Schuldenkrise Spanien hofft auf die Sonne

Die EZB hat die Leitzinsen erhöht und stellt die spanische Wirtschaft damit vor ein erhebliches Problem, sagt Adrien Pichoud von der Banque Syz im Gespräch mit dem manager magazin. Um das zum Überleben nötige Wachstum zu retten, hoffen die Iberer jetzt auf die Sonne.
Von Arne Gottschalck
Strandleben: Nicht nur der Tourismus ist eine wichtige Säule für Spaniens Wirtschaft. Konzerne wie Gamesa und Iberdrola sind auch im Bereich erneuerbare Energien aktiv

Strandleben: Nicht nur der Tourismus ist eine wichtige Säule für Spaniens Wirtschaft. Konzerne wie Gamesa und Iberdrola sind auch im Bereich erneuerbare Energien aktiv

Foto: dapd

mm: Herr Pichoud, welche Folgen hat der Zinsentscheid der EZB für Spanien und für Deutschland?

Pichoud: Die spanische und die deutsche Wirtschaft finden sich heute auf ganz unterschiedlichen Positionen: Deutschland kann ein 3,6-prozentiges BIP-Wachstum im Jahr 2010 aufweisen, während das spanische BIP nur um 0,2 Prozent anstieg. Während die Arbeitslosigkeit in Deutschland seit Mitte 2009 zurückgeht und nun auf den niedrigsten Stand seit mehr als 20 Jahren gefallen ist, liegt sie in Spanien über 10 Prozent.

mm: Und der Zinsentscheid?

Pichoud: Angesichts dieser Elemente wird die spanische Wirtschaft voraussichtlich unter den höheren Zinsen leiden. Die spanische Finanzpolitik ist bereits aggressiv verschärft worden, indem die Regierung dafür kämpft, das öffentliche Defizit von über 9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2010 zu reduzieren. Kommt eine geldpolitische Straffung hinzu, kann das nur negative Folgen für Spanien haben.

Auf der anderen Seite macht die Situation der deutschen Wirtschaft eine Normalisierung der monetären Bedingungen erforderlich. Das gegenwärtige Niveau der kurzfristigen Zinsen ist bei weitem zu niedrig angesichts der Stärke der deutschen Volkswirtschaft. Würde die Bundesbank noch für die Geldpolitik verantwortlich sein, hätte sie schon vor vielen Monaten begonnen, die Zinsen anzuheben, um jedes Risiko einer Überhitzung zu vermeiden.

Mit anderen Worten: Während die Zinserhöhung die fragile spanische Erholung bedroht, ist sie notwendig mit Blick auf die mittelfristigen Aussichten in Deutschland.

mm: Es ist aber nur eine Erhöhung um 25 Basispunkte.

Pichoud: Ja. Man sollte bedenken, dass diese 25 Basispunkt-Anhebung des Refinanzierungssatzes auch für Spanien keine allzu schwere Bürde ist. Sie hat nicht das Potenzial, den langsam laufenden Aufwärtstrend der wirtschaftlichen Aktivität abzuwürgen. Während die 25 Basispunkte zwar ungünstig sind für Spaniens Wachstumsaussichten, dürften sie dennoch nicht den leicht positiven Verlauf der iberischen Wirtschaft umkehren.

mm: Höhere Zinsen schlagen ja auch auf die Kredite der Bürger durch - und in Spanien gibt es viele Darlehen mit flexiblen Zinsen. Kann sich der Privatkonsum da erholen?

Pichoud: Bis Ende 2008 wurden 98 Prozent der Hypotheken in Spanien mit einer flexiblen Rate unterzeichnet. Auch heute noch haben 85 Prozent der neuen Hypotheken so einen Zinssatz - in Deutschland sind es nur 15 Prozent. Daher wird der Zinsanstieg sicherlich die Konsumausgaben belasten, die bereits durch die hohe Arbeitslosigkeit und die Verschärfung der Fiskalpolitik gelitten haben. Und der Schritt ist auch ein Risiko für den spanischen Immobilienmarkt. Die kurzfristigen Aussichten sind also nicht sehr ermutigend für die spanischen Haushalte.

Hoffnung auf Tourismus und erneuerbare Energien

mm: Die Exporteure müssen also die ganze Last tragen - können sie das?

Pichoud: Es ist richtig, dass die Aussichten für die Inlandsnachfrage nicht gerade ermutigend sind. Und angesichts ihres relativ geringen Gewichts ist das eine schwere Last für die spanischen Exporteure. Auch in diesem Punkt ist Spanien nicht Deutschland! Immerhin wird der größte Teil der spanischen Exporte in den Rest der Eurozone geliefert, zuvorderst an Deutschland - so kann Spanien von der dortigen Nachfrage profitieren ohne unter Wechselkurseinflüssen zu leiden.

mm: Auf der einen Seite übernimmt der spanische Baukonzern ACS den deutschen Konkurrenten Hochtief , auf der anderen Seite muss die spanische Wirtschaft sehr kämpfen - wo liegt die Wahrheit?

Pichoud: Beides ist ein Teil der Wahrheit. Die Tatsache, dass einige gut geführte spanische, international tätige Unternehmen, gut sind - Inditex  ist ein weiteres Beispiel - bedeutet leider nicht, dass die gesamte heimische Wirtschaft das Gleiche tut.

mm: Werden spanische Unternehmen sich durch neue Unternehmensanleihen Geld beschaffen?

Pichoud: Wie die Regierung müssen auch spanische Unternehmen einen höheren Preis zu bezahlen, wenn sie heute Schuldverschreibungen ausgeben, mehr als vor der Schuldenkrise Anfang 2010. Daher ist diese Art der Finanzierung relativ teuer für sie, und wir sollten keine Flut von Unternehmensanleihen erwarten. Wie der Rest der Wirtschaft, sind spanische Unternehmen daher gezwungen, nach einem Jahrzehnt starken Wachstums und günstiger Finanzierung ihre Schulden abzubauen.

mm: Auch andere Länder werden unter höheren Zinsen leiden, zum Beispiel Irland oder Portugal. Welche dieser Länder werden sich am schnellsten erholen?

Pichoud: In Irland und Portugal sind variable Hypotheken ebenso üblich wie in Spanien. Haushalte aus diesen drei Volkswirtschaften werden somit die höheren EZB-Leitzinsen zu spüren bekommen. Und mit Blick auf die Struktur der Wirtschaft dürfte es Irland am heftigsten treffen, da sich jede Hoffnung auf Erholung auf die Exportwirtschaft stützt. Außerdem ist die Situation des irischen Bankensektors wahrscheinlich die schlechteste der Eurozone und ein Anstieg der Finanzierungskosten hilft da nicht gerade.

Spanien dürfte sich wahrscheinlich schneller als Irland und Portugal erholen - was aber nicht "schnell" heißt. Die Wettbewerbsfähigkeit verbessert sich allmählich dank der Sparmaßnahmen, das sind die Fundamente für eine mittelfristige Erholung. Während des schmerzhaften Prozesses der Anpassung könnte die marginale Unterstützung durch die Exporteure eine langsame, aber positive wirtschaftliche Expansion unterstützen.

Helfen könnte auch die Tourismusbranche, aus der ein signifikanter Anteil an der Wirtschaftskraft kommt. Angesichts der jüngsten Instabilität in Nordafrika werden die europäischen Touristen wahrscheinlich nur ungern das Mittelmeer überqueren und vielleicht Kurs auf Urlaubsziele in Spanien nehmen. Und die japanischen Ereignisse könnten weiter zugunsten der Erneuerbare-Energie-Unternehmen wirken, in denen Spanien ein starker Spieler ist - mit Unternehmen wie Abengoa , Gamesa  oder Iberdrola Renovables. Das Unglück des einen kann das Glück der anderen sein.

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Foto: LLUIS GENE/ AFP
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