Bank in Liechtenstein, ist bei Gold skeptisch. "Der gesamte Edelmetallsektor ist nach wie vor hoch bewertet", sagt er. "Insbesondere Gold ist bereits sehr teuer." Und auch deutsche Staatsanleihen hält der Investmentfachmann nicht für die beste Wahl.

Der Grund: Innerhalb Europas sind spätestens seit Gründung der milliardenschweren EU-Rettungsschirme alle Staaten auf fatale Weise miteinander verbunden. Deutschland beispielsweise bürgt für den größten Teil der Brüsseler Rettungskredite - fällt ein Darlehensnehmer aus, trifft das unweigerlich auch die Finanzlage der Bundesrepublik. "Vor dem Hintergrund die deutschen Staatsanleihen noch als unumstrittenen Hort der Sicherheit einzustufen, halte ich für nicht angebracht", sagt Experte Hartmann.

"Turbulenzen erreichen früher oder später jede Börse der Welt"

Auch die Aktienmärkte anderer Länder dürften nach seiner Ansicht kaum eine Alternative darstellen. "Wir beobachten seit Jahren eine zunehmende Vernetzung und Globalisierung der Märkte", so Hartmann. "Turbulenzen in Europa erreichen früher oder später nahezu jede Börse der Welt."

Was also tun? Wohin mit dem Geld? Hartmanns Rat: Wer auf Nummer sicher gehen will, könnte Staatsanleihen von Schweden oder Norwegen kaufen. "Dort sind die Staatshaushalte noch weitgehend in Ordnung und die Renditen sind auch gut", sagt der Fachmann.

Peterreins wird grundsätzlicher: "Entscheidend ist es, sich frühzeitig die richtigen Anlageziele zu setzen und die dafür geeignete Strategie sowie Anlagevehikel zu finden", sagt er. "Auf überraschende Marktentwicklungen wie die jetzige sollte man sich zudem a priori mit einem guten Risikomanagement vorbereiten." Eine Möglichkeit sei zum Beispiel, von vornherein bestimmte Maximalverluste zu definieren, bei denen Papiere automatisch abgestoßen würden.

Das allerdings hätte in der aktuellen Situation wohl ebenfalls vor allem eins zur Folge: Verkäufe und weitere Kursverluste.

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