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Neue Geldmächte: Wie Asien dem Westen das Wasser abgräbt

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Brisante Finanzströme Asien bedrängt den Westen als Börsenmacht

Diese Entwicklung könnte die Weltwirtschaft in Windeseile auf den Kopf stellen: Die Finanzströme auf dem Globus werden radikal Richtung Asien umdirigiert. Schon schießt dort die Zahl der Börsengänge gewaltig in die Höhe - zulasten und mit unabsehbaren Folgen für den Westen.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Die britische Großbank HSBC  will australischen Kunden Finanzprodukte in chinesischen Renminbi verkaufen: Damit diese das Währungsrisiko bei Rohstofflieferungen nach China zähmen können. Coca-Cola , der größte Softdrinkhersteller der Welt, will Aktien in Shanghai ausgeben. Prada und Samsonite führen einen jungen Tross europäischer Firmen an die Börse von Hongkong: Sie wollen ihr Markenprofil in Ostasien stärken und bei lokalen Banken - vor allem in China - leichter an Kredite herankommen. - Willkommen in der verkehrten neuen Finanzwelt.

"Ich wollte nicht in Mailand an die Börse", erzählt die ebenso rebellische wie visionäre Chefdesignerin des Luxuskonzerns Prada, Miuccia Prada. Ihre Begründung: "In Asien liegt jetzt die Zukunft". Das sagte die 63-Jährige auch den entsetzten italienischen Banken, ohne ihre kräftigen Augenbrauen zu verziehen. Die Ex-Kommunistin weiß, dass die ehemals britische Kolonie Hongkong im vergangenen Jahr zum größten Markt für Börsengänge in der Welt aufgestiegen ist. Am 24. Juni werden die neuen Anteilsscheine des Edeltaschenkonzerns erstmals an der Kurstafel in Hongkong angeschrieben. Das ist mehr als ein Symbol.

Die Finanzströme auf dem Globus werden derzeit in Windeseile umdirigiert. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Kräftige Investitionen westlicher Firmen in Asien verlangen nach lokaler Finanzierung. Chinas Reformen erzwingen die rasante Ausbreitung des Renminbi. Dessen Anteil an den Bankeinlagen in Hongkong hat sich binnen vier Jahren von 1 Prozent auf 8 Prozent erhöht. Währenddessen verlangt die rasante Globalisierung aufsteigender asiatischer Firmen eine komplexere Währungsabsicherung von Exportgeschäften.

Mehr noch: Chinesische Firmen bemühen sich bis hin nach Brasilien bereits um Börsengänge, um dort Kapital für ihre globale Expansion einzusammeln. Und die stark anwachsende Mittelschicht in Asien will nicht nur Staatsanleihen von Provinzregierungen in Anhui oder die Aktien lokaler Molkereien kaufen. Sie wollen auch Immobilien in New York oder Vancouver und London besitzen und dazu BMW-Aktien  oder Dividendenwerte von Apple  ins Depot legen. Das Resultat: Börsengänge in Asien haben sich zu einer Springflut entwickelt, die Bondmärkte in Fernost brummen. Chinas Bankenmarkt soll bis zum Jahr 2023 laut PricewaterhouseCoopers die USA überholen.

Jeder vierte Konzern plant einen Börsengang in Übersee

Das ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Vermögensverwalter BNY Mellon in New York befragte kürzlich seine größten Firmenkunden über neue Finanzierungsaktivitäten. Danach plant schon jetzt jeder vierte Konzern einen Börsengang in Übersee statt im heimischen New York. "Wir leben jetzt in einer Welt, die nicht länger von entwickelten Märkten dominiert wird", geben dann auch die Firmenberater von Ernst & Young in nüchternen Worten zu Protokoll, was der globalisierten Wirtschaft den größten Einschnitt seit Langem bringen kann. Denn zu welcher Erosion dieser Trend für die etablierten Finanzplätze führen kann, sieht man an den US-Börsen - die im globalen Geschäft mit den Börsengängen rasant an Boden verlieren.

Der Weltverband der Börsenbetreiber weist in seinen Monatsstatistiken seit Januar 27 Börsengänge an der NYSE Euronext  aus, aber 113 in Shanghai und Shenzhen. Das sind vier Mal so viele. Im ersten Quartal fanden dem Volumen nach 11,9 Prozent der weltweiten Börsendebüts an US-Börsen statt. Vor zwei Jahren waren es noch knapp 17 Prozent gewesen. Von Januar bis März entscheiden sich zudem 7,7 Prozent der US-Börsenaspiranten für den Weg ins Ausland.

Doppelt so viele wie in den zehn Jahren bis 2006, heißt es bei der Research-Organisation Committee on Capital Markets Regulation. Und der US-Anteil an der globalen Marktkapitalisierung - in den zehn Jahren bis 2006 noch bei satten 45,7 Prozent - ist jetzt auf 32 Prozent gesunken. Unter den zehn beliebtesten Börsenplätzen der Welt rangieren laut dem Börsenweltverband jetzt fünf aus Fernost.

Export von Finanzarbeitsplätzen nach Asien

Die Folgen davon sind für den Westen, für die Wall Street ebenso wie für London und Frankfurt am Main, nicht trivial. Mit dem Gang an ausländische, asiatische Börsenplätze, gehen schlimmstenfalls auch Arbeitsplätze in diese Richtung verloren. Zumindest aber werden neue nicht in Nordamerika und Europa geschaffen. Und man muss auch mit Dividendenzahlungen rechnen, die nicht an hiesige Anleger ausgezahlt werden. Und Forschung, die in den aufsteigenden Märkten Innovationen - und damit noch mehr Vermögen - erzeugt. Es gibt weitere Beispiele, die diesen gefährlichen Wandel zeigen.

Der Umsatz mit elektronischen Orderbüchern beispielsweise ist im Raum Asien-Pazifik bereits zwei Mal so groß wie in Europa. Die Zahl der gehandelten Aktien ist bereits drei Mal so hoch wie in Nordamerika. Einer der wichtigsten Treiber ist China: Die Volksrepublik will ihre Staatsbanken vor einer halsbrecherischen Kreditexpansion bewahren und einen Finanzkollaps von vornherein vermeiden. Das spielt den Fernostbörsen mit Reformen und beschleunigten Börsengängen in die Hände.

Den Versuch, die Liquidität zu erhöhen und die Expansion zu flankieren, gibt es in weiten Teilen Asiens auch an den Bondmärkten. Diese haben mit 5000 Milliarden Dollar zwar erst 8 Prozent vom Weltmarkt erobert, sagt der Anleihechef bei State Street Global Advisors, Kheng-siang Ng, aber die Zuwächse sind enorm. Was diesem Segment in Asien hilft, sind höhere Zinsen und eine niedrige Verschuldung, die sich besonders im Lichte des Sparpokers in Washington und der eskalierenden Staatsschuldenkrise in Europa zunehmend als Trumpfkarte erweist.

Indonesien musste im Frühjahr die Ausgabe kurz laufender Anleihen sogar drosseln, weil ausländische Fonds 30 Prozent Marktanteil erreicht hatten und die Angst vor wachsender Volatilität zunimmt. Das südostasiatische Land weist mit 20 Prozent am Bruttoinlandsprodukt eine der niedrigsten Verschuldungsraten der Welt auf. Was den Bondmärkten zwischen Singapur, Shanghai und Seoul ebenfalls Liquidität zuspült, sind die Aussichten auf Wechselkursgewinne der lokalen Währungen.

Westliche Renditejäger und solide Wachstumsperspektiven bezeichnet auch Moody's im jüngsten "Stresstest für die Asien-Märkte" als zwei ganz entscheidende Treiber lokaler Finanzmärkte. Asiens Banken bewegen sich in diesem Markt wie in einem Dopingcocktail: Die sieben führenden Schwellenmärkte sollen laut der neuen "Banking in 2050"-Prognose von PricewaterhouseCoopers bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts die G7 überholen, bevor sie den Westen bis zur Mitte des Jahrhunderts ganz abhängen.

Schwellenländer erhalten riesige Direktinvestitionen

Immer stärker umdirigiert werden in diesem dynamischen Umfeld auch die grenzüberschreitenden Direktinvestitionen. Die Berater von Ernst & Young stellen dazu lapidar fest, "die Welt erlebt eine wachsende Zahl wichtiger ökonomischer Einflusssphären". Demnach zogen die Schwellenländer 2010 erstmals über die Hälfte der internationalen Direktinvestitionen auf sich, mit Zuwachsraten von 31 Prozent im Falle Indiens. Firmen aus Asien-Pazifik bestritten 2009 zum Beispiel auch im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen 18 Prozent des globalen Volumens, doppelt so viel wie in den 90er Jahren. "Akquisitionen von europäischen Unternehmen durch Firmen aus Fernost nehmen weiter zu", heißt es bei der Boston Consulting Group.

Währenddessen will China ausländischen Firmen immer mehr Offshore-Geschäft mit dem Renminbi ermöglichen. Die Kalkulation dahinter ist schlicht: Chinesische Firmen, die Renmibi nach Hause bringen, spekulieren am Immobilienmarkt und blähen das lokale Bankensystem auf. Das treibt die Kreditmenge an und damit die Inflation. Ausländische Firmen nutzen ihre Renminbi aus den Offshore-Konten, um zu investieren und Handel zu finanzieren. Das sorgt in Peking für weitaus wenig Kopfzerbrechen, verhilft aber der chinesischen Währung zu einer stärkeren Verbreitung.

Westliche Banken, die sich in der Finanzkrise in Europa und den USA die Finger verbrannt haben, freuen sich über das neue Geschäft in den jungen Boomländern. Allerdings können sie auch dort ganz schnell schlimme Erfahrungen machen. So wie die Deutsche Bank  Ende Mai mit der Modeikone und Star-Bloggerin Hung Huang. Hungs Mutter übersetzte für Mao Zedong, bevor Rote Garden sie ins Gefängnis warfen, ihr Stiefvater war Außenminister. Durch ihr populäres Modemagazin "I-Look" und sicher auch durch gute Kontakte kam sie zu einigem Wohlstand. Mit der Deutschen Bank scheint sie jüngst aber Geld verloren zu haben und rächte sich an dem deutschen Geldhaus mit einem bissigen Blogeintrag:

"Die Deutsche bietet den schlechtesten Privatbankenservice in der Welt und hat mich fast in eine Proletarierin verwandelt", beschwerte sich Hung, die als Chinas Oprah Winfrey gilt. In der chinesischen Version von Twitter, auf Sina Weibo, folgen ihr 2,7 Millionen Menschen.

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