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Millionärsträume: Die exklusiven Jachten der Wirtschaftskapitäne

Foto: VALERY HACHE/ AFP

Deutschlands Millionäre Let's Talk about Decks, Baby!

In Deutschland leben rund 800.000 Menschen mit einem Vermögen von mehr als einer Million Euro. mm-Redakteur Christian Rickens schreibt in seinem neuen Buch "Ganz oben" über Charaktereigenschaften und Lebensstil deutscher Millionäre - Reetdachhaus und edle Boote inbegriffen.

Hamburg - Das ochsenblutrote, über 60 Jahre alte Reetdachhaus versinkt fast im Schilf. Nur eine schmale Schneise führt durch die mannshohen Halme hindurch zum Ufer der Flensburger Förde. Es geht einer dieser endlos scheinenden, in zartes Violett getauchten Sommerabende zur Neige, die es nur im Norden gibt.

Besteckfabrikant Oliver Berking hat zum Gartenfest geladen.

Einmal umdrehen, und der Blick wandert zurück durch die Schneise im Schilf auf das weiße Festzelt und auf das mächtige Lagerfeuer. Mitten im Garten spielt ein schwarz gekleidetes Trio Jazzstandards: "Summertime, and the Living's Easy", und wer immer die blasslila Wiesenblumensträuße auf den weiß gedeckten Stehtischchen platziert hat, er hat geahnt, welche Farbe der Himmel heute Abend tragen würde.

Doch huch, einer scheint so gar nicht in diese Atmosphäre entspannter Eleganz zu passen: der Gastgeber.

Oliver Berking, ein kantiger Endvierziger, trägt auf seiner Stirn einen prächtigen Sonnenbrand, am restlichen Körper verwaschene Jeans und eine blaue Windjacke. Je länger man in die Runde schaut, desto stärker fällt auf: Die meisten Gäste haben es Berking gleichgetan. Viele tiefgebräunte oder sonnenverbrannte Gesichter und Polohemden, die über die Hose hängen. Einer der wenigen Gäste mit Anzug und Krawatte stellt sich im Gespräch als Hamburger Repräsentant der Schweizer Bankgesellschaft UBS heraus, der hier heute Abend reichen Kunden nachstellt - obwohl er das natürlich niemals so ausdrücken würde.

Regatta mit Zwölfern

Drei Stunden zuvor waren die meisten von Berkings Gästen noch draußen auf der Flensburger Förde, als Bootseigner oder Crewmitglieder bei der vermutlich exklusivsten Weltmeisterschaft der Welt: einer Regatta, gesegelt mit sogenannten Zwölfern. Das sind Oldtimer-Rennjachten der Baujahre 1912 bis 1939, rund 20 Meter lang. Sehr selten, sehr schön, sehr teuer.

Die edlen Holzboote, die Berking in seiner Freizeit segelt, und das teure Silberbesteck, das die Besteckmanufaktur Robbe & Berking seit 1874 herstellt, sie sind für Berking Ausdruck der gleichen Grundhaltung. In jedem Fall handelt es sich bei beiden um ziemlich subtile Statussymbole: Eine 185-teilige silberne Menügarnitur aus Berkings Haus kostet 27 000 Euro - doch man muss sie schon umdrehen, um am Prägestempel den Wert zu erkennen. Ansonsten sieht sie genauso aus wie das versilberte Besteck bei Karstadt.

Berking ist sich sicher: "Unsere Produkte werden nicht von Angebern gekauft, sondern von Überzeugungstätern." Berkings ganze Lebensführung, die ganze Atmosphäre seines Gartenfestes liefert einen Beleg für die Thesen des französischen Soziologen Pierre Bourdieu.

Bourdieu postulierte 1979 in seinem Hauptwerk "Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft": In entwickelten Industriestaaten wie Deutschland oder Frankreich sei die Oberschicht vom Rest der Gesellschaft zwar nicht mehr durch rechtliche Privilegien getrennt, aber mindestens ebenso wirksam durch Unterschiede in Lebenseinstellung und Verhalten, an denen Mitglieder der Oberschicht sich gegenseitig erkennen. "Habitus" hat Bourdieu diese Unterschiede getauft. Zum Wesen des Habitus gehört es, dass er in wesentlichen Teilen unbewusst bleibt und durch die soziale Herkunft bestimmt wird.

Psychisch und emotional stabiler

Eines der wichtigsten Kennzeichen des Oberschichthabitus laut Bourdieu: Die Fähigkeit, den gesellschaftlichen Komment so gut zu kennen, dass man ganz entspannt gegen ihn verstoßen kann. In der Windjacke zur edlen Gartenparty zu erscheinen, das ist solch ein gelassener Verstoß, der dem wohlhabenden Firmenerben gelingt - nicht aber dem erfolgshungrigen Bankberater.

Der Oberschichthabitus umfasst auch bestimmte Charaktereigenschaften. In der Studie "Vermögen in Deutschland" der Universität Potsdam mussten Millionäre Angaben zur Selbsteinschätzung ihres Verhaltens und ihrer Persönlichkeit machen. Dabei handelte es sich um Fragen, wie sie zum Beispiel auch in Einstellungstests verwendet werden. Die Fragen lassen Rückschlüsse zu auf fünf Charaktereigenschaften, von denen wir anhand einer Vielzahl von Studien wissen, dass sie die Chancen auf beruflichen Erfolg maßgeblich beeinflussen. Bei den knapp 500 befragten Reichen stellte sich nun heraus, dass ihre Persönlichkeitsausprägungen deutlich vom Durchschnitt der Bevölkerung abweichen - und zwar genau in jene Richtung, die üblicherweise als förderlich für beruflichen Erfolg angesehen wird.

Melanie Kramer, Soziologin in Potsdam, hat die Daten ausgewertet und fasst die Charaktermerkmale der Reichen so zusammen: "Sie sind weniger neurotisch, also psychisch und emotional stabiler. Außerdem sind sie häufiger extravertiert, sie sind gesellig und gern unter Menschen. Vermögende sind wesentlich offener für neue Erfahrungen, wissbegierig und tolerant.

Dagegen sind sie weniger verträglich und scheuen keine Konflikte." Besonders deutlich fallen diese Charakterunterschiede zur übrigen Bevölkerung bei jenen Reichen aus, die selbst aus der Mittelschicht aufgestiegen sind. Offenbar stimmt das Klischee vom Selfmade-Millionär, der sich mit unerschütterlichem Optimismus (und einer Spur Rücksichtslosigkeit) seinen Weg nach oben bahnt, auf dem Weg dorthin Menschen für sich einnehmen kann und sich auch von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen lässt.

Doch auch bei reichen Erben zeigen sich in signifikanter Weise die von Kramer genannten Charakterausprägungen. Diese Oberschichtsprösslinge können nicht aufgrund ihrer Charaktereigenschaften reich geworden sein - sie wurden ja bereits reich geboren. Hier funktioniert der Mechanismus offenbar in umgekehrter Richtung: In einem Oberschicht-Elternhaus aufzuwachsen fördert bestimmte Charaktermerkmale.

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