Geldanlage Wo die Finanzindustrie kräftig abkassiert

Seit Wochen kaum Gewinne an der Börse, dazu niedrige Zinsen - wer Erfolg bei der Kapitalanlage haben will, sollte mehr denn je auf die Kosten achten. Mark Ortmann, Chef des Instituts für Transparenz in der Altersvorsorge, sagt, wo und wie die Finanzindustrie besonders kräftig abkassiert.
Wer den Pfennig nicht ehrt ... : Bei der Kapitalanlage geht es nicht nur darum, Rendite zu erzielen, sondern auch Kosten zu sparen

Wer den Pfennig nicht ehrt ... : Bei der Kapitalanlage geht es nicht nur darum, Rendite zu erzielen, sondern auch Kosten zu sparen

Foto: dpa

mm: Herr Ortmann, die Börse hat seit Ende der Wirtschaftskrise einen enormen Aufschwung hinter sich, tendiert nun aber seit Wochen seitwärts. Die Zinsen verharren gleichzeitig auf niedrigem Niveau. Würden Sie sagen, dass eine Kostenoptimierung im Depot zuletzt wichtiger geworden ist?

Ortmann: In erster Linie zählt natürlich die richtige Ausrichtung des Depots auf die Ziele und Bedürfnisse des Kunden. Im zweiten Schritt sollten aber passende Anlageinstrumente ausgewählt werden. Und da gilt: Alles, was ich nicht in Form von Gebühren oder Kosten ausgebe, brauche ich auch nicht durch entsprechende Renditen zu erwirtschaften.

mm: Anleger sollten also bei der Geldanlage grundsätzlich vor allem auf die Kosten achten?

Ortmann: Vor allem sollten sie wie gesagt darauf achten, dass die Anlage ihren Zielen entspricht. Bei der Auswahl des konkreten Investments sollte dann auf die Kosten geschaut werden. Niemand kann schließlich die Rendite einer Anlage vorhersehen. Die hängt von den Kapitalmärkten ab. Die Kosten stehen aber auf jeden Fall fest. Und die Erfahrung zeigt, dass sehr hohe Kosten bei Wertpapieren in der Regel nicht dauerhaft durch eine entsprechend höhere Wertentwicklung kompensiert werden können.

mm: Die Finanzindustrie macht es den Anlegern aber nicht eben leicht. Viele Anlageanbieter, zum Beispiel Versicherer, aber auch Fondsgesellschaften, tun nach wie vor viel, um die tatsächlichen Kosten ihrer Produkte zu verschleiern. Was kann ein Anleger tun, um sein Depot möglichst kostengünstig aufzustellen?

Ortmann: Es ist grundsätzlich ein probates Mittel, ETFs, passiv gemanagte Indexfonds also, zu kaufen. Diese sind auf der Kostenseite den aktiv gemanagten Produkten überlegen. Auf der anderen Seite schaffen es die wenigsten aktiv gemanagten Fonds, die höheren Kosten durch bessere Rendite herauszuholen. Und wenn es welche schaffen, dann weiß man erst hinterher, welche das waren. Wer selbst anlegt und sich auskennt, kann auch direkt Aktien erwerben, auch das spart Kosten. Dann muss sich der Anleger aber regelmäßig um seine Aktien kümmern. Und geht ein Unternehmen in die Insolvenz, kann der Anleger alles verlieren. Bei Fonds dagegen ist dieses Risiko auf viele Unternehmen verteilt.

mm: Viele Anleger wenden sich allerdings an Finanzberater oder Banken.

Ortmann: Richtig, irgendjemand muss sich um die Anlagen laufend kümmern, und auch das kostet Geld. Hat der Anleger selbst keine Zeit dafür, muss er einen Berater bezahlen. Hier gilt meiner Ansicht nach grundsätzlich: Um die Kosten richtig einschätzen zu können, muss zunächst größtmögliche Transparenz geschaffen werden. Ein Großteil des deutschen Finanzdienstleistungsgeschäfts basiert allerdings traditionell auf einem Provisionsmodell, bei dem die Bezahlung des Verkäufers oder Beraters in die Anlagesumme des Kunden eingerechnet ist. Dabei ist meist kaum oder nur schwer zu durchschauen, wie viel tatsächlich in das Investment fließt und wie viel in andere Kanäle.

mm: Nicht zu vergessen der Interessenkonflikt beim Berater.

Ortmann: Richtig, er soll ein gutes Produkt im Sinne des Anlegers verkaufen, unterliegt aber gleichzeitig dem Reiz, durch die Wahl des Produkts sein eigenes Einkommen steigern zu können. Außerdem müssen Bankberater ihre Absatzvorgaben erfüllen. Wer stets den Vorgaben hinterher hinkt, verliert seinen Job. Es gibt sicher Vermittler, die trotz Provisionen einen guten Job machen. Die dürften aber in der Minderheit sein.

mm: Eine Alternative ist die Honorarberatung, die hierzulande allerdings noch in den Kinderschuhen steckt.

Ortmann: Das stimmt. Die Beschäftigung eines Finanzberaters gegen ein Honorar, das nicht vom Verkauf von Finanzprodukten abhängt, ist grundsätzlich der vernünftigere Weg. In Deutschland sind die Anleger daran aber noch nicht gewöhnt. Honorarberatung ist zunächst mal frei von Produktinteressen. Mein Vorschlag ist folgender: Berater und Kunde müssen die Vergütung schriftlich vereinbaren. Dann ist es egal, ob der Kunde einen Stundensatz zahlt oder die Beratungskosten vom Produktanbieter einbehalten und an den Berater abgeführt werden. Honorarberatung wäre so sehr leicht durchzusetzen.

mm: Welche Anlageprodukte sind gegenwärtig in Hinblick auf die Kostentransparenz besonders zu empfehlen?

Ortmann: Eine echte Transparenz über Kosten und Leistungen gibt es noch bei sehr wenigen Produkten. Wenn ich etwas nennen muss, würde ich ETFs wählen, die sind fast immer günstig und kostentransparent.

"Vorsicht bei Zertifikaten und Dachfonds"

mm: Andersrum gefragt: Wovon würden Sie eher abraten?

Ortmann: Vor allem von Zertifikaten, insbesondere, wenn sie an den Kursindex anknüpfen. Auch Dachfonds sind meistens teuer und rechtfertigen die hohen Kosten oft nicht. Bei Versicherungen gilt: Immer wenn die Ablaufleistungen geschönt werden, sollte man die Finger davon lassen.

mm: Wie kann der Anleger denn erkennen, dass geschönt wird?

Ortmann: Er muss sich nur die Prognosen zur Entwicklung der Ablaufleistungen bei verschiedenen Renditeannahmen anschauen. Wenn bei einer angenommenen Rendite von 0 Prozent mehr herauskommen soll als man eingezahlt hat, kann etwas nicht mit rechten Dingen zugehen. Solche Fälle kommen aber tatsächlich vor, und zwar nicht selten.

mm: Ist das nicht ein Fall für die Finanzaufsicht?

Ortmann: Die Bafin ist nicht für Verbraucherschutz zuständig. Es gibt in Deutschland leider keinen Watchdog, der sich um die Einhaltung der Regeln im Interesse der Verbraucher kümmert. Eine solche Einrichtung brauchen wir, weil die Regulierung über die Zivilgerichte nicht funktioniert. Entweder wird nicht geklagt oder für die Branche negative Urteile werden durch Vergleich oder Anerkenntnis verhindert.

mm: Also ist der Gesetzgeber gefragt.

Ortmann: Ja, und einige Ansätze gibt es in Berlin ja auch bereits. Was wir brauchen, ist erstens: Ein einheitliches, einfaches Produktinformationsblatt verbindlich für alle Anbieter. Zweitens: Klare Vorgaben für Modellrechnungen. Drittens: Sämtliche Gebühren müssen zwischen Vermittler und Kunde schriftlich vereinbart werden. Viertens: Obergrenzen für Kosten staatlich geförderter Produkte. Und Fünftens: Eine Überwachungseinrichtung, finanziert durch die Branche. Eine regulierte Selbstregulierung also.

mm: Zum Schluss ein Tipp bitte: Was raten Sie Anlegern in der Frage der Kosten der Kapitalanlage?

Ortmann: Anleger sollten sich die Zeit nehmen, um den richtigen Berater zu suchen. Sie sollten explizit Fragen nach Kosten stellen und sich Einzelheiten erläutern lassen. Wenn keine klaren Antworten kommen, gibt es nur eins: Weitersuchen. Produkte sollten immer anhand der Effektivkosten verglichen werden. Diese Kostengröße umfasst alle Kosten, sowohl einmalige als auch laufende, und zwar auf allen Ebenen eines Investments. Wenn getrickst wird - Finger weg. Und Vorsicht bei Zertifikaten und Dachfonds.

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