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Verflogener Zauber: Gefährliche Rezessionsangst in Amerika

Foto: © Jim Young / Reuters/ Reuters

Schwaches US-Wachstum Fed-Magier Bernanke muss sich rechtfertigen

Es wird wohl die schwerste Rede seiner Amtszeit: Heute muss Amerikas Notenbankchef Ben Bernanke öffentlich erklären, wie er die US-Wirtschaft flott bekommen will. Doch der Zentralbanker scheint sein Pulver verschossen zu haben - und Amerika könnte über Jahre im Dümpel-Modus gefangen sein.
Von Markus Gärtner

New York - Steigende Arbeitslosigkeit und fallende Häuserpreise, lahmende Industrieproduktion und verunsicherte Konsumenten: Die US-Konjunktur stottert. So mancher Starökonom, darunter auch Nobelpreisträger Paul Krugman, fürchtet deshalb mittlerweile über Jahre hinaus quälend langsames Wachstum mit wiederholten Rückschlägen in den Vereinigten Staaten. Und ausgerechnet in diesem Moment muss Amerikas Notenbankchef Ben Bernanke öffentlich Stellung nehmen, wie er die US-Wirtschaft aus ihrer Lage befreien will. Schon bevor er seinen ersten Satz gesprochen hat, ist Amerika in tiefen Zynismus verfallen.

"Schickt die Zauberer herein", fordert beispielsweise das Finanzmagazin Barron's niedergeschlagen in seiner jüngsten Ausgabe. Kaum ein Zitat könnte vielsagender sein. Denn die US-Konjunktur wurde seit der Finanzkrise schon mit mehr als 2000 Milliarden Dollar von der Regierung Obama und von der Notenbank, von ihrem Chef Ben Bernanke, angeschoben. Und eine Zeit lang wurde Bernanke an der Börse tatsächlich von vielen als Magier gesehen, weil er mit seiner Geldpolitik trotz anhaltender Arbeitslosigkeit und schwacher Auslastung der Industrie die Börsenkurse nach oben trieb. Bernanke wurde zugetraut, den Karren aus dem Dreck zu ziehen - eine Zeit lang.

Doch die Bilanz im Jahr vier nach der Finanzkrise sieht anders aus. Die Arbeitslosigkeit ist zuletzt wieder auf 9,1 Prozent gestiegen. Die Häuserpreise fallen immer noch um ein Prozent pro Monat; sie haben dabei bereits mehr Wert zerstört als während der Großen Depression vor 80 Jahren. Die Benzinpreise liegen trotz der jüngsten Korrektur immer noch 34 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Das Konsumentenvertrauen, das die University of Michigan monatlich misst, brach im Mai stärker ein als ohnehin zuvor schon befürchtet worden war. Baubetriebe und Industriefirmen wollen angesichts verunsicherter Kunden nicht viel investieren. Der Zuwachs von 54.000 neuen Jobs im Mai war der schwächste in acht Monaten.

Kein Wunder, dass vor dem viel beachteten Bernanke-Auftritt am Mittwoch wieder sämtliche Kristallkugeln bemüht werden, doch Gutes scheint darin nicht aufzuleuchten. "Wir haben in der gewerblichen Fertigung wohl schon die Höchstwerte gesehen", sagt Tom Porcelli von RBC Capital Markets in New York - dabei waren die nie berauschend. Und jedermann weiß, wohin es geht, wenn man das Ende der Fahnenstange erreicht hat: nach unten.

Schlimmster Einschnitt seit Pearl Harbor

Der Industrieindex der Notenbank in Philadelphia jedenfalls ging schon im Mai auf das niedrigste Niveau seit sieben Monaten zurück. Laut dem Marktforscher Gallup sind 87 Prozent der Amerikaner jetzt unzufrieden darüber, welchen Weg ihr Land wirtschaftlich eingeschlagen hat. "Der scharfe Rückgang des Verbrauchervertrauens ist eine Folge des eingetrübten Jobmarkts, sechs Wochen fallender Börsenkurse und Ängsten über eine Flaute der Weltwirtschaft", heißt es bei Gallup zu diesen Zahlen.

Doch Ben Bernanke hat mit seinen riesigen Gelddruckprogrammen erst einmal sein Pulver verschossen. Und fiskalisch besteht auch nicht mehr viel Spielraum für die USA, die lahmende Wirtschaft anzuschieben. Denn in Washington ringen Republikaner und Demokraten in einer gemischten Kommission um ein Sparpaket, das die Ausgaben im Bundeshaushalt der USA in den kommenden zehn Jahren um mehrere Tausend Milliarden Dollar senken soll. Gelingt der Kraftakt nicht, könnte an den Anleihemärkten eine Panik ausbrechen. Standard & Poor's war am 19. April die erste Ratingagentur, die in den 70 Jahren seit Pearl Harbor den Ausblick für die Kreditwürdigkeit der USA herabstufte.

Eine Lösung beim Ringen um das Sparpaket ist nicht in Sicht, obwohl am 2. August laut Finanzminister Timothy Geithner die unwiderrufliche Anhebung des Schuldenlimits droht. Die nahende Präsidentenwahl Ende 2012 wirft jedoch schon ihre Schatten voraus. Der Wille zum Kompromiss ist auf beiden Seiten begrenzt, obwohl an den Finanzmärkten ein Orkan droht.

Daher wird der Auftritt von Fed-Chairman Ben Bernanke am Mittwoch um 14:15 Uhr Ortszeit in New York enorme Aufmerksamkeit finden. Es ist Bernankes zweite Pressekonferenz, seit er mehr Transparenz versprach. Für ihn ist die Aufgabe diesmal kniffliger als schon vor vier Wochen. Denn im Mai stieg auch noch die Inflationsrate in den USA überraschend stark auf ein Zweieinhalb-Jahreshoch von 3,6 Prozent. Und das bei einer Konjunktur, die erneut in die Knie geht.

Immobilienkrise bis zum Jahr 2073

"Anleger und Konsumenten sind nicht sicher, ob der Patient auf eigenen Füßen gehen kann, wenn die Krücken weggenommen werden", sagt Jim Dunigan, der Geschäftsführer beim Vermögensberater PNC Wealth Management in Pittsburgh mit Blick auf das auslaufende Anleihekaufprogramm der Fed. Erhebliche Zweifel hat auf jeden Fall der Internationale Währungsfonds, der in der vorigen Woche seine BIP-Prognose für die USA im laufenden Jahr von 2,8 Prozent auf 2,5 Prozent zurückschraubte; die Vorhersage war nur zwei Monate alt.

Auch die Investmentbank Goldman Sachs drosselt ihre Erwartungen deutlich. Für das zweite Quartal 2011 wird jetzt nicht mit einem Wachstum des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 3 Prozent gerechnet, sondern - wie am Wochenende bekannt wurde - nur noch mit 2 Prozent. Das ist ein Drittel weniger und kaum mehr als im schwachen ersten Quartal.

Auch bekannte Wirtschaftsexperten äußern sich pessimistisch über das US-Wachstum bis Jahresende und für 2012. "Die Prognosemodelle würden zu der Frage, ob uns ein Zurückfallen in die Rezession droht, nein sagen", erklärt der Yale-Professor Robert Shiller, von dem wichtige Indizes für den US-Immobilienmarkt stammen. "Aber ich sehe Zeichen, die mir Sorgen machen". In dieser Phase reicht ein unerwarteter externer Schock, ein sogenannter "Schwarzer Schwan", um die Konjunktur endgültig vom Gleis zu werfen. Genau das meinte in der vergangenen Woche der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan, als er warnte, eine Staatspleite in Griechenland würde "fast mit Sicherheit" eine US-Rezession auslösen.

Kein Wunder, dass vor dem viel beachteten Bernanke-Auftritt am Mittwoch wieder sämtliche Kristallkugeln bemüht werden. "Die Fed wird zugeben, dass die Konjunktur einen Durchhänger hat", sagt Christopher Proby, Chefökonom bei State Street Global Advisors in Boston voraus: "Aber die Fed wird auch sagen, dass sie im zweiten Halbjahr eine Beschleunigung des Wachstum vorhersieht." An Warnungen vor größerem konjunkturellen Ungemach mangelt es vor dem Bernanke-Auftritt am Mittwoch jedenfalls nicht.

Steigende Immobilienpreise frühestens Ende 2012

Einen weiteren Einbruch der Häuserpreise um 20 Prozent kann sich zum Beispiel der Wirtschaftsberater Gary Shilling vorstellen. Er wurde in den USA mit seinem Buch "Das Zeitalter der Entschuldung" bekannt. Laut Shilling stehen in den USA normalerweise etwa 2,5 Millionen Häuser zum Verkauf. Derzeit sind es jedoch vier Millionen. Und darin ist ein "Schattenbestand" von weiteren 500.000 Häusern, die vor der Zwangsversteigerung stehen, gar nicht berücksichtigt. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich der Immobilienmarkt erholen soll, bevor die schwer auf ihm lastenden Zwangsversteigerungen abgearbeitet sind, was Jahre dauern wird", sagt der Chefökonom Mark Vitner beim Brokerhaus Wells Fargo Secuities in Charlotte, North Carolina.

Wie viele Jahre es genau dauern wird, bis wichtige Regionalmärkte in den USA wieder auf die Beine kommen, das hat der Analysespezialist LPS Applied Analytics am Wochenende vorgerechnet: Bei aktuellem Versteigerungstempo in New York noch satte 62 Jahre. Demnach wäre die anhaltende Immobilienkrise bis 2073 abgearbeitet.

"Wenn Sie vor vier Jahren in der Zwangsversteigerung waren, hatten Sie nachts Angst, dass der Sheriff kommt und das Haus räumt", sagt LPS-Vizepräsident Herb Blecher, "doch jetzt brauchen Sie darüber keinen Schlaf mehr zu verlieren". Damit meint er die langen Wartezeiten.

Dass die Baugenehmigungen für neue Häuser sowie die Zahl neuer Baustellen im Mai wieder etwas zunahmen, hat vor diesem Hintergrund noch nicht all zu viele Hoffnungen auf eine baldige Erholung geweckt. Mark Zandi, als Chefökonom bei Moody's Analytics einer der angesehensten Immobilienexperten der USA, sieht den Sektor "nicht einmal in der Nähe einer Erholung". Zandi erwartet steigende Immobilienpreise frühestens Ende 2012. Bei sinkenden Realeinkommen und anhaltender Korrektur am Immobilienmarkt sagen Wirtschaftsprofis den US-Konsumenten magere Zeiten mit mehr Enthaltung voraus.

Keine dritte Runde massiver Geldschöpfung

So auch der Geschäftsführer Daniel Alpert bei der Investmentbank Westwood Capital in New York. Sein Geldhaus hat einen gemischten Index aus Umsätzen im Einzelhandel und der Entwicklung der Verbraucherkredite entwickelt. Das Barometer sagt den US-Konsumenten schon bald eine erneute Erschöpfung vorher. "Der Umsatz im Einzelhandel wird wie seit eh und je von Krediten angetrieben", sagt Alpert, "das ist begrenztes Wachstum. Für uns gibt es genügend Grund zu der Annahme, dass schon bald wieder ein Einbruch des Konsums ansteht, das könnte Ende 2011 durchaus ein unwillkommenes Weihnachts-Geschenk sein".

Ausgezehrte Konsumenten, eine ungenügende Industrieauslastung sowie ein anhaltend schwacher Immobiliensektor lassen auch andere Beobachter an einer baldigen Erholung der US-Konjunktur zweifeln, vor allem wenn die Gehhilfen von Stimuluspaketen und Geldschöpfung schwächer werden. "Es wird kein Wirtschaftserholung sein, die wie ein "W" verläuft, auch nicht, wie ein "V" und auch nicht, wie ein "L", sagt der Finanzinvestor Wilbur Ross in Anspielung auf die verschiedenen Erholungsmodelle. "Es wird vielmehr starke Monate geben, schwache Monate, eine zerbrechliche Wirtschaft". Noch deutlicher sagt es der Konjunkturexperte Sal Guatieri bei der Investmentbank BMO Capital Markets in Toronto: "Zwei Jahre nach der Großen Rezession ist es kristallklar geworden, dass der Weg aus einer Finanzkrise heraus nicht in Quartalen gemessen wird, sondern in Jahren".

Was den Auftritt von Bernanke am Mittwoch angeht, da gibt es relativ viel Übereinstimmung. Der Fed-Chairman wird Probleme mit der Konjunktur einräumen, mehr Wachstum im zweiten Halbjahr in Aussicht stellen und QE2 Ende Juni wirklich auslaufen lassen. Eine dritte Runde massiver Geldschöpfung soll es vorerst jedoch nicht geben. "Zinserträge aus den schon gekauften Anleihen werden vielleicht weiter in neue Papiere investiert", sagt der ING-Ökonom Rob Carnell, "aber es gibt kein QE3". Und Julia Coronado bei BNP Paribas erinnert an das Umfeld, in dem die Fed im November 2010 QE2 startete. Das war steigende Arbeitslosigkeit, fallende Inflation und sinkende Inflationserwartungen.

Davon sind die USA derzeit weit entfernt. "Im Gegensatz zum vergangenen Jahr wird sich die US-Wirtschaft selbst durch diese Delle durchwursteln müssen", sagt Coronado, "die Politik hat keinen Spielraum mehr".

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