Vermögen Erben streiten um Milliarden

Das Vermögen der privaten Haushalte in Deutschland wächst rasant und mit ihm wächst eine neue Erbengeneration heran. Mehr als 200 Milliarden Euro stehen jährlich zur Verteilung an. Doch die neuen Erben sind schlecht vorbereitet und streiten - auch weil die Erblasser fatale Fehler machen.
Hamburg, Stadt der Millionäre: Viele übertragen ihr Erbe Stück für Stück schon zu Lebzeiten. Dennoch kassiert der Fiskus in dem reichen Stadtstaat mit 153 Euro pro Kopf so viel Erbschaftsteuer wie nirgendwo sonst in der Republik

Hamburg, Stadt der Millionäre: Viele übertragen ihr Erbe Stück für Stück schon zu Lebzeiten. Dennoch kassiert der Fiskus in dem reichen Stadtstaat mit 153 Euro pro Kopf so viel Erbschaftsteuer wie nirgendwo sonst in der Republik

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

Hamburg - Es war lediglich eine kleine Ankündigung in dem Münchener Wochenanzeiger. Der Hotelsaal im feinen Stadtteil Bogenhausen bietet 150 Sitzplätze, doppelt so viele Menschen kommen. Sie wollen wissen, wie man ein "kluges Testament" verfasst.

Das bedeutet: Sie wollen wissen, wie man möglichst am Fiskus vorbei vererbt, was es mit der "Pflichtteilsreform" oder der kürzlich beschlossenen erbrechtlichen Gleichstellung nichtehelicher Kinder auf sich hat. Interesse und Verunsicherung an diesem Abend sind enorm. Erbrecht und Erbschaftssteuerrecht, so scheint es, sind eine ständige Baustelle der Politik, die keiner mehr überblickt.

Kostenlose Erbrechtstage für "Laien" veranstaltet das "Deutsche Forum für Erbrecht" deutschlandweit. "Das Thema Erben und Vererben gewinnt für viele Menschen eine immer größere Bedeutung", sagt Anton Steiner, Präsident des gemeinnützigen Vereins, der sich mit rund 650 Mitgliedern im In- und Ausland zu den "verbreitetsten und bekanntesten Erbrechtsorganisationen der Welt" zählt.

Dabei spielt die Höhe der möglichen Erbschaft offenbar nur eine untergeordnete Rolle für das steigende Interesse. Nicht nur in Bayern, wo der Fiskus im vergangenen Jahr so viel Erbschaftsteuer von seinen Bürgern kassierte wie alle neuen Bundesländer zusammen, kommen die Zuhörer in Scharen. Geht es um die bange Frage, ob das Sparguthaben und das kleine Häuschen steuerfrei verschenkt oder vererbt werden können, füllen sich die Säle von Hamburg über München bis nach Gera.

Große Teile herkömmlicher Erbschaften sind steuerbefreit

Dabei braucht es eigentlich nicht viel Fantasie sich vorzustellen, dass der Fiskus in der Mehrzahl der herkömmlichen Erbfälle leer ausgeht. Grund sind die zuletzt angehobenen allgemeinen Freibetragsgrenzen auf bis zu 500.000 Euro für Ehegatten und 400.000 Euro für Kinder sowie die großzügigen Sonderregelungen für das Vererben von Eigenheimen an Ehegatten oder Kinder.

Das dürfte erst recht für eher strukturschwache und weniger prosperierende Regionen gelten. Während der Fiskus im reichen Hamburg im vergangenen Jahr von jedem seiner Einwohner im Schnitt 153 Euro Erbschaftsteuer kassierte, in Baden-Württemberg rund 78 Euro und in Bayern etwa 75 Euro, waren es in Thüringen lediglich 6,5o Euro. In Sachsen-Anhalt konnten die Steuerbehörden im Schnitt gerade nur noch rund 4 Euro Erbschaftsteuer pro Kopf eintreiben.

Dennoch gewinnt das Thema auch für breitere Teile der Bevölkerung an Bedeutung. Erbschaften fallen schon längst nicht mehr nur in vermögenden Haushalten an, wie die Postbank in einer Studie feststellt. So gibt knapp ein Drittel aller Bundesbürger an, bereits mindestens einmal geerbt zu haben. Zudem erwartet etwa ein weiteres Viertel der Bürger in den kommenden zehn bis 20 Jahren eine Erbschaft, hat Allensbach für die Bank repräsentativ nachgefragt.

Erbschaftsvolumen steigt 2011 auf 233 Milliarden Euro

Die steigende Erwartungshaltung der Bürger hält die Bank für begründet und sieht dafür mehrere Aspekte. Zum einen habe sich das Gesamtvermögen der privaten Haushalte in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr als verdoppelt, teilt das Institut auf Nachfrage von manager magazin ergänzend mit. Allein in diesem Jahr dürfte es um 265 Milliarden Euro auf dann 11.650 Milliarden Euro wachsen, rechnen die Volkswirte der Bank vor.

Zum anderen wachse die Zahl der Sterbe- und damit auch der potentiellen Erbfälle in Deutschland kontinuierlich. Im Jahr 2020 etwa werde sie um 11 Prozent höher liegen als noch 2010.

In welcher Höhe Vermögenswerte in Deutschland tatsächlich aber jedes Jahr verschenkt oder vererbt werden - und sei es "nur" das Elternhaus sowie das elterliche Sparkonto - ist jedoch schwer einzuschätzen, sagt Steiner. Das liege einerseits an der stark abweichenden Bewertung von Vermögen, wie dies Erbstreitigkeiten immer wieder zeigten. Andererseits werde ein Großteil des vererbten Vermögens aus verschiedenen Gründen steuerlich nicht erfasst.

Nicht nur potentiellen Erben fehlt das Wissen

Nach eigenen Berechnungen und Schätzungen der Postbank dürfte das Volumen der Erbschaften in diesem Jahr rund 233 Milliarden Euro betragen und bis 2020 auf geschätzte 330 Milliarden Euro steigen. Zu diesem Zeitpunkt dürfte das zu vererbende Volumen damit auf mehr als das Vierfache des Jahres 1990 (76 Milliarden Euro) gestiegen sein.

Das können nur Näherungswerte sein. Eine Vermögenssteuer, die detailliertere Aussagen zu Vermögenswerten und damit zu potentiellen Erbvolumina zuließe, wird in Deutschland seit 1997 nicht mehr erhoben. Zahlen zum Aufkommen der erhobenen Erbschaftsteuer aber scheinen die Schätzungen zu untermauern, auch wenn die Steuer wegen der Freibeträge viele Vermögenswerte gar nicht erst erfasst. So hat sich das Aufkommen an Erbschaftsteuer zwischen 1990 und 2010 auf 4,3 Milliarden Euro nahezu verdreifacht. Für das Jahr 2012 prognostiziert der Arbeitskreis Steuerschätzung einen Anstieg um weitere 300 Milliarden Euro auf dann rund 4,6 Milliarden Euro.

Bei aller Ungenauigkeit von Prognosen ist der Schluss zulässig: Den Erben in Deutschland werden künftig deutlich mehr Vermögenswerte zufließen und der Fiskus wird daran verdienen. Zugleich ist die Materie komplizierter als sie sich für manchen Erblasser und Erben darstellt. Das Wissen der Bürger bereits über grundlegende Begriffe wie etwa gesetzliche Erbfolge, Testament oder Pflichtteil ist mit erheblichen Lücken besetzt, wie die Postbank-Studie formuliert.

Millionenvermögen mal schnell im Krankenwagen verteilt

Gleichwohl aber plant nicht einmal jeder dritte der künftigen Erben, sich bei der Nutzung des anstehenden Erbes außerhalb des eigenen Familien- und Freundeskreises professionellen Rat einzuholen. "Viele Menschen empfinden das Thema als unangenehm. Sie fürchten hohe Kosten, scheuen sich fachmännischen Rat einzukaufen und gehen das Thema viel zu spät an", berichtet Steiner aus eigener Praxis.

Nicht selten verließen sich die Vererbenden darauf, dass ihr selbst erstelltes Testament wirksam und die Nachlassfrage damit unstrittig geklärt sei. Die Praxiserfahrung und die Statistik zeichnen ein anderes Bild. Laut Studie kommt es mittlerweile bei 17 Prozent der Fälle zum Streit - also nahezu jeder sechsten Erbschaft in Deutschland. Forumspräsident und Erbrechtsspezialist Steiner hält die Zahl für zu gering. Seiner Einschätzung nach seien es 25 bis 30 Prozent der Fälle.

Zu Streit kommt es öfter unter jüngeren Erben unter 50 Jahren (21 Prozent) als bei älteren über 65 Jahren (13 Prozent), was Steiner auch auf die zunehmende Anzahl neuer und im Zweifelsfall weniger vom Zusammenhalt geprägter Familienstrukturen (Patchworkfamilien) zurückführt.

Ungültiges Testament sorgt in vielen Fällen für erbitterten Streit

Der Streit bricht laut Studie um so öfter aus, je höher der Wert des Vermögens ist: Ab 100.000 Euro Vermögen zanken die Erben in jedem vierten Fall (26 Prozent), bei niedrigen Erbschaften von unter 25.000 sind es lediglich 16 Prozent. Doch auch bei kleineren Erbschaften "wird sehr oft erbittert gestritten", weiß Steiner.

Die Beteiligten führen den Disput vor allem darauf zurück (Mehrfachnennungen möglich), dass sich einige Hinterbliebenen benachteiligt fühlten (73 Prozent), man sich untereinander schon zuvor nicht verstanden habe (57 Prozent) oder es kein gültiges Testament gibt und unklar sei, wer was erbt (47 Prozent). Die letzte Kennziffer bedeutet im Umkehrschluss: Lediglich in 53 Prozent der Erbfälle liegt ein gültiges Testament vor.

Das dürfte nicht nur Laien erstaunen. Dabei ist ein unwirksames und/oder fehlendes Testament keineswegs ein Streitpunkt, der lediglich geringe Erbschaften betrifft, wie man vermuten könnte. Bei großen Vermögen regelten potentielle Erblasser ihren Nachlass zwar frühzeitig und zumeist unstrittig, sagt Steiner. Aber eben nicht immer: So berichtet der Münchener Erbrechtsexperte von einem älteren Unternehmer, der noch im Krankenwagen sein Testament schnell handschriftlich zu Papier brachte und damit sein dreistelliges Millionenerbe geregelt glaubte.

Das ging aber prompt schief und der folgende Erbstreit schließlich durch drei Instanzen: Der Multimillionär hatte sich "furchtbar missverständlich" in seinem Testament ausgedrückt ...

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