Internetradio Investoren reißen sich um Online-Radio Pandora

Das Internetradio Pandora hat noch keinen Cent Gewinn erwirtschaftet - doch Investoren reißen sich um die Aktie. Zum Börsengang legt das Papier zeitweise um mehr als 60 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis zu. Damit wäre Pandora mehr als 4 Milliarden Dollar wert. Die Angst vor der nächsten Blase steigt.
Elektrisiert: Radio im Internet lockt Investoren

Elektrisiert: Radio im Internet lockt Investoren

Foto: dpa

New York - Die nächste Internetfirma mit einer satten Milliardenbewertung ist da. Das Onlineradio Pandora Media hat seinen Ausgabepreis kurz vor dem Börsengang in den USA noch einmal hochgeschraubt und auf 16 Dollar festgesetzt. Damit kam das bislang noch defizitäre Unternehmen bereits auf einen Wert von 2,6 Milliarden Dollar.

Doch damit nicht genug. Binnen der ersten Minuten Handel nach dem IPO kletterte die Aktie bis auf 26 US-Dollar - ein Plus von mehr als 60 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis. Dies entspräche einer Bewertung von mehr als 4 Milliarden Dollar, Pandora wird damit höher bewertet als zum Beispiel AOL.

Dabei schreibt Pandora noch Millionenverluste. Angesichts weiterer teurer Börsengänge fühlen sich Marktbeobachter an die späten 90er-Jahre erinnert.

Das Preisschild wirkt wie eine Ohrfeige für die alte Musikindustrie: Die Plattenfirma Warner Music, das Zuhause von Künstlern wie Phil Collins oder Eric Clapton, wurde jüngst für nur 1,3 Milliarden Dollar verkauft. Allerdings musste der Käufer, ein russischstämmiger Geschäftsmann, bei Warner Music  auch noch fast zwei Milliarden Dollar Schulden übernehmen.

Bewertungen steigen innerhalb kürzester Zeit

Noch im April sollten die Anteile von Pandora 7 bis 9 Dollar kosten, vergangene Woche ging die Firma auf zehn bis zwölf Dollar hoch. Als Börsenkürzel bekommt Pandora den Buchstaben P.

Der Dienst ist eine Art Internetradio, dass sich auf den Musikgeschmack einstellt. Das Erstaunliche an der Milliarden-Bewertung ist: Pandora schreibt nach wie vor rote Zahlen und konnte bisher mit der Musikbranche nur US-Lizenzen aushandeln. Dort ist die kalifornische Firma aber stark. Laut Marktforschern hält Pandora etwa die Hälfte des Marktes für Internetradio in den USA.

Wegen eines Gebührenstreits mit der Musikindustrie stand Pandora 2007 schon kurz vor dem Aus. Der Erfolg der App für das iPhone von Apple brachte die Firma aber zurück ins Spiel.

LinkedIn hat sich mehr als verdoppelt, Facebook bei 100 Milliarden Dollar

Mit den Einnahmen aus dem Börsengang könnte Pandora auch andere Länder ins Visier nehmen sowie versuchen, etwa auf Autoradios vorzustoßen. Die Lizenzgebühren für die Musikstücke sind die schwerste Last, die Pandora schultern muss. Geld bringt vor allem Werbung herein.

Im April hatte Pandora nach eigenen Angaben 90 Millionen registrierte Nutzer. Jede Sekunde komme ein neuer hinzu, hieß es. Im ersten Geschäftsquartal von Februar bis April verdoppelte sich der Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 51 Millionen Dollar. Noch schreibt Pandora aber Verluste, zuletzt mehr als 9 Millionen Dollar.

Rote Zahlen hat Pandora mit vielen Internetfirmen gemein, die Investoren setzen aber auf ein weiterhin rapides Wachstum und klingelnde Kassen in der Zukunft.

90 Millionen registrierte Pandora-Nutzer - Analysten streiten über Modell

Pandora Media bietet seinen Hörern ein Musikprogramm, das sich diese nach eigenem Geschmack zusammenstellen können. Die 90 Millionen registrierten Nutzer können die Musik über Computer, Smartphone oder im Auto hören. Dazu gibt es Partnerschaften mit Ford, General Motors und Mercedes-Benz. Seine Einnahmen bezieht der im kalifornischen Oakland ansässige Radiosender aus Werbung. Für die Musikstücke muss er Tantiemen in beträchtlicher Höhe zahlen.

Dass sich mit dieser Geschäftsidee auf Dauer Geld verdienen lässt, ist für Branchenexperten noch nicht ausgemachte Sache. "Ich denke, das Modell von Pandora wird sich noch entwickeln", sagte Wedbush-Analyst Michael Pachter. Skeptischer äußerten sich die Kollegen von Morningstar. Ihrer Auffassung nach hat sich das Umsatzmodell noch nicht bewährt. Sie verweisen auf die Macht der Musikkonzerne und den harten Wettbewerb im Musik-Geschäft.

Angst vor neuer Internet-Blase

Das berufsorientierte Netzwerk LinkedIn  , der chinesische Facebook-Konkurrent Renren und die russische Suchmaschine Yandex legten glänzende Marktauftritte hin. Viele Investoren fiebern möglichen Börsenlistings von Internet-Riesen wie Facebook und Twitter entgegen. Das soziale Netzwerk Facebook will US-Medien zufolge bei einem Börsengang 2012 alle Rekorde brechen und strebt eine Bewertung von rund 100 Milliarden Dollar an - ein Drittel mehr als bislang geschätzt.

Nach monatelangen Spekulationen macht zudem das rasant wachsende US-Schnäppchenportal Groupon mit seinen Börsenplänen ernst. Das vor zweieinhalb Jahren gegründete Unternehmen stellte in der vergangenen Woche einen IPO-Antrag. Groupon peilt Einnahmen von 750 Millionen Dollar an, nannte aber keine weiteren Einzelheiten. Das Unternehmen, das mit seinen Online-Sonderangeboten bisher noch keinen Gewinn gemacht hat, will vom regen Interesse der Investoren an Internet-Firmen profitieren, das derzeit so groß ist wie seit dem Platzen der "Dotcom-Blase" vor zehn Jahren nicht mehr. Umgekehrt gilt der Verlauf des Groupon-Börsengangs als Indikator dafür, ob die Web-Branche inzwischen wieder überbewertet wird.

nis/la/dpa-afx
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