Neuer Anlageskandal um ACI Berlin bekommt Graumarkt nicht in den Griff

Mit der Gütersloher Alternativ Capital Invest hat wohl erneut ein Fondsanbieter Investorengelder in Millionenhöhe vernichtet. Ein neuer Anlageskandal mit erschreckenden Details. Und die geplanten Schutzgesetze, mit denen die Bundesregierung gegensteuern will, greifen offenbar zu kurz.
Unzureichende Regulierung: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Wirtschaftminister Rainer Brüderle (FDP) mühen sich mit dem Anlegerschutz ab

Unzureichende Regulierung: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Wirtschaftminister Rainer Brüderle (FDP) mühen sich mit dem Anlegerschutz ab

Foto: THOMAS PETER/ REUTERS

Hamburg - Die Entfernung zwischen Berlin und Gütersloh beträgt gut 400 Kilometer, Luftlinie. Geht es um den Anlegerschutz, rücken die beiden Städte derzeit jedoch deutlich enger zusammen. In der Hauptstadt nämlich wird ein Gesetz vorbereitet, mit dem Privatinvestoren vor den Umtrieben unseriöser Anbieter von Vermögensanlagen wie Genussrechten oder geschlossenen Fonds geschützt werden sollen. Und in Gütersloh müht sich zeitgleich die Justiz damit ab, in genau dieser Branche einen neuen Anlageskandal aufzuarbeiten.

Es wäre beileibe nicht der erste. Auf mehr als 20 Milliarden Euro beziffert das Bundeskriminalamt regelmäßig den Schaden, der Anlegern jährlich am so genannten grauen Kapitalmarkt entsteht. Und selbst dabei handelt es sich bestenfalls um einen Näherungswert - die tatsächliche Summe könnte deutlich höher sein. Unseriöse Geschäftemacher und Kriminelle fühlen sich offenbar stark angezogen von jenem sumpfigen Teil der Finanzbranche, in dem bislang kaum ein Gesetz oder eine Behörde für Ordnung sorgen.

Diesmal richtet sich der Verdacht gegen den Gütersloher Fondsanbieter Alternative Capital Invest (ACI), deutschlandweit in der Vergangenheit wohl größter Anbieter geschlossener Dubai-Immobilienfonds. Mehr als 8000 Anleger haben in den vergangenen Jahren mehr als 200 Millionen Euro in Beteiligungsgesellschaften des Unternehmens investiert. Projekte mit einem Volumen von mehr als 600 Millionen Euro sollten mit dem Geld realisiert werden.

Wohl gemerkt: Sie sollten. Viel ist daraus bislang nicht geworden. Stattdessen streiten sich die Investoren schon seit längerem mit dem Management herum. Dem war 2010 die Liquidation von vier der sieben ACI-Fonds misslungen. 2010 mussten die vier Gesellschaften Insolvenz anmelden.

Finanzvertrieb wird großzügig vergütet

Als wäre das noch nicht genug, hat sich inzwischen auch die Justiz der Sache angenommen: Die Staatsanwaltschaft Bielefeld wirft den beiden Köpfen des Hauses, Hanns-Uwe L. und Sohn Robin, Kapitalanlagebetrug in drei Fällen vor und erhebt deshalb Anklage.

Ein Blick in die Anklageschrift, die manager magazin vorliegt, zeigt, wie skrupellos offenbar in diesem Markt mitunter nach wie vor agiert wird. So sollen die Beschuldigten bei der Prospektierung der Fonds ACI III, IV und V Immobilien-Verkaufsprovisionen, Werbekosten und Gebühren für Markenrechte nicht korrekt ausgewiesen haben. Und das in gehörigem Umfang.

Ein besonders krasses Beispiel bietet der Fonds Nummer V, den Anleger 2007 mit 18,5 Millionen Euro Eigenkapital ausstatteten. Schon dem Verkaufsprospekt des Fonds war - bei gründlicher Lektüre - zu entnehmen, dass ein Großteil dieses Geldes keineswegs für die propagierte Immobilieninvestition, einen 23-stöckigen Büroturm namens "Victory-Bay Tower" in Dubai, vorgesehen war. Zunächst wurden damit vielmehr die Vertriebspartner von ACI vergütet - und zwar in branchenüblich großzügigem Stil. Allein 10 Prozent der Anlegergelder durften die Verkäufer für sich behalten, zuzüglich zum Agio von in der Regel 5 Prozent.

Dazu kamen weitere Aufwendungen, von denen viele wiederum beim Initiator oder in dessen Nähe landeten. Die ACI-Tochter in Dubai etwa erhielt eine Courtage für die Vermittlung von Grund und Boden. Ebenso wurde dem Fonds eine eigens gegründete Betriebstätte in Dubai in Rechnung gestellt. Kostenpunkt allein dafür: 900.000 Euro. Hinzu kamen die obligatorischen Zahlungen für die Prospekterstellung, für die Rechts- und Steuerberatung sowie das Honorar für die Geschäftsführung.

7.278.725,91 Euro Kosten im Verkaufsprospekt nicht erwähnt

Alles in allem summieren sich die nicht mit dem Immobilieninvestment verbundenen Kosten, die im Prospekt aufgelistet sind, beim ACI V auf mehr als 20 Prozent des Anlegerkapitals, und zwar ohne das Agio. Ein großzügiger Griff in die Kasse also, allerdings wohl ein legaler.

Die Staatsanwälte fanden aber noch mehr. Laut Anklageschrift wurden im Verkaufsprospekt des ACI V Provisionen für den Verkauf von Immobilien sowie Werbekosten in Höhe von insgesamt 7.278.725,91 Euro nicht erwähnt. Das entspricht zusätzlichen Aufwendungen von noch einmal fast 40 Prozent des Eigenkapitals, über die die Anleger im voraus nicht informiert worden sein sollen.

Die Beschuldigten wollten sich gegenüber manager magazin dazu nicht äußern - ebensowenig, wie zu weiteren Merkwürdigkeiten, von denen Beobachter berichten. Mit der Kontrolle über die Verwendung der Anlegergelder etwa betraute das ACI-Management einen Gütersloher Rechtsanwalt. Dass dieser privat in direkter Nachbarschaft zu ACI-Chef Hanns-Uwe L. residiert, kann Zufall sein. Dass er jedoch offenbar die Anlegergelder kurzerhand auf ein Privatkonto von Robin L. in Dubai überwies, wohl weniger.

Jetzt stellen sich vor allem zwei Fragen: Was ist mit dem Geld aus den Fonds geschehen? Und wie viel ist noch verfügbar, um möglicherweise an die Investoren zurückgezahlt zu werden? Zumindest auf die zweite Frage hat Insolvenzverwalter Norbert Westhoff, dem die Pleitefonds II bis V anvertraut wurden, eine klare Antwort: "Nichts."

Millionenforderungen von Investoren

Laut Westhoff bieten die Beteiligungsgesellschaften, die von ACI einst mit blumigen Worten beworben worden waren, ein Bild der Ernüchterung. Bei zwei der vier Fonds wurden nicht einmal die Grundstücke erworben, um darauf die versprochenen Immobilienprojekte zu verwirklichen. Die beiden anderen Fonds befinden sich zwar im Besitz von Grund und Boden - außer einer Baugrube gibt es darauf aber nicht viel zu sehen.

Auf der anderen Seite stehen die Forderungen zahlreicher Investoren. Allein in Deutschland warten Anleger auf ihr Geld, die in jeden der Fonds im Schnitt fast 20 Millionen Euro eingezahlt haben. Hinzu kommen jene Immobilienkäufer im arabischen Raum, denen ACI die noch ungebauten Objekte Stück für Stück verkaufte. Laut Westhoff haben sie je Fonds bereits Anzahlungen in Höhe von bis zu 35 Millionen Euro geleistet.

Der Insolvenzverwalter spricht von Fehlbeträgen in Millionenhöhe in einigen Fonds. "Was ACI mit all den Geldern gemacht hat, lies sich noch nicht ermitteln", so Westhoff. "Das Management weigert sich bislang, eine genaue Buchführung vorzulegen."

Damit beschert ACI der Finanzbranche nicht nur einen weiteren veritablen Anlageskandal. Die Bundesregierung erhält gleichzeitig ein lebendiges Beispiel für die Probleme, die sie gerade per Gesetz in den Griff zu bekommen versucht.

Geplante Anlegerschutzgesetze greifen offenbar zu kurz

Schon vor Wochen hatte der Bundestag das "Gesetz zur Stärkung des Anlegerschutzes und Verbesserung der Funktionsfähigkeit des Finanzmarktes" verabschiedet, das vor allem strengere Regeln für die Beratungspraxis der Banken und Sparkassen enthält. Vergangene Woche dann beschloss das Kabinett in Berlin einen Gesetzentwurf, der sich der Finanzgeschäfte jenseits des Bankschalters widmet.

Dessen wesentliche Inhalte: Anbieter geschlossener Fonds und anderer Vermögensanlagen am grauen Markt müssen ihre Produkte künftig mit einem so genannten Beipackzettel versehen, dem Anleger die wichtigsten Informationen zu Kosten, Risiken und möglichen Renditen auf einen Blick entnehmen können. Zudem soll die Prüfung der Verkaufsunterlagen durch die Finanzaufsicht ausgedehnt werden. Freie Finanzberater werden der Aufsicht der Gewerbeämter unterstellt, müssen ihre Qualifikation nachweisen und eine Haftpflichtversicherung abschließen. Die für Anleger ungünstigen Verjährungsfristen schließlich werden verbessert.

Ein umfangreicher Ansatz also - aber reicht das? Wären Fälle wie der von ACI künftig nicht mehr möglich, wenn Berlin das Gesetz wie geplant umsetzt?

Die Fondsbranche gibt sich optimistisch. "Ob die kommende Regulierung geschlossener Fonds den Fall ACI hätte verhindern können, kann nicht beantwortet werden", sagt zwar Eric Romba, Geschäftsführer des Initiatorenverbandes VGF. Er glaubt aber, dass die Professionalität im Markt durch die kommenden Gesetze steigen wird. "Zukünftig wird es noch wichtiger darzulegen, wer man ist, woher man kommt, welche Erfahrungen man hat und welche Entwicklung die von den Emissionhäusern verantworteten Fonds genommen haben", so Romba. "Dies ist ein Thema, was der Verband schon lange verfolgt."

Experte: "Ein Fall wie ACI würde künftig auf keinen Fall verhindert"

Es sind aber auch deutlich kritischere Stimmen zu hören. "Ein Fall wie ACI wäre auch künftig ohne weiteres möglich", sagt zum Beispiel Rechtsanwalt Hartmut Göddecke aus Siegburg, der mehrere ACI-Anleger vertritt. "Das zeigt schon das Beispiel der mangelnden Kontrolle über die Mittelverwendung bei den Fonds, die die Überweisung der Gelder auf ein Privatkonto möglich machte."

Laut Göddecke sollte die Finanzaufsicht Bafin auch die Mittelverwendungskontrolleure und Treuhänder von Beteiligungsgesellschaften überwachen. "Die Gesetzesvorhaben sehen bislang nur vor, dass die Vermittler und Finanzberater einer strengeren Aufsicht unterworfen werden", sagt er. "Für die Emittenten sollte aber auch mehr Kontrolldruck ausgeübt werden."

Ähnlich sieht es Rechtsanwalt Peter Mattil aus München, der sich seit Jahren mit dem Thema befasst und im Berliner Gesetzgebungsverfahren als Sachverständiger gehört wurde. "Ein Fall wie ACI würde künftig auf gar keinen Fall verhindert", sagt Mattil. "Vor allem die Finanzaufsicht ist im grauen Kapitalmarkt nach wie vor viel zu wenig aktiv."

Zwar sollen die Aufgaben der Bafin künftig ausgeweitet werden. Mattil reicht das aber nicht. "Auch in Zukunft wird niemand bei der Finanzaufsicht der Frage nachgehen, ob ein Fonds wirtschaftliche überhaupt sinnvoll ist und alle Angaben im Prospekt auch richtig sind", sagt er. "Das ließe sich vermutlich praktisch auch gar nicht umsetzen."

Sein Fazit steht daher fest: Zwar hat die geplante Gesetzgebung von Schwarz-Gelb auch positive Züge, etwa die künftige Haftpflichtversicherung für freie Finanzberater oder die Abschaffung zu kurzer Verjährungsfristen. Generell aber könne man die Anleger per Gesetz kaum gegen unseriöse, zum Teil kriminelle Anlageanbieter schützen.

"Im Ausland gibt es Beteiligungsmodelle wie die hiesigen geschlossenen Fonds für Kleinanleger garnicht", sagt Mattil. "Der einzig wirksame Schutz wäre es, auch hierzulande diese Vermögensanlagen für Kleinanleger zu verbieten." Ein solcher Gesetzentwurf ist in Berlin allerdings noch nicht in Arbeit.

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